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23.07.2019

14:37

Nach Ermittlungen

Ex-DFB-Präsident Zwanziger gibt seine Bundesverdienstkreuze zurück

Von: Sönke Iwersen

Theo Zwanziger gibt seine 2005 und 2012 erhaltenen Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland zurück. Der Grund: Der ehemalige DFB-Chef fühlt sich öffentlich vorgeführt.

Der ehemalige DFB-Chef will keine Orden der Bundesrepublik mehr tragen. imago/foto2press

Fußballfunktionär Zwanziger

Der ehemalige DFB-Chef will keine Orden der Bundesrepublik mehr tragen.

Düsseldorf Er fühlt sich verletzt, zu Unrecht verfolgt und öffentlich vorgeführt: „Ordensrückgabe“ steht als Betreff auf dem Brief, den der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger vor wenigen Tagen an den Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier richtete. Von dem Staat, der so mit ihm umging, will Zwanziger keine Orden mehr tragen. Und das, obwohl ihm diese Orden mit warmen Worten angeheftet wurden.

Am 27. Mai 2005 erhielt Zwanziger vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler das Große Verdienstkreuz, am 25. Januar 2012 ehrte ihn Bundespräsident Christian Wulff mit dem Verdienstkreuz Erster Klasse. „Bei ihm stehen Menschlichkeit und Fairness immer im Vordergrund“, sagte Kurt Beck, der damalige Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz, 2005 über Zwanziger, der von 2004 bis 2012 an der Spitze des DFB stand.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sagte 2012: „Theo Zwanziger hat während seiner Präsidentschaft sozial- und gesellschaftspolitische Schwerpunkte gesetzt und damit gezeigt, dass der DFB nicht nur ein Fußballverband, sondern auch ein starkes Stück Gesellschaft ist. Für sein großes Engagement verleiht ihm die Bundesregierung diese besondere Auszeichnung.“

Am Morgen des 3. November 2015 stand Zwanziger wieder deutschen Beamten gegenüber, diesmal kamen sie aber direkt zu ihm ins Haus – und durchsuchten es dann. Die Affäre Sommermärchen lief heiß. Der Spiegel hatte zuvor über eine Zahlung von 6,7 Millionen Euro des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) berichtet, die 2005 auf ein Konto des Fußballweltverbandes Fifa überwiesen worden waren.

Mit dem Geld wurde indirekt eine Schuld von Franz Beckenbauer beglichen. Dieser soll den Betrag ursprünglich an den Fifa-Wahlmann Mohamed bin Hammam gezahlt haben, damit der seine Stimme für Deutschland als Ausrichtungsort der Weltmeisterschaft 2006 gab.

Gegen Zwanziger und andere wurde anschließend wegen des Verdachts auf besonders schwere Steuerhinterziehung ermittelt. Der DFB-Präsident wehrt sich nicht gegen das Verfahren, wohl aber gegen die Methoden.

Wie kann es sein, dass Fernsehkameras und Fotografen schon vor seinem Haus standen, bevor die Beamten mit der Dursuchung begonnen hatten, schreibt Zwanziger an den Bundespräsidenten Steinmeier – und fragt ihn, warum niemand dieser Frage nachging. „Wir kann es sein, dass in der Folge Ermittlungsakten mit Vernehmungsprotokollen in den Medien erschienen?“

Dienstaufsichtsbeschwerde ohne Erfolg

Zwanziger sieht sich öffentlich vorgeführt – von Beamten, die ihr Urteil schon weit vor Abschluss der Untersuchung gefällt hätten. „Eine Steuerhinterziehung ist nicht diskutierbar. Der Sachverhalt ist eindeutig, auf Diskussionen lassen wir uns nicht ein“, soll ein leitender Steuerfahnder im November 2015 bei einer Vernehmung erklärt haben, wenige Wochen nach Beginn der Ermittlungen.

Eine entsprechende Dienstaufsichtsbeschwerde von Zwanziger sei ohne Ergebnis verlaufen. Der ehemalige DFB-Präsident kritisiert zudem, dass die Beamten die 2005 erfolgte Zahlung als Steuerhinterziehung im Jahr 2006 werteten und mutmaßt dies sei nur geschehen, weil der Fall sonst bereits verjährt wäre.

Im Mai 2018 erhob die Staatsanwaltschaft Frankfurt Anklage gegen Zwanziger. Das Landgericht Frankfurt lehnte im Oktober 2018 die Eröffnung eines Hauptverfahrens wegen Steuerhinterziehung mangels hinreichenden Tatverdachts ab. Die Staatsanwaltschaft gab sich damit nicht zufrieden und legte Beschwerde ein. Die Erfolgsaussichten sind unklar. Zwanziger ist sich nur heute schon gewiss sein, dass sein Ruf schwer beschädigt wurde – auch wenn die Ermittlungen ergaben, dass er sich persönlich nie bereicherte. Mit der Rückgabe seiner Orden zieht er deshalb Konsequenzen.

Seine Bilanz ist bitter. Die Weltmeisterschaft 2006 war viel gefeiertes Ereignis in Deutschland, der steuerliche Gewinn für den DFB soll bei mehr als 150 Millionen Euro gelegen haben. „Ich weiß sehr genau, dass man Verdienste auf der einen Seine nicht mit Pflichtverletzungen auf der anderen Seite aufrechnen kann“, schreibt Zwanziger an den Bundespräsidenten. „Man sollte aber erwarten können, dass bei den Ermittlungen nicht voreingenommen sondern pflichtgemäß gearbeitet wird.“

Diese Erwartung sieht Zwanziger enttäuscht. „Die Verleihung des Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland stellt eine besonders hohe staatliche Ehrung da, die öffentlich getragen werden soll“, schreibt der 74-jährige. „Ich kann dies nicht mehr, wenn ich heute feststellen muss, dass Teile des gleichen Staates, der mich ehrt, mich zugleich voreingenommen, hinterlistig und unverhältnismäßig verfolgen. Ich verzichte ausdrücklich auf die vorgenommene Würdigung.“

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Kommentare (1)

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Herr Tim Thaler

23.07.2019, 15:58 Uhr

Herr Zwanziger tut das einzig Richtige. Ein Staat der seine geehrten Bürger so behandelt, muss sich nicht wundern, wenn immer weniger Menschen sich für ihn einsetzen. Die Welt ist heute extrem komplex und jedem Menschen können unwissentlich Fehler unterlaufen. - Der Staat sollte hier einmal einen Blick auf seine Politiker werfen, die das Chaos um den BER und Stuttgart21 zu verantworten haben. Da gehen Milliarden Steuergelder den Bach runter. Wenn Politiker die Verantwortung übernehmen müßten, die Herr Zwanziger übernommen hat, würde in diesem Staat nichts mehr passieren. Vielen Dank für den differenzierten Bericht, der auch auf den eventuellen Verstoß gegen Steuervorschriften eingeht und hier klar darstellt, daß Herr Zwanziger sich diesem Verfahren stellt, aber der Umgang mit dem Menschen Zwanziger und seinem Privatleben ist sehr bedauerlich. Wo bleibt der so gerühmte Datenschutz. Den kennen Politiker nur, wenn ein 18 Jähriger Ihre Daten ins Netz stellt !

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