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16.10.2018

18:29

Für den Produktionsstandort Deutschland ist ein schneller 5G-Ausbau wichtig. picture alliance / Westend61

Automatische Prozesse in der Fabrik

Für den Produktionsstandort Deutschland ist ein schneller 5G-Ausbau wichtig.

Mobilfunkstandard

Trotz Spionagegefahr bei 5G – Deutschland setzt auf Technologie aus China

Von: Dana Heide, Stephan Scheuer

Aus Angst vor Spionage haben Australien und die USA einige Anbieter vom 5G-Ausbau ausgeschlossen. Die Bundesregierung will Kontrolle statt Verbote.

Berlin, Düsseldorf Maschinen, die ihre Produktionsdaten austauschen, Autos, die per Satellit angezeigt bekommen, wo sie langfahren sollen, aber auch Videotelefonate, Dokumente, Baupläne – all diese Daten sollen künftig in riesigen Mengen mit dem neuen Mobilfunkstandard 5G superschnell von A nach B geschickt werden.

International bringen sich derzeit Unternehmen in Stellung, um sich an dem Aufbau zu beteiligen. Weltweit größter Netzwerkausrüster ist das chinesische Unternehmen Huawei. Auch in Deutschland ist der Konzern in Kooperation mit der Deutschen Telekom an ersten Versuchen des Aufbaus der Technologie beteiligt.

Allerdings steigt die Sorge, dass dies zu einem Einfallstor für Industriespionage werden könnte – Huawei werden enge Verbindungen zur chinesischen Regierung nachgesagt. Jüngst hatte Australien Huawei aus Gründen der nationalen Sicherheit vom 5G-Ausbau ausgeschlossen. Auch in den USA wird der Einstieg des Unternehmens immer wieder blockiert.

In Großbritannien hatte der Bericht eines Gremiums zur Überwachung von Huaweis Technologie für die Regierung zuletzt die Frage aufgeworfen, ob dessen Einsatz beim Aufbau von kritischen Infrastrukturen ein Sicherheitsrisiko für das Land darstellt.

Die deutsche Bundesregierung setzt im Umgang mit dem Konzern dennoch lieber auf Kontrolle statt auf Verbote – und will dies laut Informationen des Handelsblatts auch so beibehalten. „Eine konkrete gesetzliche Grundlage mit der Rechtsfolge des kompletten oder teilweisen Ausschlusses eines bestimmten Anbieters vom 5G-Ausbau in Deutschland existiert nicht und ist nicht geplant“, heißt es in der Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine schriftliche Frage von Katharina Dröge, Sprecherin der Grünen im Bundestag für Wettbewerbs- und Handelspolitik.

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Bundesregierung setzt auf Pragmatismus

Neuen Auftrieb hatte die Debatte über den Einsatz von chinesischer Technik jüngst durch einen Bericht des Nachrichtenmagazins „Bloomberg Businessweek“ bekommen. Die Autoren schreiben unter Berufung auf 17 Quellen, dass das chinesische Militär Spionagechips in die Serverproduktion eingeschleust habe.

Betroffen seien unter anderem der US-Handelskonzern Amazon und der Smartphonehersteller Apple. Obwohl die Unternehmen dementierten und auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) laut eigenen Angaben noch keinen Nachweis für die Korrektheit des Berichts hat, halten deutsche Sicherheitsexperten die Darstellungen für plausibel.

Die Vizevorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Nadine Schön (CDU), hatte als Reaktion auf den Bericht dazu aufgerufen, kritisch zu hinterfragen, dass die Mobilfunkanbieter beim Rollout der neuen 5G-Technologie in Deutschland offensichtlich überwiegend auf den chinesischen Partner Huawei setzen. „Wir dürfen gerade in sensiblen Bereichen nicht zunehmend auf andere angewiesen sein“, sagte Schön.

Statt bestimmte Unternehmen vom deutschen Markt fernzuhalten, setzt die deutsche Regierung derzeit auf Pragmatismus. Insbesondere das BSI soll ein Auge auf die Technologie haben. „Im Netzwerkmarkt gibt es einige Unternehmen, deren Produkte in wesentlichen deutschen Netzinfrastrukturen umfassend eingesetzt werden“, sagte BSI-Chef Arne Schönbohm im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Wir gehen mit dieser Realität pragmatisch um, indem wir uns anschauen, ob die Netzwerkausrüster die Anforderungen an die IT-Sicherheit erfüllen.“

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Huawei habe dem BSI bereits angeboten, dass es Einblick in die Quellcodes, also die Programmierung, erhalten kann. „Mit diesem präventiven Ansatz vertiefen wir gezielt unser Verständnis der Produkte und können gegebenenfalls erforderliche Vertrauensaussagen fachlich untermauern, insbesondere wenn Produkte in kritischen Bereichen zum Einsatz kommen könnten“, so Schönbohm.

