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01.08.2019

15:51

Munich-Re-Experte im Interview

„Förderung von Technologie bringt viel mehr, als sich für Flugreisen zu schämen“

Von: Thomas Tuma, Christian Schnell

Ernst Rauch ist „Chief Climate and Geo Scientist“ der Munich Re. Der Experte spricht über die Dringlichkeit neuer Technologien, „Fridays for Future“ und die Leistung von Greta Thunberg.

Der Klima-Experte der Munich Re beobachtet alle Klimafaktoren die für die Rückversicherung relevant sind. © argum / Thomas Einberger für Handelsblatt

Ernst Rauch

Der Klima-Experte der Munich Re beobachtet alle Klimafaktoren die für die Rückversicherung relevant sind.

Die Munich Re erwartet in den kommenden Jahren eine weitere Steigerung der weltweiten Schäden durch Naturkatastrophen – auch aufgrund des Klimawandels. „Der Trend ist eindeutig: Es wird, trotz gelegentlicher Ausschläge nach unten, teurer werden“, sagt Ernst Rauch. Er ist als „Chief Climate and Geo Scientist“ so etwas wie der oberste Klimaexperte seines Konzerns.

Die Rekordsumme von rund 340 Milliarden Dollar, die 2017 vor allem wegen der verheerenden Hurrikane Harvey, Irma und Maria anfiel, könnte so schon bald übertroffen werden, auch wenn das erste Halbjahr 2019 mit 42 Milliarden Dollar deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt lag. „Man muss das langfristiger sehen als nur für ein Halbjahr oder Jahr“, mahnt Rauch.

Der Tag des Interviews mit dem Handelsblatt war für den Chef-Klimatologen des weltgrößten Rückversicherers ein besonderer: Am 29. Juli war „Erdüberlastungstag“. Er markiert den Tag, an dem rein rechnerisch alle ökologischen Ressourcen eines Jahres aufgebraucht sind. Seither leben wir also auf Pump.

Von den Bürgern fordert Rauch vor diesem Hintergrund, dass sie die Politik bei allen Maßnahmen unterstützen, die neue Technologien zur Reduzierung von Treibhausgasen fördern. „Das bringt viel mehr, als sich für private Flugreisen zu schämen“, so Rauch.

Schließlich stehe der Anteil des privaten Flugverkehrs in der Gesamtrechnung bei Weitem nicht an erster Stelle. Auch bringe es nichts, den Föhn von heiß auf kalt zu stellen, wie er kürzlich in einem Magazin als Klimaschutz-Tipp gelesen habe. „Dahinter verschwinden die wirklich relevanten Ansätze, die eine völlig andere Dimension haben.“ Es gehe nicht um Verzicht, sondern um Technologie.

Nicht zu unterschätzen ist für Rauch die Rolle der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg. „Man muss ehrlich zugestehen: Die Bewegung hat international ein neues Bewusstsein geschaffen“, so Rauch. „Erstaunlich wenig“ Einfluss auf die Debatte oder gar die Wirtschaft seines eigenen Landes habe dagegen US-Präsident Donald Trump, der vom Klimawandel bisher nichts wissen will: „Die amerikanische Wirtschaft handelt da sehr pragmatisch, denn viele neue Technologien, gerade im Bereich der erneuerbaren Energien, versprechen ökonomische Vorteile“, diagnostiziert Rauch.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Rauch, die Munich Re ist der größte Rückversicherer der Welt, kennt sich also mit Katastrophen aller Art aus. Wie hat sich der Faktor Klimawandel für Ihren Konzern in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt?
Wir waren in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts sicher eines der ersten Unternehmen, das den Klimawandel als Ursache für wachsende Schäden thematisiert hat. Damals gab’s ja noch viel weniger Daten, insofern folgte unser Interesse anfangs eher einem Bauchgefühl, dass sich da etwas verschiebt. Andererseits waren wir immer ein wissensgetriebenes Unternehmen.

Mit wie vielen Fachleuten fingen Sie an?
Wir starteten mit vier Mitarbeitern für den Bereich Naturgefahren, davon war einer Meteorologe. Heute arbeiten dort im weiteren Sinne konzernweit rund 30 Kollegen, die weltumspannend Wetterphänomene beobachten und analysieren, einschließlich Klimaforschung.

Ist mit dem Thema auch Ihre berufliche Bedeutung gewachsen?
Meine Erfahrung aus über 30 Jahren hier: Man hat uns von Anfang an und mit wachsendem Interesse nicht nur intern zugehört. Wir werden auch andernorts als Experten weit über den Finanzsektor hinaus wahr- und ernst genommen. Es ist ja überdies längst unbestritten, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel einen entscheidenden Einfluss hat und dass er sich negativ auf Wettergeschehnisse auswirkt und zu steigenden Schäden beiträgt.

Schauen Sie sich nur die direkten Kosten an oder auch indirekte wie etwa wachsende Flüchtlingszahlen?
Wir beobachten vor allem Faktoren, die sich auf die Versicherung auswirken. Dazu gehören zwar auch manche indirekt entstehenden Schäden wie etwa Produktionsunterbrechungen. Aber natürlich nicht die Folgekosten einer Flüchtlingsbewegung. Das sind gesamtgesellschaftliche Fragen, an die man kein Preisschild mehr hängen kann.

Apropos Geld: Das Jahr 2017 brachte mit 340 Milliarden Dollar die bislang größte weltweit gemessene Schadenssumme durch Naturkatastrophen. Wie wird es weitergehen?
Der Trend ist eindeutig: Es wird, trotz gelegentlicher Ausschläge nach unten, teurer werden.

