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12.06.2022

13:34

Nahrungsmittelkrise

Bund treibt „Getreidebrücke“ aus der Ukraine voran – Agrarhändler fordern konzertierte Aktion

Von: Daniel Delhaes

Mit einem Fonds für Waggons sowie mit Bürgschaften und Fördergeldern will der Bund Exporte ermöglichen. Agrarhändler wollen gemeinschaftliches Handeln – sie sehen die Ernten gefährdet.

In der Agrarhochburg steuert das Getreide auf die Sommerernte zu. Die deutschen Handelspartner fordern von der Regierung wie der Wirtschaft ein entschlossenes gemeinsames Vorgehen, um Exporte zu ermöglichen. Reuters

Weizenfeld in der Ukraine

In der Agrarhochburg steuert das Getreide auf die Sommerernte zu. Die deutschen Handelspartner fordern von der Regierung wie der Wirtschaft ein entschlossenes gemeinsames Vorgehen, um Exporte zu ermöglichen.

Berlin Die deutschen Agrarhändler fordern eine konzertierte Aktion von Politik und Wirtschaft, um zur beginnenden Erntesaison den Getreideexport aus der Ukraine zu organisieren und die Nahrungsmittelproduktion für die nächsten Jahre sicherzustellen.

Viele Mitgliedsunternehmen seien bereits in Kontakt mit landwirtschaftlichen Betrieben und Handelsunternehmen in der Ukraine „und versuchen, Transporte zu organisieren, die Löschung der unterschiedlichen Typen von Lkw, Bahnwaggons oder Containern zu bewerkstelligen und die Zahlungsmodalitäten abzuwickeln“, berichtet der Bundesverband Agrarhandel gemeinsam mit dem Verein der Getreidehändler der Hamburger Börse. Sie haben einen Brief an die Bundesminister Volker Wissing (Verkehr), Robert Habeck (Wirtschaft), Christian Lindner (Finanzen) und Cem Özdemir (Agrar) geschrieben.

„Leider stoßen die Unternehmen der Wertschöpfungskette angefangen bei den landwirtschaftlichen Betrieben in der Ukraine bis hin zum Betreiber der Hafenterminals an Probleme, die sie allein nicht lösen können“, heißt es dort weiter. Deshalb solle der Bund wie von der EU-Kommission empfohlen eine „nationale Koordinierungsstelle“ einrichten.

Die Ukraine gilt als die Kornkammer der Welt. Angesichts des russischen Angriffskriegs kann die ukrainische Agrarwirtschaft aber die wichtigen Seehäfen am Mittelmeer nicht mehr für Exporte nutzen. Neue Wege über Land müssen erschlossen, aber auch Lastwagen und Getreidewaggons für Züge organisiert werden.

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    Die Europäische Kommission hat bereits eine Initiative gestartet. Dazu gehört eine Plattform, um ukrainische Getreideverkäufer mit Logistikunternehmen und Händlern zusammenzubringen. Die Bundesregierung will eine „Getreidebrücke“ aufbauen.

    Bund will Hermesbürgschaften für Transporte geben

    „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass das Getreide aus der Ukraine über die Schiene abtransportiert werden kann, um so weltweite Hungersnöte zu verhindern“, sagte der Schienenbeauftragte der Bundesregierung, Michael Theurer (FDP).

    So sei ein Fonds für Waggons im Gespräch. Ebenso solle es Hermesbürgschaften für Transporteure geben. Auch könnte es Hilfen geben, um Umladeterminals an der Grenze zur Ukraine zu errichten, da die dortigen Bahnen breitere Schienen nutzen. Bis zu zehn Millionen Tonnen sollen so die Eisenbahnen transportieren.

    Nach Auskunft von EU-Verkehrskommissarin Adina Valean ist die Logistik eine große Herausforderung: So kann ein 600 Meter langer Zug rund 1900 Tonnen Getreide transportieren, ein Binnenschiff rund 3000 Tonnen. Ziel ist es, 20 Millionen Tonnen Getreide aus der Ukraine zu transportieren, um die Läger für die neue Ernte frei zu bekommen.

