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17.11.2022

15:56

LNG

Tankerstau zeigt, dass Europas neuer Gasmarkt noch nicht funktioniert

Von: Christoph Herwartz, Klaus Stratmann

Händler parken zurzeit Tanker mit Flüssiggas im Wert von Milliarden Euro vor Europas Küsten. Das Gas wird dringend benötigt – doch Europas Infrastruktur hält nicht mit.

Die Händler warten auf den richtigen Zweitpunkt, das verflüssigte Gas in Europa abzuladen. AP

LNG-Tanker

Die Händler warten auf den richtigen Zweitpunkt, das verflüssigte Gas in Europa abzuladen.

Brüssel, Berlin Die große Zahl vor der europäischen Küste liegender Tanker mit Flüssiggas (LNG) an Bord zeigt laut Experten, dass der Gasmarkt in Europa noch nicht funktioniert. Laut Angaben der Analysefirma Vortexa vom 10. November ankern 34 Schiffe, die Flüssiggas (LNG) geladen haben, auf dem Meer, ohne einen Hafen anzusteuern. Die Zahl der Transporter könnte sich noch vergrößern: Laut Vortexa sind 30 weitere Schiffe auf dem Weg über den Atlantik nach Europa.

Europa und vor allem Deutschland brauchen das Gas zwar eigentlich. Doch derzeit sind 95 Prozent der Gasspeicher voll. Wo noch Platz ist, kommt das Gas wegen fehlender Infrastruktur kaum an.

Es fehlt an Terminals, um das Flüssiggas anzulanden; es fehlt an Regasifizierungsanlagen, die das Flüssiggas aus den Schiffen zu Gas aufbereiten, und es fehlt an Pipelines, mit denen das Gas in die Speicher und zu den Kunden gebracht werden könnte. „Das Grundproblem ist eine mangelnde Integration der europäischen Energiemärkte“, sagt der CDU-Energiepolitiker Christian Ehler. „Wir müssen mehr investieren.“

Die Engpässe bei der Infrastruktur kommen über die Preise bei den LNG-Händlern an: An den Gasbörsen rutschte der Preis in dieser Woche kurzzeitig noch einmal ins Minus. Denn die Käufer haben schlicht keine Möglichkeit mehr, den Verkäufern das Gas abzunehmen.

In besonderem Maße zeigt sich das in Spanien: Das Land hat zwar viele Terminals, ist aber kaum durch Pipelines mit dem Rest Europas verbunden. Darum lohnt es sich nicht, dort Gas abzuladen. Kürzlich haben sich Deutschland, Frankreich und Spanien auf den Bau einer neuen Verbindung geeinigt. Bis sie genutzt werden kann, wird es noch einige Jahre dauern.

LNG: Zusätzliche Tanks an den Terminals könnten helfen

Die naheliegende Überlegung, die Gasspeicher in Europa zu vergrößern, weisen die Speicherbetreiber zurück: „Die Gasspeicherkapazitäten entwickeln sich in Deutschland bereits seit 2014 rückläufig. Noch vor Jahren hatte die Politik diese Entwicklung mit dem Verweis auf vermeintliche Überkapazitäten positiv zur Kenntnis genommen“, sagte Sebastian Bleschke, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (INES). Es bestehe daher in der Branche eine „gesunde Skepsis“, wenn die Politik nach weiteren Investitionen rufe. 

Auch der Energieexperte Walter Bolz hält die Kapazitäten langfristig für ausreichend: „Europa verbraucht rund 500 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr. Unsere Speicher fassen gut 100 Milliarden Kubikmeter“, sagt er. „Das ist eigentlich ein ausreichendes Verhältnis, solange sich die EU-Staaten bei Knappheiten untereinander aushelfen.“ Hilfreich wäre laut Boltz, zusätzliche Tanks an den LNG-Terminals zu bauen. In diesen Tanks lagert das Gas in flüssiger Form, bevor es regasifiziert und in Pipelines geleitet wird.

Dass sich der LNG-Stau in den kommenden Jahren wiederholt, halten Experten für unwahrscheinlich. Die Probleme werden ganz andere sein, sagte auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Mittwoch. Sie sprach von einem „erheblichen Risiko“, dass Europa im kommenden Jahr etwa 30 Milliarden Kubikmeter Flüssiggas fehlen, um die Speicher wieder auf die aktuellen Füllstände zu bringen.

Abhängig ist das von Faktoren auf dem Weltmarkt wie dem Bedarf Chinas. Umso dramatischer könnten die Folgen sein, wenn das Gas wegen fehlender Infrastruktur seinen Weg nach Europa nicht findet, sobald es am Markt verfügbar ist.

Erstpublikation: 10.11.2022, 17:32 Uhr.

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