Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

01.09.2019

09:44

Insgesamt haben acht Duos die nötige Bewerbungshürde genommen.

Oben von links: Ralf Stegner, Petra Köpping, Boris Pistorius. Unten von links: Olaf Scholz, Gesine Schwan, Karl Lauterbach, Simone Lange.

Insgesamt haben acht Duos die nötige Bewerbungshürde genommen.

Mitgliedervotum

Diese acht Kandidatenpaare ringen um den SPD-Vorsitz

Von: Martin Greive, Christian Rothenberg

In den kommenden Wochen stellen sich die Kandidaten für den SPD-Parteivorsitz der Basis vor. Ein Blick auf die Bewerber und ihre Chancen.

Berlin, Düsseldorf Wer tritt die Nachfolge von Andrea Nahles an und übernimmt die Führung der SPD? Die Bewerbungsfrist für den SPD-Vorsitz ist an diesem Sonntag abgelaufen. Die Kandidaten brauchten die Unterstützung von fünf Kreisverbänden beziehungsweise Unterbezirken, einem Bezirk oder einem Landesverband. Ein Überblick über die Bewerberduos, die die nötigen Hürden genommen haben und nun antreten:

Scholz/Geywitz

Personen: Olaf Scholz hatte eine Kandidatur zunächst mit dem Hinweis abgelehnt, sein Amt als Bundesfinanzminister lasse sich schon allein zeitlich nicht mit dem Parteivorsitz vereinbaren. Dennoch tritt er nun an. Der spröde Hanseat ist und war nie der Darling der Partei. Seine Wahlergebnisse als SPD-Vize sind legendär schlecht. Mit der Brandenburgerin Klara Geywitz hat er jetzt eine ostdeutsche Politikerin an seiner Seite, die betont bürgernah und bodenständig auftritt. Allerdings ist sie jenseits der brandenburgischen Landesgrenze so gut wie unbekannt.

Positionen: Das Duo will die Große Koalition über die Runden retten. „Wir stehen für eine SPD, die die Probleme löst. Das kann man nur in der Regierung“, sagt Geywitz.

Chancen: An der Parteibasis und in Teilen des Funktionärsapparats sind die Vorbehalte gegen die Berliner GroKo mittlerweile riesig. Das Duo steht vor einer großen Herausforderung, wenn es die Stimmung noch drehen will. Eine Forsa-Umfrage sieht Scholz und Geywitz dennoch als Favoriten – immerhin ist Scholz der prominenteste Bewerber.

Stegner/Schwan

Personen: Gesine Schwan hatte früh Interesse an einer Kandidatur signalisiert. Ihr Plan, mit Kevin Kühnert ein Duo zu formen, scheiterte. Der Juso-Chef wollte nicht. Die zweifache Kandidatin der SPD für das Amt der Bundespräsidentin einigte sich schließlich mit Ralf Stegner. Schwan ist langjährige Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission. Stegner ist Partei-Vize.

Positionen: Stegner ist die omnipräsente Stimme des linken Parteiflügels. „Nach dieser Legislaturperiode ist spätestens Schluss mit dieser sogenannten Großen Koalition“, sagt Stegner. Die SPD dürfe nicht weiter eine „ängstliche Vogel-Strauß-Politik betreiben“, ergänzt Schwan.

Chancen: Stegner und Schwan gehören zum Partei-Establishment. Stegner hat sich auch unter Parteifreunden den Ruf des ewigen Besserwissers redlich erarbeitet. Dass sich Schwan und Stegner selbst als „Powerduett“ bezeichnen, sorgt unter Genossen für Spott. Die „Kandidaten der Herzen“ sind sie sicher nicht.

Roth/Kampmann

Personen: Die ehemalige nordrhein-westfälische Familienministerin Christina Kampmann und Europa-Staatsminister Michael Roth haben sich Anfang Juli überraschend als Kandidaten-Duo für den Vorsitz ins Rennen gebracht. Kampmann ist NRW-Landtagsabgeordnete. Roth kommt aus Hessen und sitzt seit 1998 im Bundestag.

