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08.06.2022

15:00

Nahverkehr

Umweltbundesamt für günstiges ÖPNV-Jahresticket nach Vorbild Österreichs

Von: Dietmar Neuerer

In Österreich gibt es ein günstiges Jahresticket für öffentliche Verkehrsmittel. Das Umweltbundesamt hält ein solches Angebot auch in Deutschland für denkbar.

An Pfingsten waren kurz nach dem Start des Neun-Euro-Tickets viele Züge so voll, dass Passagiere nicht mehr einsteigen oder zumindest ihr Fahrrad nicht mitnehmen konnten. dpa

Hamburger Bahnhof

An Pfingsten waren kurz nach dem Start des Neun-Euro-Tickets viele Züge so voll, dass Passagiere nicht mehr einsteigen oder zumindest ihr Fahrrad nicht mitnehmen konnten.

Berlin Verbraucherschützer, Kommunen sowie Verkehrspolitiker fordern nach dem Boom beim Neun-Euro-Monatsticket und der Nachfrage im Pfingstverkehr dauerhaft günstige Nahverkehrspreise. Wie das funktionieren könnte, hat nun das Umweltbundesamt (UBA) skizziert.

Die Behörde hält die Einführung eines dauerhaft günstigen Jahrestickets im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nach dem Vorbild Österreichs für möglich. „Die Idee, eine Flatrate für den ÖPNV in Deutschland in Form eines Deutschlandtickets zu haben, ist attraktiv, und das Beispiel des Klimatickets in Österreich zeigt, wie es gehen könnte“, sagte die UBA-Verkehrsexpertin Katrin Dziekan. „Dieses wäre aber mit erheblichen Kosten verbunden, für die eine ausreichende Finanzierung sichergestellt werden muss.“

In Österreich erlaubt das sogenannte Klimaticket seit Oktober 2021 die Nutzung sämtlicher Bahnen und Busse im ganzen Land und kostet für ein Jahr regulär 1095 Euro. Das Ticket soll dafür sorgen, dass mehr Menschen auf Bus und Bahn umsteigen und es damit weniger Staus, Abgase und CO2-Emissionen gibt.

Dziekan sagte, durch das Neun-Euro-Ticket sei der ÖPNV als „nachhaltige Mobilitätsalternative“ wieder ins Zentrum der Diskussion gerückt. „Ein einfacher Tarif für ganz Deutschland, der die Einstiegshürde senkt und unschlagbar preiswert ist, wird positiv aufgenommen.“

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    An Pfingsten waren kurz nach dem Start des Neun-Euro-Tickets viele Züge so voll, dass Passagiere nicht mehr einsteigen oder zumindest ihr Fahrrad nicht mitnehmen konnten. Trotzdem zog die Bahn eine weitgehend positive Bilanz des Wochenendes.

    Gegenfinanzierung mit Mitteln aus dem Abbau umweltschädlicher Subventionen

    Um ein dauerhaftes Umsteigen zu unterstützen, brauche es jedoch „einen attraktiven ÖPNV mit konkurrenzfähigen Reisezeiten, hoher Taktung, Erreichbarkeit und hoher Qualität“, betonte die UBA-Expertin.

    Damit das Angebot weiter ausgebaut werden kann, müsse in die Infrastruktur und Fahrzeuge investiert werden. Zudem würden steigende Energiepreise auf die Kosten durchschlagen. Daher führe an einer „langfristig ausreichenden Finanzierung“ kein Weg vorbei.

    Die Mittel könnten laut Dziekan aus dem Abbau umweltschädlicher Subventionen kommen. Diese hätten 2018 im Verkehrssektor mehr als 30 Milliarden Euro betragen. „Schätzungsweise würde diese Summe die Hälfte der Betriebskosten von Bus und Bahn in Deutschland decken“, sagte sie.

    Der niedersächsische Klimaschutzminister Olaf Lies (SPD) sieht keine Alternative zu einer dauerhaft günstigen Lösung für den Nahverkehr. „Einfach jetzt zurück auf Los zu gehen hielte ich für abenteuerlich. Dann wären die drei Monate mit dem Neun-Euro-Ticket für den Papierkorb“, sagte er.

    Grafik

    Wenn die Ergebnisse der begleitenden Forschung im Herbst ausgewertet seien und bis Ende des Jahres ein System für einen dauerhaft günstigen Nahverkehr vorgeschlagen werde, könne man die zeitliche Lücke zwischen dem Neun-Euro-Ticket und einem dauerhaft günstigen Angebot kurz halten.

    Mit Blick auf die Finanzierung sagte der Minister: „Wenn uns die Förderung des Erwerbs von Elektroautos zwei Milliarden Euro wert ist, dann sollte uns die Förderung des ÖPNV ein Mehrfaches davon wert sein.“ Das sei auch der Test, ob man es mit der Verkehrswende hin zu mehr ÖPNV ernst meine.

    Die nötige Finanzierung hänge von der Ausgestaltung eines neuen Systems ab. „Wir müssten da als Länder sicherlich unseren Teil beitragen, indem wir beispielsweise ein landesweites Ticket für einen Euro pro Tag einführen, das allen Schülerinnen und Schülern, Azubis und Freiwilligendienstleistenden zugutekommt.“ Gleichzeitig müsse der Bund dann das Angebot für alle Bürgerinnen und Bürger ergänzen und mit einer dauerhaften Finanzierung versehen.

