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09.02.2019

12:09

Medikamentenversorgung

Apothekerverband sieht flächendeckende Versorgung in Gefahr

Von: Gregor Waschinski

Der Apothekerverband fühlt sich durch Onlinekonkurrenz bedroht. Gesundheitsminister Spahn will ihnen helfen – mit Millionengeschenken.

Der deutsche Apothekerverband sieht vor allem die Onlineapotheken als Bedrohung. dpa

Apotheke

Der deutsche Apothekerverband sieht vor allem die Onlineapotheken als Bedrohung.

BerlinSchleichend verschwindet seit Jahren das rote Apotheken-A aus deutschen Straßen. Nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) gab es Ende 2018 noch 19.423 öffentliche Apotheken, ein Minus von 325 Betriebsstätten im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl sei mittlerweile auf dem tiefsten Stand seit Mitte der achtziger Jahre angelangt.

ABDA-Präsident Friedemann Schmidt sieht das als Alarmsignal. „Noch haben wir eine flächendeckende Arzneimittelversorgung, doch wenn sich nichts ändert, wird das bald nicht mehr so sein“, warnte er. Die Apothekendichte sei auf 23 Apotheken pro 100.000 Einwohnern zurückgegangen und liege damit deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 31.

Die Spitzenverband der gesetzliche Krankenversicherung (GKV) beobachtet den Abwärtstrend gelassen. Die Kassen fürchten vielmehr, dass Apotheker aus der aktuellen Diskussion um das Verbot von Versandapotheken im Internet zusätzliche Vergütungen herausschlagen wollen. „Eine Gelddruckmaschine für Apotheker darf es nicht geben“, sagte der stellvertretende GKV-Chef Johann-Magnus von Stackelberg dem Handelsblatt.

Die Lage der Apotheker ist ein Thema, das auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) umtreibt. Im Koalitionsvertrag hatten Union und SPD vereinbart, sich für ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten einzusetzen. Die ABDA sieht die Onlineapotheken als Bedrohung für die Arzneimittelversorgung in Deutschland.

Besonders regt die Apotheker auf, dass Arzneimittelversender aus dem EU-Ausland wie DocMorris oder die Shop Apotheke seit einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) im Herbst 2016 ihren deutschen Kunden Rabatte gewähren dürfen. Die Luxemburger Richter erklärten, mit dem Recht auf Boni würden Schwierigkeiten der EU-Anbieter beim Marktzugang in der Bundesrepublik ausgeglichen.

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Spahn steht einem Versandhandelsverbot skeptisch gegenüber. Im Dezember eröffnete der Gesundheitsminister der ABDA, dass er den Auftrag aus dem Koalitionsvertrag wegen europarechtlicher und politischer Unwägbarkeiten nicht umzusetzen gedenke. Schon in der vergangenen Legislaturperiode war Spahns Vorgänger Hermann Gröhe (CDU) mit dem Versuch gescheitert, Internetapotheken das Geschäft mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln zu untersagen.

Spahn schnürte den Apothekern ein verlockendes Paket. Für den Verzicht auf das Versandhandelsverbot sollen ihre Pauschalen für Nacht- und Notdienste verdoppelt werden, was einem Honorarplus von insgesamt rund 120 Millionen Euro entspricht. Weitere 240 Millionen Euro soll es dafür geben, dass Apotheker neue Beratungsleistungen in Bereichen wie Prävention oder Arzneimittelsicherheit erbringen.

Die Rabatte der EU-Versender sollen nach dem Willen des Ministers auf 2,50 Euro je abgegebene Packung begrenzt werden. Außerdem soll der Marktanteil der ausländischen Onlineapotheken bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten bei fünf Prozent gedeckelt werden. Derzeit liegt er bei gut einem Prozent.

Mitte Januar legte die ABDA ihre offizielle Reaktion auf Spahns Pläne vor. Die Aussicht auf Zusatzvergütungen von rund 360 Millionen Euro nahmen die Apotheker zufrieden auf. Auch von ihrer strikten Forderung nach einem Verbot der Onlinekonkurrenz rückten sie ab.

