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16.02.2019

13:07

Mikromobilität

Minister Scheuer macht Weg für E-Scooter und Hoverboards frei

Von: Julian Olk, Michael Verfürden

Nach langem Warten kommen E-Scooter und selbstfahrende Skateboards wohl auch in Deutschland auf die Straßen. Anbietern winkt ein boomender Markt.

Bundesverkehrsminister Scheuer ist von Elektro-Tretrollern offenbar begeistert. E+/Getty Images

Die neue Mobilität

Bundesverkehrsminister Scheuer ist von Elektro-Tretrollern offenbar begeistert.

Düsseldorf Mikromobilität habe „ein enormes Zukunftspotenzial“, glaubt Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Seine Kritiker werfen ihm jedoch schon lange vor, sich nicht besonders um jene Zukunft zu scheren. Denn noch immer gibt es keine Zulassung für mikromobile Fahrzeuge auf deutschen Straßen, während E-Scooter und Hoverboards in anderen Ländern längst die Großstädte erobern. Seit Monaten wird im Ministerium an einer Verordnung zur Legalisierung herumgedoktert.

Doch der entscheidende Schritt ist jetzt gemacht. Wie das Handelsblatt aus dem Bundesverkehrsministerium erfuhr, befindet sich die Arbeit an der Verordnung für Fahrzeuge mit Lenkstange in der Schlussphase. Das Fahren mit E-Scootern, also elektrischen Tretrollern, würde damit erlaubt. Der „Spiegel“ hatte zuerst darüber berichtet. In den nächsten Tagen werde die Verordnung finalisiert und zu abschließenden Begutachtung der Europäischen Kommission und dem Bundesrat weitergeleitet. Im Frühjahr 2019 soll sie in Kraft treten.

E-Scooter sollen wie Fahrräder – nur mit besonderen Vorschriften – behandelt werden. Erlaubt ist die Benutzung auf Radwegen; wenn diese fehlen, auch auf der Straße. Die Scooter brauchen einen Versicherungsaufkleber. Ein Helm muss nicht benutzt werden, ebenso wenig braucht es einen Führerschein. Ursprünglich war vorgesehen, dass ein Mofa-Führerschein vorausgesetzt wird. Mit dieser Anpassung reagiert Scheuer auf die Kritik, dass damit vor allem jungen Leuten E-Scooter verwehrt blieben.

Zahlreiche Anbieter stehen in den Startlöchern

Gleichzeitig will der Minister eine Ausnahmeverordnung für Geräte ohne Lenkstange auf den Weg bringen. So sollen etwa selbstfahrende Skateboards, Hoverboards genannt, noch im ersten Halbjahr 2019 auf öffentlichen Straßen benutzt werden dürfen. Die Ausnahmeverordnung muss nicht dem Bundesrat zugeleitet werden und könne daher recht schnell durchgebracht werden, heißt es aus dem Ministerium.

Gerade im Bereich der E-Scooter stehen bereits zahlreiche Anbieter in Deutschland in den Startlöchern. „Zusammen mit dem ÖPNV sind sie eine echte zusätzliche Alternative zum Auto, ideal etwa für die letzte Meile von der U-, S-Bahn oder Bushaltestelle nach Hause oder zur Arbeit“, sagt Scheuer. Neben etlichen Start-ups plant Daimler in Deutschland den Markteinstieg mit seiner Unternehmenstochter Hive. BMW stellte vor zwei Wochen sein erstes E-Scooter-Modell vor.

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Eine aktuelle Untersuchung des Beratungsunternehmens McKinsey schätzt das Marktpotenzial von Angeboten im Bereich Mikromobilität bis 2030 in Europa auf 150 Milliarden Dollar, wovon sich mehr als die Hälfte allein mit E-Scootern verdienen lasse.

In Deutschland sieht McKinsey die Möglichkeit für einen Umsatz von 10 Milliarden Dollar mit E-Scootern bis 2030. „E-Scooter-Sharing rechnet sich deutlich schneller als etwa Car-Sharing. Es braucht weniger Auslastung, E-Scooter sind schneller profitabel. Das macht es für den Anbieter attraktiver“, sagt Kersten Heineke, McKinsey-Partner und Co-Autor der Studie. Derzeit wachse der Markt mit E-Scootern zwei- bis dreimal so schnell wie Car-Sharing.

Doch Heineke warnt. Anbieter müssten den Hype um die Tretroller nun auch möglichst schnell nutzen, um von der Bevölkerung akzeptierte Geschäftsmodelle aufzubauen: „Dafür ist im Vergleich zur aktuellen Situation sicherlich noch einiges an Professionalisierung notwendig.“ Erste E-Scooter-Investoren zweifeln offenbar bereits am Hype.

