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09.09.2019

17:10

Nachhaltige Textilien

Neues Siegel „Grüner Knopf“ spaltet die Industrie

Von: Donata Riedel, Georg Weishaupt

Entwicklungsminister Müller hofft durch das staatliche Textilsiegel „Grüner Knopf“ auf faire Arbeitsbedingungen. Kritik aus der Industrie wird laut.

Das staatliche Gütesiegel für Bekleidung soll zumindest in den Produktionsschritten „zuschneiden und nähen“ sowie „bleichen und färben“ Mindeststandards garantieren. plainpicture/Readymade-Images/Ph

Arbeiterinnen in Bangladesh

Das staatliche Gütesiegel für Bekleidung soll zumindest in den Produktionsschritten „zuschneiden und nähen“ sowie „bleichen und färben“ Mindeststandards garantieren.

Berlin, Düsseldorf Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) will alles tun, um „Sklavenarbeit für unseren Wohlstand“ in Entwicklungsländern zu beenden. „Wir brauchen soziale und ökologische Standards in der gesamten Lieferkette der Textilbranche“, sagte er am Montag in Berlin. Und: „Der Grüne Knopf ist der nächste Schritt auf diesem Weg.“

Das neue staatliche Gütesiegel für Bekleidung soll Klarheit bringen für Verbraucher in Deutschland: Kleidung mit diesem eingenähten Siegel erfüllt zumindest in den Produktionsschritten „zuschneiden und nähen“ sowie „bleichen und färben“ Mindeststandards, die staatlich über die gesamte Lieferkette geprüft werden.

In der Textilbranche sorgt der Grüne Knopf für Aufregung. Der Einzelhandelsverband HDE kritisiert, dass Müller mit dem Siegel über die Ziele seines seit 2014 an Verbesserungen arbeitenden Textilbündnisses hinausschießt: Der Knopf honoriere die bisherigen Anstrengungen nicht.

Ingeborg Neumann, Präsidentin des Branchenverbandes Textil+Mode, hält das neue Siegel gar für schädlich: „Der sogenannte Grüne Knopf ist nicht mehr als eine Doppelauszeichnung, die zu mehr Siegel-Unklarheit führen wird“, sagte sie dem Handelsblatt. Die deutsche Industrie produziere bereits nach den weltweit höchsten Umwelt- und Sozialstandards. Da ihr Verband mit 1.400 Mitgliedsunternehmen nahezu die gesamte deutsche Textilindustrie repräsentiere, stimme auch die Aussage des Ministers nicht, dass nur einige wenige Firmen den Grünen Knopf kritisieren würden.

Allzu klein ist der Kreis, den Müller für sein neues Siegel hat gewinnen können, allerdings nicht mehr: 27 Firmen, darunter Tchibo, Vaude, Lidl, Aldi oder Trigema, hatten die Prüfung bereits am Starttag absolviert, 26 weitere Unternehmen sind im Prüfprozess. Unter ihnen sind manche allerdings verärgert, dass sie erst im Oktober einen Prüftermin bei einem von der Deutschen Akkreditierungsstelle (DAkkS) autorisierten unabhängigen Prüfer bekommen hätten. Patrick Zahn, Chef der Modekette Kik, folgert daraus, „dass das Ministerium beim Start auf eine kleine Gruppe von auf Nachhaltigkeit fokussierten Anbietern setzt anstatt auf die große Käuferschicht im Massenmarkt“, wie er gegenüber dem Handelsblatt kritisierte. Kik wird deshalb voraussichtlich erst im nächsten Jahr die ersten Textilien mit dem Grünen Knopf verkaufen.

Den Knopf-Kritikern widerspricht allerdings Tchibo-Chef Thomas Linemayr. „Wir waren anfangs auch skeptisch gegenüber noch einem Siegel“, sagte er bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Minister. Er habe seine Meinung allerdings geändert. Denn ein Siegel, das nach staatlich geprüften klaren Kriterien vergeben werde, habe es zuvor nicht gegeben. „Das ist ein Meilenstein“, sagte er.

Antje von Dewitz, Chefin des Outdoor-Kleidungsproduzenten Vaude, wiederum hofft, dass der Knopf ihrem Unternehmen, das seit 2008 seine Zulieferer in Entwicklungsländern prüfen lässt, endlich einen Wettbewerbsvorteil bringt: „Natürlich drückt der Aufwand auf die Marge“, sagte sie.

Verbesserungen vermisst

Müller begründete sein Engagement für das neue Fairness-Staatssiegel denn auch damit, dass das Textilbündnis viel zu langsam Verbesserungen erreiche. Nur die Hälfte der Branche mache mit, klagt er seit einem Jahr, die andere Hälfte genieße auf Kosten der Engagierten Wettbewerbsvorteile. „Am liebsten hätte ich europaweit gültige gesetzliche Standards“, sagte Müller. Als Entwicklungsminister habe er aber nicht die Gesetzgebungsmacht. Auf den Nationalen Aktionsplan (NAP) der Bundesregierung gibt Müller wenig: In einer Umfrage, koordiniert vom Außenamt, sollen Unternehmen darlegen, was sie zur Durchsetzung ökologischer und sozialer Standards in ihren Lieferketten tun: Wenn die Hälfte der Antwortenden zu wenig tut, soll es ein Lieferkettengesetz geben. „Ich habe erhebliche Zweifel, dass der NAP zum Ziel führen wird“, sagte Müller. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte den Fragebogen zuletzt abmildern lassen.

„Ich tue alles, was ich kann, die bisher folgenlosen Beschlüsse der G7- und der G20-Gipfel umzusetzen“, sagte Müller. Der Grüne Knopf sei ein Schritt auf diesem Weg. Die bisher 26 Kriterien sollen nach und nach ausgeweitet werden. Existenzsichernde Löhne in Entwicklungsländern etwa könne das Siegel bisher nicht garantieren. Aber immerhin als Anfang, dass bei Grüne-Knopf-Produkten keine giftigen Farbstoffe in Flüsse geschüttet werden und dass es Kontrollen vor Ort gibt. „Wir zeigen, dass es geht, auch weltweite Lieferketten zu prüfen“, so Müller. Etablierte Siegel würden anerkannt, Doppelprüfungen seien daher nicht nötig.

Nichtregierungsorganisationen (NGO) kritisierten, dass das neue Textilsiegel zum Start nur die in den jeweiligen Produktionsländern festgesetzten Mindestlöhne garantiert; in Äthiopien sind das 26 Euro im Monat, in Bangladesch inzwischen 95 Dollar – eine Verdopplung seit dem Unglück in der Fabrik Rana Plaza mit 1.135 Toten und 2.500 Schwerverletzten vor sechs Jahren. Höhere, existenzsichernde Löhne sollen erst nach der dreijährigen Einführungsphase von einem Beirat erarbeitet werden.

Initiativen halten den Grünen Knopf denn auch für zu schwach. 17 Umwelt- und Entwicklungsinitiativen, darunter Oxfam, Miserior, der BUND und der Deutsche Gewerkschaftsbund, wollen deshalb an diesem Dienstag ein Lieferkettengesetz fordern und bei einer Demonstration Grabsteine auf der Reichstagswiese in Berlin aufstellen: Sie sollen die Toten bei Unglücken in Textilfabriken deutscher Zulieferer symbolisieren.

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