Apotheker fordern Rabattverbot

Allerdings verlangte der Verband, dass sich die EU-Versandhändler in Zukunft wieder an die deutsche Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente halten müssen. Das Rabattverbot soll nach den Vorstellungen der ABDA im Sozialgesetzbuch verankert werden. Damit wollen sich die Apotheker für eine erneute Klage der EU-Wettbewerber wappnen: In sozialrechtlichen Fragen gesteht der EuGH den nationalen Gesetzgebern meist einen größeren Gestaltungspielraum zu.

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„Der Abwärtstrend bei der Apothekenzahl zeigt, dass die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen stabilisiert werden müssen und dass die Apotheken eine bessere fachliche und ökonomische Perspektive brauchen“, findet Schmidt. Die Bundesregierung müsse nun zügige handeln. Wird die Preisgleichheit bei verschreibungspflichtigen Medikamente nicht wiederhergestellt, will die ABDA erneut auf ein Versandhandelsverbot dringen.

Spahn kündigte an, den Gegenvorschlag der Apotheker „in Ruhe“ zu prüfen. Unruhe löst die Position der ABDA dagegen beim GKV-Spitzenverband aus. Denn die zusätzlichen Honorare für die Apotheker müssten am Ende die Krankenkassen zahlen.

Dabei gebe es „Effizienzreserven im System“, sagt von Stackelberg. So zeige ein im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstelltes Gutachten, dass die Kassen für Leistungen der Apotheker bis zu eine Milliarde Euro mehr bezahlen würden, als bei einer kostendeckenden Vergütung eigentlich möglich wäre.

Der Markt konsolidiert sich

Das Ende 2017 veröffentlichte Gutachten macht nicht zuletzt eine Überversorgung in Ballungsgebieten für die schlechte wirtschaftliche Lage einiger Apotheken verantwortlich. Es gebe eine Marktkonsolidierung, „die sich in der seit Jahren entgegen der Schließungen von Apotheken steigenden Anzahl an Beschäftigten in Apotheken zeigt“.

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Die ungleichen Bedingungen für die Anbieter müssen schnell beseitigt werden. Andernfalls sind Deutschlands Apotheken bald abgehängt.

Durch das Aus unwirtschaftlicher Apotheken werde sich die Situation der verbleibenden Apotheken verbessern, heißt es in dem Gutachten weiter. „Die flächendeckende Versorgung ist in Deutschland aktuell nicht gefährdet.“

Aus Sicht der Krankenkassen sei beim Nacht- und Notdienstfonds eine bessere Vergütung jener Apotheken sinnvoll, „die für die Versorgung notwendig sind“, sagt von Stackelberg. „Dieses Ziel muss aber über eine Umverteilung erreicht werden und nicht mit zusätzlichen Beitragsmitteln der GKV.“ Es sei „nicht nachvollziehbar“, dass das Gesundheitsministerium die „Wirtschaftlichkeitsreserven“ bei den Vor-Ort-Apotheken außer Acht lasse.

Der GKV-Spitzenverband zweifelt auch, dass Zusatzhonorare im Umfang von 240 Millionen Euro für neue Beratungsleistungen nötig sind. In einigen Bereichen, etwa beim Medikationsplan, könne die pharmazeutische Kompetenz der Apotheker sicherlich zu einer Verbesserung der Patientenversorgung beitragen.

„Wunschträume der Apotheker“

Allerdings sei grundsätzlich zu prüfen, ob neue Leistungen auch einen zusätzlichen Nutzen für die Patienten bringen. „Hier werden wir überbordende Wunschträume der Apotheker sicherlich einfangen müssen“, sagt von Stackelberg.

Ein Verbot von Onlineapotheken lehnen die Krankenkassen ab. „Wer eine moderne Arzneimittelversorgung will, kann auf den Versandhandel nicht verzichten“, sagt von Stackelberg.

Auch Rabatte sollten die Arzneimittelversender nach Ansicht des GKV-Spitzenverbandes weiter geben dürfen. Diese müssten dann aber nicht dem einzelnen Patienten, sondern der „Versichertengemeinschaft“ zugutekommen. Im Klartext: Die Kassen wollen, dass die Boni-Ersparnisse in ihren Koffern landen.

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