Ausgebremst durch Schnee und Vandalismus

Als Marktführer bei den E-Scootern gelten die US-Anbieter Bird und Lime, die auch einen Einstieg in Deutschland prüfen. Bird hatte im Januar 300 Millionen US-Dollar von der Private-Equity-Gesellschaft Fidelity erhalten. Doch die Unternehmensbewertung stagnierte damit bei zwei Milliarden US-Dollar. Bird-Chef Travis van der Zanden habe sich deutlich mehr erhofft, berichtete das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf Insider. Rivale Lime hatte in einer Finanzierungsrunde im Januar 400 Millionen US-Dollar eingesammelt und war damit dem „Wall Street Journal“ zufolge ebenfalls unter den eigenen Erwartungen geblieben.

Der Grund: Das Geschäftsmodell der Scooter-Firmen steht derzeit vor einer ganzen Reihe von Herausforderungen – angefangen beim Wetter. Für Schnee und Matsch sind die E-Scooter nicht geeignet. Unternehmen wie Bird und Lime ziehen in den USA deshalb ihre Scooter während der Wintermonate aus bestimmten Städten zurück. „E-Scooter funktionieren nur im Saisonbetrieb“, heißt es auch von der Stadt Bamberg, in der in Kooperation mit Bird das bisher erste und einzige Pilotprojekt mit E-Scootern in Deutschland läuft.

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Viele Start-ups beklagen außerdem die hohe Zahl geklauter oder zerstörter E-Scooter. Michael Keating von Scoot Networks aus San Francisco berichtet etwa, dass nur zwei Wochen nach dem Start seiner Firma 200 der 650 elektrischen Tretroller irreparabel beschädigt wurden oder verschwunden waren.

Dabei ist gerade die Lebensdauer der Scooter entscheidend für die Profitabilität. Bei Anschaffungskosten von rund 400 Dollar für einen E-Tretroller könne man schon nach gut drei Monaten die Gewinnzone erreichen, rechnet McKinsey vor. „Was die Bauweise der Fahrzeuge angeht, müssen sich die Anbieter noch steigern – und das werden sie sicher auch, vor allem um robustere E-Scooter auf den Markt zu bringen“, sagt Heineke. Der Hype sei noch nicht vorbei.

Und so legte Lime nach der Enttäuschung im Januar nur kurze Zeit später nach: Mit einer weiteren Finanzierungsrunde Anfang Februar über 310 Millionen Dollar steigerte das Unternehmen aus San Francisco seine Bewertung auf 2,4 Milliarden Dollar. Hierzulande sammelte etwa das Scooter-Start-up Flash von Delivery-Hero-Gründer Lukasz Gadowski kürzlich 55 Millionen Euro ein.

Deutsche Städte als tragender Baustein

Ob E-Scooter demnächst in Deutschland ein Erfolg werden, dabei ist vor allem die Rolle der Städte entscheidend, glaubt Gunnar Froh. Der 36-Jährige hat das Hamburger Unternehmen Wunder Mobility gegründet und bietet Software für verschiedene Sharing-Konzepte an, unter anderem für elektrische Tretroller. Zu Frohs Kunden zählen 30 Unternehmen in 50 Städten, darunter Daimlers Scooter-Projekt Hive.

Froh ist sich sicher, dass sich die Kommunen zukünftig nicht mit der Rolle als Zuschauer zufriedengeben: „Den Städten wird so langsam bewusst, dass sie das Thema innovative Mobilität selbst besetzen und regulieren sollten.“ Genauso wie immer mehr Städte die Energieversorgung rekommunalisieren, würden sie auch den Personenverkehr nicht den privaten Anbietern überlassen wollen. Erste Anfragen für kommunale Mobilitätsplattformen gebe es bereits.

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Die Idee: Wer einen Sharing-Dienst starten will, muss das auf der entsprechenden Plattform der Stadt tun. Der Verbraucher benötigte dann nur noch eine einzige App, um ein Bus-Ticket zu kaufen oder ein Auto oder einen E-Scooter auszuleihen. Die Stadt wiederum könnte mitkassieren und die Daten dazu nutzen, um die Dienste präziser zu regulieren.

„Wenn die Städte gleichzeitig Anbieter und Regulator sind, ergeben sich ganz neue Dynamiken“, sagt Froh. Sie könnten beispielsweise entscheiden, welche Konkurrenten mitmischen, wie viele Fahrzeuge sie auf die Straße bringen und wo diese stehen dürfen. „Da wird es dann für die privaten Unternehmen schwieriger“, sagt Froh.

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