Position: Kampmann und Roth gehören zu den GroKo-Gegnern, wenngleich sie ihre Skepsis etwas dezenter vorbringen als andere Kandidaten. Die SPD müsse „wieder zu einer starken linken Volkspartei werden“, sagt Kampmann. Das Duo will die Schuldenbremse lösen und fordert mehr Investitionen.

Chancen: Eher gering. Die mangelnde Bekanntheit insbesondere von Christina Kampmann könnte eine Bürde für die Kandidatur sein.

Mattheis/Hirschel

Personen: Hilde Mattheis ist seit vielen Jahren so etwas wie die „linke Seele“ ihrer Partei. Die Abschaffung der Hartz-Reformen ist eines ihrer Anliegen. Die Bundestagsabgeordnete ist Vorsitzende des „Forums Demokratische Linke 21“ innerhalb der SPD. Ihr Partner Dierk Hirschel ist Mitglied im Vorstand der linken SPD-Gruppierung. Im Hauptberuf arbeitet Hirschel als Chefökonom der Gewerkschaft Verdi.

Positionen: Das Duo zieht offen gegen die Große Koalition in Berlin zu Felde. „Kämpft mit uns für eine Sozialdemokratie, die ihrem Namen alle Ehre macht“, ruft Mattheis ihren Unterstützern per Twitter zu. „Wir haben eine klare Analyse, warum die Partei am Boden liegt“, sagt Hirschel. Es gelinge der SPD in der Großen Koalition nicht, eine wirklich soziale Politik zu machen.

Chancen: Mattheis ist in der Partei eine feste Größe mit Unterstützerkreis im linken Flügel. Hirschel dagegen muss sich einem größeren Publikum erst noch bekannt machen. Bei GroKo-Gegnern dürfte das Duo punkten. Dennoch sind die Chancen sehr gering.

Köpping/Pistorius

Personen: Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping und der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius bilden eines von drei Ost-West-Duos im Wettstreit um die Parteispitze. Pistorius hat sich als Innenminister rund um Migration und innere Sicherheit einen Namen gemacht. Gegen islamistische Gefährder fuhr er schweres Geschütz auf. Köpping, die auf Erfahrungen als Kommunalpolitikerin verweisen kann, sieht sich als „starke Stimme aus dem Osten“.

Positionen: Ob rein oder raus aus der Großen Koalition sei für ihn nicht die Frage, sagt Pistorius. Man müsse schauen, „was mit der CDU noch möglich ist“. Eine Rezession müsse durch kluge präventive Wirtschaftspolitik abgefedert werden. In dieser Woche sprachen sich die beiden für eine große Steuerreform mit breiten Entlastungen für die Mittelschicht aus. Köpping sieht die SPD als Garantin für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Chancen: Köpping und Pistorius sind Pragmatiker mit Herz und Verstand. Der einflussreiche niedersächsische SPD-Landesverband erklärte seine Unterstützung für die beiden. Sie gehören zu den Bewerbern, die man ernst nehmen muss.

Lange/Ahrens

Personen: Simone Lange, Oberbürgermeisterin von Flensburg, hatte sich bereits beim SPD-Parteitag im April 2018 als Vorsitzende zur Wahl gestellt. Sie unterlag zwar gegen Andrea Nahles, erzielte aber mit knapp 28 Prozent der Stimmen einen Achtungserfolg. Alexander Ahrens ist Oberbürgermeister von Bautzen.

Positionen: Ahrens und Lange rücken die Belange der kommunalen Ebene in den Fokus. Es sei wichtig, aus den Kommunen heraus „Verantwortung für unsere Partei zu übernehmen, sie zu erneuern und die drängenden und wichtigen Themen unserer Zeit auf die Tagesordnung zu setzen“, sagt Ahrens.

