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09.04.2010

17:26 Uhr

Merkels Morgenlage

Vom Girls’ Camp zur Boygroup

VonDaniel Goffart , Peter Müller

Seit zehn Jahren ist sie Parteichefin. Auch als Kanzlerin verlässt sich Angela Merkel im Kern noch auf Vertraute ihrer Anfangszeit. Seit Jahren arbeitet die CDU-Chefin besonders eng mit zwei verschwiegenen Mitarbeiterinnen zusammen, die selten öffentlich in Erscheinung treten. Merkel setzt auf langjährige Kontakte – mit Ausnahmen.

Eines der wenigen Fotos, das Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit ihrer Bürochefin Beate Baumann (links) zeigt. Die beiden Frauen arbeiten seit Jahren zusammen. dpa

Eines der wenigen Fotos, das Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit ihrer Bürochefin Beate Baumann (links) zeigt. Die beiden Frauen arbeiten seit Jahren zusammen.

BerlinZumindest eine Runde gibt es im politischen Berlin, aus der bislang noch keine Information, kein Zitat, keine Nachricht nach außen gedrungen ist. Die sogenannte Morgenlage bei Kanzlerin Angela Merkel ist noch verschwiegener als die parlamentarische Kommission zur Kontrolle der Geheimdienste. Täglich in der Frühe trifft sich diese Runde zu einer halben Stunde Presseschau, Tagesplanung und Manöverkritik.

Dabei verlässt sich Merkel seit Jahren auf zwei Frauen, die schon vor dem Einzug ins Kanzleramt ihre engsten Mitarbeiter waren: Beate Baumann und Eva Christiansen. Beide waren schon da, als Merkel vor zehn Jahren auf dem Parteitag in Essen zur CDU-Chefin gewählt wurde.

Seit jeher bilden die beiden den Kern des sogenannten Girls? Camp. Auch wenn die Legende des von CDU-Männern beschworenen Frauenbündnisses längst Staub angelegt hat, gilt die Trias Merkel, Baumann, Christiansen weiter als "erstaunlich stabil", wie es einer von Merkels männlichen Vertrauten sagt.

Natürlich stieg mit der Zahl der Berater im Kanzleramt auch die Zahl der Männer um Merkel. Das Girls? Camp wurde, um im Bild zu bleiben, durch eine politische Boygroup ergänzt. Im Kern aber verlässt sich auch die Kanzlerin Merkel weiter auf die, die von Anfang an dabei waren.

Die Vertraute als Schatten der Chefin

Bereits 1991 kam Baumann - auf Empfehlung des heutigen Ministerpräsidenten Christian Wulff - als Referentin zu Merkel ins Bundesjugendministerium, 1995 wurde sie Büroleiterin der Umweltministerin Merkel.

Baumann versteht sich bis heute als Schatten ihrer Chefin. Sie weicht nie von ihrer Seite, achtet aber gleichwohl immer darauf, möglichst nicht wahrgenommen zu werden. Obwohl Merkel zu den meistfotografiertesten Frauen Deutschlands zählt, gibt es nur wenige Bilder, die sie mit ihrer Vertrauten zeigen. Die vielen Versuche, über Beate Baumann an die Kanzlerin und Parteichefin heranzukommen, scheitern in aller Regel an der Strenge ihrer Büroleiterin. Baumann ist nicht dafür bekannt, besonders charmant und zugänglich zu sein.

Manche bezeichnen sie als spröde; in Wahrheit aber teilt Baumann in einer Art Geistesverwandschaft mit Merkel die nüchterne Sicht auf die Dinge des Lebens.

Merkel zieht Kompetenz und Loyalität einer Parteikarriere vor

Wie Baumann war auch Eva Christiansen längst an Merkels Seite, als die CDU-Chefin ins Kanzleramt einzog. Christiansen, die aus dem Rheinland stammt, kam 1998 zur Zeit der großen Wende ins Konrad-Adenauer-Haus nach Bonn. Helmut Kohl hatte gerade die Wahl verloren und die Parteispendenaffäre kam ins Rollen.

