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02.03.2018

16:27

VW: Matthias Müller wehrt sich gegen Diesel-Nachrüstungen AFP

VW-Chef Matthias Müller

Er schätzt die Abgasnachrüstkosten für Diesel auf 1.500 bis 7.000 Euro pro Fahrzeug.

Matthias Müller

VW-Chef wehrt sich gegen Diesel-Nachrüstungen – und nennt Volkswagen „systemrelevant“

Von: Daniel Delhaes

VW-Chef Müller präsentiert Argumente gegen Diesel-Umrüstungen. Dadurch werde die Fahrzeugleistung gedrosselt – und Kunden würden das nicht mögen.

Berlin Vorne am Eingang steht Bernhard Mattes und wartet auf die Gäste. Der 61-Jährige schüttelt Hände, begrüßt mit einem schüchternen Lächeln im imposanten Markgrafen-Palais direkt am Berliner Gendarmenmarkt, in der Lobbyzentrale der Autobauer. Es ist Freitag, der 2. März 2018, Tag zwei für den neuen Chef-Lobbyisten der heftig kritisierten Leitindustrie des Landes. Formal nennt er sich Präsident des Verbands der Automobilindustrie.

Mattes hat einen schweren Abend hinter sich. Er musste sich im ZDF-Talk stellen und gegen scharfe Kritiker der Autobauer anreden: den Verbraucherschutzpräsidenten Klaus Müller (Grüne), den Chef der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, und Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Mattes ließ sogar zu, dass Resch ungestraft von „kriminellen Kartellen“ sprechen durfte.

All das scheint inzwischen erlaubt in der aufgeheizten Diskussion über saubere Luft in Städten. Für die Luftqualität sollen plötzlich die Autobauer zuständig sein und nicht etwa der Gesetzgeber, der die Abgasregeln festlegt und im Zweifel auch Grauzonen zulässt, die derzeit allerorten kritisiert, aber nicht beseitigt werden. So mancher in der Branche kam zu einem vernichtenden Urteil ob des kleinlauten und zaghaften ersten Auftritts des Präsidenten.

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„Die Debatte war nicht unbedingt von Sachargumenten geprägt, sondern von vielen Vorurteilen und Verdächtigungen“, sagt Mattes an diesem Freitag. Heute hat zum Glück nicht Maybrit Illner eingeladen, sondern der VDA selbst – so wie er es seit Ausbruch der Dieselkrise schon fünf Mal getan hat, um über die „Mobilität von morgen“ zu reden. So nennt sich das Format.

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    Daimler- und Bosch-Chefs im Publikum

    Ein exklusiver Kreis von rund 50 Gästen, darunter Politiker, Beamte aus den Ministerien und Lobbyisten aus der Branche sind eingeladen. Zu den Gästen gehören Dieter Zetsche (Daimler), Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) und Bosch-Chef Volkmar Denner.

    Auf dem Podium stellt sich Matthias Müller. Der einstige Porsche- und amtierende VW-Chef darf die Scherben aufsammeln, die die Branche und allen voran Volkswagen mit der Manipulation von Software für Abgasreinigungsanlagen verursacht haben. Sein Kontrahent ist ebenfalls eine entscheidende Figur: Winfried Kretschmann (Grüne), Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

    Er ist Ministerpräsident im Autoland Nummer eins mit den Konzernzentralen von Daimler, Porsche, Bosch und anderen Zulieferern, die maßgeblich von der Dieseltechnologie leben. Denen will Kretschmann auf der einen Seite helfen, auf der anderen Seite muss er aber auch für saubere Luft in der Landeshauptstadt Stuttgart, aber auch in Reutlingen und anderswo sorgen.

    Erstaunlich versöhnlich beginnt die Runde. VW-Chef Müller erklärt reuig, dass sein Unternehmen schwere Fehler begangen habe und sich bereits ändere. „Es sind keine Zeiten für einfache Antworten und für Alleingänge“, sagt er dann und reicht die Hand. „Es ist an der Zeit, die Distanz zur Politik wieder abzubauen“, sagt er. Ohne Kumpanei. „Es geht um eine Innovationspartnerschaft.“

    Denkanstöße ohne Beliebtheitspreis

    Der 64-jährige Müller gilt in der Branche als unberechenbar. Vergangenes Jahr forderte er im Handelsblatt den schnellen Abschied von Dieselsubventionen und dem Umstieg auf das Elektroauto, ohne vorher mit BMW-Chef Harald Krüger oder Daimler-Chef Dieter Zetsche zu reden.

    „Natürlich war mir klar, dass man mit solchen Denkanstößen keinen Beliebtheitspreis gewinnt“, sagt er an diesem Freitag. „Aber, wer es ernst meint mit der Elektromobilität, muss die Weichen jetzt stellen. Mit Besitzstandswahrung macht man keine Zukunft“, sagt er.