Laut Ihrem jüngsten Halbjahresbericht ging die Zahl der wetterbedingten Katastrophen zuletzt eher zurück. Nur ein saisonaler Zufall?
Richtig. Es fielen Schäden von 42 Milliarden Dollar an, von denen nur rund 15 Milliarden versichert waren, also etwa ein Drittel. Man muss das aber langfristiger sehen als nur für ein Halbjahr oder Jahr. Und unabhängig vom Klimawandel können wir jetzt schon sicher sagen: Im zweiten Halbjahr drohen die immer wiederkehrenden tropischen Wirbelstürme, die in der Regel weit höhere Schäden verursachen.

Was bedeutet es eigentlich, wenn ausgerechnet der amtierende US-Präsident den Klimawandel noch nicht wahrhaben will?
Erstaunlich wenig. Die amerikanische Wirtschaft handelt da sehr pragmatisch, denn viele neue Technologien, gerade im Bereich der erneuerbaren Energien, versprechen ökonomische Vorteile. Vor zwei Jahren, kurz nach der Präsidentenwahl, war ich in den USA mit einer Delegation unterwegs. Unser Fazit: Der amerikanische Ausstieg aus dem Paris-Abkommen zur Reduzierung der Treibhausgase hatte keinerlei erkennbare Auswirkungen auf Forschung, Entwicklung und die Industrie der USA.

Wir wollen den Klimawandel nicht leugnen, aber Munich Re und andere Rückversicherer haben auch ein Eigeninteresse daran, das Thema zu setzen, oder? Nur so erhöhen Sie die Zahl der Versicherten – und damit den Umsatz.
Das ist nur eine Seite der Medaille. Einerseits ist der nichtversicherte Anteil der Klimaschäden – das heißt für die gesamte Branche – in den vergangenen Jahren tatsächlich immer kleiner geworden …

... das Geschäft der Munich Re läuft also …
… während wir andererseits aber auch wissen: Es kann auf Sicht von zwanzig Jahren oder mehr passieren, dass wir in eine Ära der Nicht-Versicherbarkeit geraten.

Wie meinen Sie das?
Steigende Risiken bedeuten steigende Preise, sonst kann der Versicherer das Risiko auf Dauer nicht tragen. Dann kann es zum Beispiel sein, dass sich Hausbesitzer den Sturm- und Hagelschutz gar nicht mehr leisten können. In Florida etwa, mit seinem hohen Hurrikan-Risiko, geraten manche Hausbesitzer schon heute allmählich an Grenzen. Das wiederum kann am Ende auch nicht mehr in unserem Interesse sein.

Besonders hart trifft der Klimawandel bislang Entwicklungs- und Schwellenländer. Ihre Branche arbeitet an Lösungen, etwa Ernteversicherungen. Ist das Wohltätigkeit oder ein Geschäftsmodell?
Beides hilft ja. Und diese Länder brauchen dringend Antworten auf die Entwicklung – aus humanitären und ökonomischen Gründen. Sie sind einfach am verletzlichsten. Große Naturkatastrophen wie zuletzt die Wirbelstürme über Mosambik bedeuten dramatische Schocks für die jeweilige Volkswirtschaft. Da kann bei der Prävention die UN unterstützen, aber auch etliche Public-private-Partnerships machen Mut.

Gibt es Weltregionen, die man schon heute verloren geben muss?
Nein, das würde ich auch nie machen – schon aus humanitär-ethischen, aber auch aus sachlichen Gründen. In den meisten Fällen sind die erforderlichen Maßnahmen ohnehin gar nicht so gigantisch, wie Sie vielleicht fürchten. Man muss zum Beispiel nicht ganz Bangladesch mit einer zehn Meter hohen Mauer vor Sturmfluten sichern. Dort hat sich gezeigt, dass einfache Schutzräume auf Stelzen bereits sehr viel helfen. Die Opferzahlen sind dadurch schon rapide zurückgegangen.

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Kommentare (5)

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Herr Jürgen Popp

01.08.2019, 16:27 Uhr

Das was die Experten fordern, neue Technologien, ist genau die richtige Antwort. Wie aber will man das erreichen, mit einer Jugend die leber integriert als forscht, die lieber Sozialwissenschaften studiert als die Mathe, Physik, Chemie, Informatik Fächer ???
Die Erbengeneration ist zu faul, die Rest hat andere Prioritäten. So wird das nichts.

Herr Christian Trüe

01.08.2019, 18:14 Uhr

Was erwarten Sie bei der Führung durch die 68-er Generation. Es ist wichtiger seinen Namen tanzen zu können, als die Naturwissenschaften zu studieren.

Auch ist bei dieser familien- und bildungsfernen Politik durch kinderlose Politiker nichts anderes zu erwarten.

Lieber investieren (oder verschwenden) wir das Geld für alle anderen außer unserem eigenen Volk. Eine völlig neue Interpretation des Eides "Zum Wohle des deutschen Volkes ..."

Herr Josef Müller

01.08.2019, 18:33 Uhr

Auf Flugreisen und Kreuzfahrten zu verzichten, bringt sofort etwas fürs Klima. Bis neue Technologien eingesetzt werden können und dann auch in der Breite tatsächlich eingesetzt werden, dauert es Jahre bis Jahrzehnte. Soviel Zeit bleibt aber nicht mehr, um die Klimaziele erreichen zu können.
Außerdem wird der Einsatz der neuen Technologien das Reisen mit Flugzeug und Schiff höchstwahrscheinlich verteuern.
Beim Flugverkehr reicht es auch nicht, Kerosin durch E-Fuels zu ersetzen. Die Kondensstreifen spielen hier eine mindestens genauso große Rolle.
Siehe: https://www.n-tv.de/wissen/Das-Klima-Dilemma-des-Fliegens-article21119145.html

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