Auch die Deutsche Telekom, die mit Huawei bei 5G in Deutschland zusammenarbeitet, sieht sich auf der sicheren Seite. Auf Anfrage verweist das Unternehmen auf sein abgestuftes Sicherheitssystem. „In besonders sensiblem Umfeld testen wir stichpunktartig mit aufwendigen Verfahren verbaute Komponenten bis auf ihre Bestandteile“, so ein Konzernsprecher. Um völlig sicherzugehen, würden zudem abgehende Datenströme konstant überwacht. „Stellen wir Auffälligkeiten fest, nehmen wir fragliche Geräte so lange vom Netz, bis eine Untersuchung abgeschlossen ist“, versichert der Sprecher.

Sicherheitsexperten halten das Vorgehen der Bundesregierung und der Unternehmen für leichtsinnig. Der Cybersicherheitsexperte Sandro Gaycken, Direktor des Digital Society Institute an der privaten Hochschule ESMT in Berlin, vermutet hinter dem Festhalten an Huawei als Anbieter Kostengründe. „Es ist unmöglich, alle Schwachstellen zu entdecken“, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Zweifel bleiben bestehen

Auch Chinaexperten wie Jan Weidenfeld vom Mercator-Institut für China-Studien (Merics) in Berlin sind besorgt. „Ich bin sehr skeptisch, dass das BSI wirklich kontrollieren kann, dass keine Daten abfließen“, sagte Weidenfeld im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Großbritannien hat es auf die gleiche Weise versucht und musste sich am Ende eingestehen, dass eine Überwachung der IT-Sicherheit nicht möglich ist.“

Weidenfeld fordert, dass die Bundesregierung über eine stärkere Industriepolitik im Bereich 5G nachdenken soll. In der deutschen Debatte liege derzeit ein starker Fokus auf dem Schutz vor Übernahmen von Hidden Champions.

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Das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet an einer Verschärfung der Außenwirtschaftsverordnung, die deutsche Unternehmen vor der Übernahme durch unliebsame Investoren aus dem Ausland schützen soll. „Dabei ist es die Kernaufgabe des Staates, kritische Infrastrukturen wie 5G zu sichern“, so Weidenfeld. „Über die Gefahren, die von chinesischen Netzausrüstern ausgehen, wird zu wenig gesprochen.“ Die Technologie sei enorm wichtig für die Zukunft.

Auch die Grünen fordern ein härteres Vorgehen. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) plane einen Milliarden-Fonds, um unerwünschte Firmenübernahmen durch ausländische Investoren zu verhindern, so Grünen-Politikerin Dröge. „Wenn es aber um den Aufbau neuer kritischer Infrastruktur geht, stellt sich die Bundesregierung völlig blind. Bei einem Land wie China, das im Big-Brother-Stil seine eigenen Bürger durchleuchtet, erscheint das gefährlich naiv.“

Huawei selbst wehrt sich gegen die Angriffe und arbeitet betont kooperativ mit staatlichen Behörden zusammen. Tatsächlich hatte der Chef von Kanadas staatlicher Cybersecurity-Behörde zuletzt öffentlich gesagt, dass die Sicherheitsmaßnahmen des Landes ausreichen, um mit den Risiken durch mögliche Spionage durch China umzugehen. Ein Verbot wie das in Australien oder in den USA sei nicht nötig.

Huawei habe einen „sehr umfangreichen Ende-zu-Ende-Ansatz“ im Bereich Cybersicherheit entwickelt, heißt es von einem Sprecher des Unternehmens. Der Konzern habe auf allen Prozessebenen systematisch Sicherheitsüberlegungen und -maßnahmen implementiert, „auch und gerade im Lieferanten- und Lieferkettenmanagement“. Zu dem jüngsten Ausschluss des Konzerns sagte ein Sprecher: „Wir sind zuversichtlich, dass Australien eine Ausnahme bleibt.“

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