    Aus Sicht des Verbands der Agrarhändler sollte die Koordinierungsstelle Getreidewaggons aktivieren. Auch sollte sie sicherstellen, dass die Waggons in den Instandsetzungswerken der Bahn bevorzugt behandelt werden.

    Das Eisenbahn-Bundesamt solle die Unternehmen auffordern, freie Kapazitäten zu melden. „Wenn die Ressource Getreidewaggon der Flaschenhals ist, müssen alle Beteiligten ohne Verzug Streckenloks, Rangierloks und Entladeslots zur Verfügung stellen.“ Auch sollen ältere Waggons fahren dürfen, die nicht mit einer neuartigen Flüsterbremse ausgestattet sind. „Diese stehen nach unserer Information in anderen Teilen Europas in großer Zahl zur Verfügung.“

    Der Verband plädiert dafür, die Abfertigung an den EU-Außengrenzen zu beschleunigen. Dort sollten Lastwagen mit Getreide prioritär behandelt werden. Derzeit gebe es an den Grenzen Wartezeiten von bis zu drei Tagen, berichtet Verbandspräsident Rainer Schuler.

    Da die Lkw im Sommer damit ausgelastet seien, Getreide vom Feld in die Läger zu fahren, solle der Bund das zulässige Gesamtgewicht von Lastwagen von 40 auf 44 Tonnen erhöhen. Der prüft nach eigenem Bekunden mit den Bundesländern das Ansinnen.

    „Dies könnte die drohenden Engpässe der Logistikkapazitäten während der deutschen und europäischen Getreideernte abfedern, da rein rechnerisch jede siebte Fahrt eingespart würde“, erläuterte der Verband. Überdies sollten die in der Ukraine noch weitverbreiteten Lastwagen mit der Abgasnorm Euro II befristet in der EU fahren dürfen. „Mit einer zeitlich begrenzten Ausnahmegenehmigung könnten ukrainische Lkw die Häfen an der Ostsee direkt ansteuern.“

    Viele Baustellen auf der Route der Eisenbahnen

    Auf der Schiene ist angesichts des Baustellenchaos der letzten Monate fraglich, wie viele Züge zusätzlich auf dem Netz fahren können. Der Staatskonzern Deutsche Bahn AG versucht, über seine Güterverkehrstochter zu helfen: „Wir tun alles, was wir als Unternehmen aus sozialer Verantwortung heraus tun können“, erklärte ein Sprecher.

    „Bereits jetzt fahren wir mit unseren europäischen DB-Cargo-Töchtern in Polen und Rumänien mehrere Züge täglich mit Getreide durch Europa an diverse Seehäfen. Nun geht es darum, diese Agrarexporte auszuweiten.“ Das Ziel seien stabile Verbindungen bis an die Seehäfen der Nordsee und des Schwarz- und Mittelmeers.

    >> Lesen Sie hier auch: Wie globale Hungerkrisen wirken

    Der Geschäftsführer des Netzwerks Europäischer Eisenbahnen (NEE), Peter Westenberger, betonte: „Alle Bahnen und alle Verkehrsmittel müssen diese Aufgabe schultern.“ Der Bahn-Konzern sei dazu allein nicht in der Lage.

    Vor allem sei die DB Netz als Betreiber des Schienennetzes gefordert: Nach Auskunft des NEE fahren normalerweise Getreidezüge mit rund 2500 Tonnen Ladung von Ungarn, Rumänien und der Ukraine über das sächsische Bad Schandau nach Nord- und Westdeutschland und in die Niederlande und nach Belgien.

    Allerdings sorgten Bauarbeiten auf dem Schienenkorridor dafür, dass Züge kaum noch flexibel fahren könnten. Auch die einzige Alternative über das niederbayerische Passau sei wegen Bauarbeiten bei Würzburg gesperrt.

    „In der Sondersituation müssen Bauvorhaben noch gewissenhafter geprüft werden, und vielleicht muss gelegentlich darüber nachgedacht werden, geplante Baumaßnahmen noch einmal zu verschieben oder mit Blick auf die Kapazität zu modifizieren, etwa durch Behelfsbrücken oder dadurch, Bauweichen einzubauen“, forderte Westenberger.

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