Dass Christiansen ihr Amt als stellvertretende Pressesprecherin der CDU begann, ohne vorher für die Partei gearbeitet zu haben oder gar deren Mitglied zu sein, spricht Bände über ihre Chefin Merkel. Als Ostdeutsche setzt sie mehr auf Kompetenz und Loyalität. Parteikarrieren und Linientreue sind Merkel eher suspekt, was nicht jeder im CDU-Apparat gerne sieht.

Seit 1. März hat die 40-jährige Volkswirtin Christiansen eine Stabstelle im Kanzleramt, ist zuständig für politische Planung sowie Grundsatz- und Sonderfragen. Zuvor war sie, nach kurzer Babypause, Medienberaterin der Kanzlerin.

Die dritte Frau in Merkels Umfeld

Seit kurzem gibt es eine dritte Frau in Merkels Umfeld: Sabine Heimbach, die stellvertretende Regierungssprecherin. Die gelernte Journalistin kennt den politischen Betrieb schon lange - als engste Beraterin der damaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth und des früheren Verkehrsministers Matthias Wissmann. Die heute mit dem Kommunikationschef von Siemens verheiratete Mutter zweier Kinder fügt sich perfekt in das Profil des Girls? Camps: fleißig, loyal und diskret.

Allerdings müssen auch alle Männer, die Merkel umgeben, diese Attribute erfüllen. Als engster Berater der Kanzlerin gilt Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Der gelernte Jurist und Rundfunkredakteur war schon Regierungssprecher von Edmund Stoiber. Merkel holte Wilhelm 2005 überraschend nach Berlin. Schon bald jedoch wird die Kanzlerin auf den Medienprofi verzichten müssen, wenn, wie erwartet, die Gremien des Bayerischen Rundfunks Wilhelm Anfang Mai zum neuen Intendanten wählen. Die Frage, wer Wilhelm nachfolgt, gehört zu den spannendsten Personalien, die derzeit in der Politik erörtert werden.

Drei Männer beraten Merkel im Kanzleramt

Fachlich stützt sich Merkel im Kanzleramt auf den Rat dreier Männer: Uwe Corsepius berät sie in Fragen der Europapolitik, Christoph Heusgen ist außenpolitischer Berater, und Jens Weidmann stand Merkel während der Finanzkrise als besonnener Wirtschaftsberater zur Seite.

Alle drei gelten als Experten mit besten Verbindungen in ausländische Regierungszentralen und deutsche Konzerne, wenngleich die drei nach außen stets die Rolle des diskreten Facharbeiters spielen. Erhöhte Testosteronwerte wie zu Gerhard Schröders Zeiten findet man in Merkels Männerwelt nicht.

Während das Girls? Camp zum Anfangsmythos der Parteichefin Merkel gehört, hat sich erst in den letzten Jahren eine politische Boygroup neben dem Beraterkreis der Spitzenbeamten gebildet. Mit dieser kleinen Schar kontrolliert Merkel oft auf Zuruf per SMS die Schaltstellen in Parlament, Koalition und Partei. Dazu gehört Peter Altmaier, der als parlamentarischer Geschäftsführer mit Fraktionschef Volker Kauder die Abgeordneten der Union steuert, Merkel aber persönlich näher steht als Kauder. Da ist Ronald Pofalla, langjähriger CDU-Wahlkampfmanager, der heute als Kanzleramtschef die undankbare Aufgabe hat, aus der Chaos-Koalition mit der FDP ein alltagstaugliches Bündnis zu formen. Und da ist Hermann Gröhe, der für Merkel als Generalsekretär in der CDU die Stellung hält - und als früher Befürworter von schwarz-grünen Bündnissen auf sich aufmerksam gemacht hat.

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