Chancen: Ahrens ist auf Bundesebene so gut wie unbekannt, Lange dagegen hat sich seit ihrer Kandidatur im Frühjahr 2018 immer wieder zu Wort gemeldet. Sie profiliert sich mit dezidiert linken Positionen und geht mit dem Partei-Establishment hart ins Gericht. In einer Umfrage schnitten die beiden von allen Kandidatenpaaren am schlechtesten ab. Das Duo dürfte es schwer haben.

Scheer/Lauterbach

Personen: Karl Lauterbach und Nina Scheer sind zwar keine Stars der SPD, in der Bundestagsfraktion gehören sie aber zu den allseits anerkannten Fachleuten in ihren Bereichen. Das gilt insbesondere für den Gesundheitspolitiker Lauterbach. Scheer trommelt seit Jahren für eine engagiertere Energie- und Umweltpolitik.

Positionen: Lauterbach und Scheer haben die Große Koalition satt: „Wir gehen beide davon aus, dass die Große Koalition nicht in der Lage ist, den anstehenden Herausforderungen zukünftig gerecht zu werden“, steht in ihrem Bewerbungsschreiben. Beide zählen zum linken Flügel ihrer Partei.

Chancen: Lauterbach und Scheer sind seit Jahren auf ihre jeweiligen Themengebiete festgelegt, als Generalisten sind sie bislang nicht in Erscheinung getreten. Trotz aller Sympathie, die ihnen vom linken Parteiflügel entgegengebracht wird, dürfte es den beiden Bundestagsabgeordneten schwerfallen, große Teile der Basis von sich zu überzeugen.

Walter-Borjans/Esken

Personen: Norbert Walter-Borjans war von 2010 bis 2017 Finanzminister in NRW. In den 90er Jahren war er unter anderem Regierungssprecher des damaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau. Seine Partnerin Saskia Esken kommt aus Stuttgart und sitzt seit 2013 für die SPD im Bundestag.

Positionen: Walter-Borjans, Spitzname Nowabo, wurde bundesweit durch den Ankauf sogenannter Steuer-CDs bekannt und machte sich einen Namen als „Robin Hood der Steuerzahler“. Mit seinen linken Positionen in der Finanzpolitik ist er ein Gegenentwurf zu Scholz. Esken zählt ebenfalls zum linken Flügel der SPD. Sie sieht die Zukunft der Partei nicht in der Koalition mit der Union. „Die GroKo ist keine Basis dafür, mit klarer Haltung und klarer Botschaft neues Vertrauen zu schaffen und so ein soziales, fortschrittliches und linkes Bündnis anzustreben“, twitterte sie vor einigen Tagen.

Chancen: Das Duo hat im Bewerbungs-Endspurt für Schwung gesorgt und wird von den übrigen Kandidaten aufmerksam beäugt. Juso-Chef Kevin Kühnert deutete bereits Unterstützung für die beiden an. Auch andere ließen Sympathien erkennen. Walter-Borjans und Esken sind für eine Überraschung gut. Der Nachteil: Wie in den meisten anderen Bewerber-Duos ragt der männliche Kandidat heraus.

So geht es weiter

Folgendes Verfahren wurde vom SPD-Vorstand beschlossen: Die Kandidaten stellen sich ab Mitte kommender Woche in 23 Regionalkonferenzen der Basis und der Öffentlichkeit vor. Vom 14. bis zum 25. Oktober können die Mitglieder online oder per Brief abstimmen. Am Tag drauf soll das Ergebnis veröffentlicht werden. Bekommt kein Team mehr als die Hälfte der Stimmen, findet vom 19. bis 29. November eine Abstimmung der Basis zwischen den Erst- und Zweitplatzierten statt.

Formell abgeschlossen wird das Wahlverfahren für den SPD-Bundesvorsitz mit einem Parteitag in Berlin, der vom 6. bis 8. Dezember stattfindet. Für die Suche nach einem neuen Parteivorsitz per Mitgliederbefragung rechnet die Bundes-SPD mit Kosten von bis zu knapp zwei Millionen Euro.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×