    Wissing: „Menschen leben nicht in Tarifzonen“

    Der Grünen-Politiker Stefan Wenzel plädiert dazu auch auf einen schnellen Stopp von Vergünstigungen, die Klima und Natur schaden. „Im Koalitionsvertrag haben wir vereinbart, umwelt- und klimaschädliche Subventionen abzubauen, um zusätzliche Spielräume im Haushalt zu gewinnen“, sagte der Bundestagsabgeordnete dem Handelsblatt. „Über diese Spielräume sollten wir diskutieren, und ich finde auch über eine bessere Finanzierung des ÖPNV.“

    Wenzel sieht dringenden Handlungsbedarf. In seinem Wahlkreis Cuxhaven liege die Grenze von zwei Verkehrsverbünden. Das sei für ÖPNV-Kunden „sehr komplex“. „Wir brauchen für die Alltagsverkehre aber nicht nur einfache, günstige und übersichtliche Tarife, sondern auch bessere Angebote“, sagte der Grünen-Politiker. Da sei er auf die Auswertung zum 9-Euro-Ticket gespannt. Optimistisch stimmt Wenzel, dass der Zuspruch zu dem Ticket auch Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) zu inspirieren scheine. Wichtig sei, die Finanzierung nun "im Lichte aller Prioritäten des Koalitionsvertrages" zu prüfen.

    Wissing strebt tiefgreifende Verbesserungen für einen attraktiveren ÖPNV an. Aus seiner Sicht sollte das Angebot verständlicher, einheitlicher und kundenfreundlicher werden. Der Minister sprach sich auch für praktische Nahverkehrs-Apps und einfachere Tarife aus. „Menschen leben nicht in Tarifzonen. Menschen wollen von A nach B.“

    Die Länder fordern vom Bund dauerhaft mehr Regionalisierungsmittel, mit denen sie oder Verkehrsverbünde Nahverkehrsleistungen bei Anbietern bestellen. Wissing dringt aber zunächst auf Reformen. „Die Analyse des Neun-Euro-Tickets wird uns klare Hinweise geben, wo wir hinmüssen“, sagte er.

    Der niedersächsische Klimaschutzminister Olaf Lies (SPD) sieht keine Alternative zu einer dauerhaft günstigen Lösung für den Nahverkehr. imago images/Fotostand

    Olaf Lies

    Der niedersächsische Klimaschutzminister Olaf Lies (SPD) sieht keine Alternative zu einer dauerhaft günstigen Lösung für den Nahverkehr.

    Auch Verbraucherschützer sehen Handlungsbedarf. Die Interimschefin des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV), Jutta Gurkmann, sagte, „um den ÖPNV zu stärken und Fahrgäste dauerhaft zu halten, sind konstant günstige Ticketpreise wichtig“.

    Auch lokale Billig-Jahrestickets möglich

    Die Ökonomin Veronika Grimm sieht den UBA-Vorstoß kritisch. Sie plädiert zwar auch dafür, umweltschädliche Subventionen „sehr konsequent“ abzubauen. „Die entstehenden Spielräume kann man durchaus nutzen, um die Anreize für den Klimaschutz zu stärken“, sagte die Wirtschaftsweise dem Handelsblatt. „Ob aber ein günstiges Ticket der beste Verwendungszweck ist, das kann bezweifelt werden.“

    Grimm plädiert stattdessen für günstige Angebote für junge Menschen. „Die bindet man so an die öffentlichen Verkehre, bevor sie ihre Mobilitätsverhalten vollständig etabliert haben.“ Eine perspektivisch zunehmende Nachfrage müsse dann natürlich mit Investitionen in die Kapazitäten der Bahn einhergehen, fügte sie hinzu. „Jetzt unmittelbar ein günstiges Angebot für alle zu schaffen, ist teuer und senkt unter Umständen dringend notwendige Spielräume für Investitionen.“

    Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) strebt tiefgreifende Verbesserungen für einen attraktiveren öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) an. dpa

    Neun-Euro-Monatstickets in Bussen und Bahnen

    Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) strebt tiefgreifende Verbesserungen für einen attraktiveren öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) an.

    In Österreich gibt es auch regionale Jahrestickets für einzelne Bundesländer, etwa das 365-Euro-Ticket in Wien, mit dem Kunden pro Tag nur einen Euro für die Nutzung des Nahverkehrs zahlen. Bei gesicherter Gegenfinanzierung hält das Umweltbundesamt dieses Angebot auch für Städte in Deutschland für denkbar.

    In Wien sei das Ticket unter anderem durch eine geänderte Parkraumbewirtschaftung und gestiegene Preise für Einzelfahrscheine finanziert worden, erläuterte UBA-Expertin Dziekan. „Außerdem kann eine Nutzerfinanzierung, wie sie zum Beispiel bei einem Semesterticket erfolgt, ein guter Ansatz sein.“

    Auf lokaler Ebene komme auch eine sogenannte Drittnutzerfinanzierung in Betracht. Dies bedeute, dass zum Beispiel der Arbeitgeber Mittel für eine Haltestelle vor seinem Unternehmen bezuschusst oder der Vermieter mit dem Mietvertrag auch ein ÖPNV-Ticket übergibt.

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