    Auch hat er nun auch eine andere Haltung zum Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das die Möglichkeit von Fahrverboten bestätigt hat. „Wir haben nach dem Urteil von Leipzig keine Zeit zu verlieren“, sagt Müller heute und plädiert dafür, Fahrverbote zu vermeiden, etwa durch eine „Verflüssigung“ des Verkehrs und der Umtauschprämie der Hersteller, mit der Halter älterer Diesel-Fahrzeuge neue kaufen können.

    „Ich bin froh, dass die Sache endlich Dynamik bekommt“, sagt Müller. Am Dienstag hatte er noch gesagt, dass er das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts nicht nachvollziehen könne, aber wohl akzeptieren müsse.

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    „Es geht nicht um Fahrverbote, sondern um Fahreinschränkungen“, sagt Kretschmann. Es gehe ja nur um „ein paar Straßen. Da muss niemand in Panik um sein Eigentum verfallen.“ Auch werde es seine Zeit dauern und viele Ausnahmen geben: „Selbst für Pizza-Fahrer.“ Er wirbt seit langem für die Einführung einer blauen Plakette durch den Bund, um „saubere“ Autos von „schmutzigen“ zu unterschieden.

    Die Luft werde zwar jedes Jahr besser. „Sie wird nur nicht schnell genug besser“, sagt der einzige grüne Ministerpräsident. In Stuttgart führen schon 50 Prozent saubere Euro-6-Fahrzeuge. Aber es gebe die Probleme aufgrund der Kessellage der Stadt. „Wir können es ohne bundeseinheitliche Regelung nicht kontrollieren“, sagt er.

    Kretschmann spricht sich für den Diesel aus

    Vor allem weiß er aber, dass allein bei Bosch 15.000 Arbeitsplätze am Diesel hängen. Deshalb will er „Restverbote“ für alte Autos. Und mit anderen Maßnahmen will er dafür sorgen, dass die modernen, sauberen Diesel auf die Straße kommen und eine Zukunft haben. Und auch Müller zeigt sich da offen, faire Regeln zu schaffen, wer eine Plakette bekommt und wer nicht.

    Es gelte für ihn zwar: „Mit Besitzstandswahrung macht man keine Zukunft“, sagt er, stellt aber auch klar: „Auf dem Weg ins emissionsfreie Zeitalter brauchen wir den Diesel, um unsere Umweltziele zu erreichen und weil er Teil der Lösung ist.“

    Zumindest für kurze Zeit wird es hitzig, als der Volkswagenchef erklärt, dass sein Unternehmen 2,5 Millionen Fahrzeuge mit Software-Updates umgerüstet habe. „Weil sie mussten“, erwidert Kretschmann. Schließlich waren es manipulierte Autos. Eine Million rüste Volkswagen noch freiwillig um, schiebt Müller hinterher. Die anderen Hersteller rüsteten gar nicht um, schimpft Kretschmann. „Da geht nichts voran.“

    In der Tat geht es langsam voran. Die Hersteller hatten sich beim ersten Dieselgipfel im August 2017 verpflichtet, mehr als fünf Millionen Fahrzeuge mit einem Software-Update zu optimieren. Im Bundesverkehrsministerium hieß es, inzwischen seien 92,3 Prozent der Fahrzeuge von Volkswagen umgerüstet worden.

    Weitere 2,84 Millionen Fahrzeuge wollten die Hersteller freiwillig umrüsten. Von ihnen ist laut Ministerium die Hälfte in der Umrüstung oder stehe „kurz davor“. Mit der Maßnahme würden die Emissionen wie von den Autoherstellern zugesagt um 25 bis 30 Prozent sinken. Die Reduktion zumindest bestätigt Müller an diesem Tag auch.

    Skepsis gegenüber Software-Updates

    Wenn die Umrüstung schon bei Software-Updates so lange dauere, dann sei absehbar, was eine Hardware-Umrüstung bringe, warnt Kretschmann. Er ist „skeptisch“, dass sie etwas bringe. Bis die Umrüstung erfolgt sei, sei das Problem vermutlich schon keines mehr.

    Müller hört das gern, denn er lehnt Hardware-Umrüstungen ab. Für ihn ist es „eine Operation am Herzen“ und nicht etwa die Aufgabe, einen Harnstofftank in einen Kofferraum zu legen. In der Theorie sei die Umrüstung möglich, „unter bestimmten Rahmenbedingungen“.

    In der Realität aber verschlechterten sich die Fahreigenschaften. „Die Kunden sind höchst kritisch bei Veränderungen der Fahreigenschaften“, warnt Müller. Sie seien „weit größer als öffentlich bekannt“. Wenn die Hersteller auch die Garantie und Gewährleistung übernehmen müssten, dauere die Entwicklung zwei bis drei Jahre. „Da frage ich: Macht das wirklich Sinn?“, sagt Müller.

    Die Kosten lägen zudem je nach Fahrzeug zischen 1.500 bis 7.000 Euro, das möge zwar Vertrauen schaffen, allerdings habe er auch Verantwortung für das Unternehmen, das er als „systemrelevant“ bezeichnet. Die 25 Milliarden Euro, die in den USA gezahlt werden mussten, reichten. „Wir können nicht auch noch 17 Milliarden Euro für Hardware-Umrüstungen zahlen.“

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