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26.08.2022

10:05

Naturschutz

Unterwegs mit Steffi Lemke – Bei diesen Stichwörtern blüht die sonst eher zurückhaltende Ministerin auf

Von: Silke Kersting

Auf ihrer Sommerreise widmet sich die Grünen-Politikerin ihren Herzensthemen. Doch auch der Verbraucherschutz wird ihre ganze Aufmerksamkeit fordern.

Mammendorf in Sachsen-Anhalt: Steffi Lemke besucht das Projekt Feldhamsterland. dpa

Bundesumweltministerin

Mammendorf in Sachsen-Anhalt: Steffi Lemke besucht das Projekt Feldhamsterland.

Havelberg, Wörlitz Raus aus dem Regierungsviertel in Berlin, hinein in die Natur nach Brandenburg und Sachsen-Anhalt: Hier zieht es Steffi Lemke (Grüne) hin. Die Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz ist auf ihrer ersten Sommerreise als Ministerin – mitten in Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, in der wohl schlimmsten Energiekrise Deutschlands.

Auch Ramona Pop stattet sie einen Kurzbesuch ab. Sie ist oberste Verbraucherschützerin und eine grüne Parteikollegin, die sich wegen der steigenden Energiepreise von der Ampelregierung ein Gesetz für ein Aussetzen von Energiesperren bei Zahlungsverzug wünscht. Zudem fordert sie weitere finanzielle Hilfen.

In den nächsten Wochen wird der Verbraucherschutz Lemkes Aufmerksamkeit fordern. Doch auf ihrer Sommerreise reist sie zuerst nach Havelberg, in die „Untere Havelniederung“. Das Gebiet gilt als das größte zusammenhängende Feuchtgebiet im Binnenland des westlichen Mitteleuropas.

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    Mit finanzieller Hilfe des Bundes sowie Brandenburgs und Sachsen-Anhalts wird die Havel renaturiert. Wiesen werden wieder vernässt, alte Flussarme an den Hauptstrom wieder angebunden. Leif Müller und Rocco Buchta vom Naturschutzbund Deutschland begleiten sie mit einem Boot aufs Wasser. Zunächst geht es auf die feuchten Wiesen: Jeder Schritt ist eine Wohltat bei der aktuellen Trockenheit im Land.

    Die Havel hier im Grenzgebiet von Brandenburg und Sachsen-Anhalt ist dank jahrelanger Anstrengungen um ökologische Verbesserungen mit Wasser gesegnet. Lemke, Müller und Buchta kennen sich lange, sie duzen sich. Der Boden ist weich, „aber du musst keine Angst haben einzusinken“, sagt Nabu-Bundesgeschäftsführer Müller zu Lemke.

    Die Renaturierung einer Bundeswasserstraße ist in Deutschland sei von beispielhafter und überregionaler Bedeutung, schreibt das Bundesumweltministerium. BMUV/Sascha Hilgers

    Sommerreise

    Die Renaturierung einer Bundeswasserstraße ist in Deutschland sei von beispielhafter und überregionaler Bedeutung, schreibt das Bundesumweltministerium.

    Umweltpolitik ist ihr Herzensthema, hier kennt sie sich aus. Verbraucherschutz dagegen ist neu für sie. Mit ihm wird sie erst peu à peu warm, auch wenn Lemke betont, dass der Verbraucherschutz „bestens im Umweltministerium aufgehoben ist“.

    Lemke: Der Wille, Umweltkatastrophen zu stoppen

    Geboren und aufgewachsen ist die 54-Jährige an der Elbe, „damals einer der dreckigsten Flüsse Europas“, wie sie auf ihrer Webseite schreibt. „Die faszinierende Flusslandschaft hat mich trotzdem tief geprägt und der Wille, diese und andere Umweltkatastrophen zu stoppen.“ Bevor Lemke Politikerin wurde, machte die Dessauerin eine Ausbildung zur Zootechnikerin, studierte später Agrarwissenschaften in Berlin.

    1990 war sie Gründungsmitglied der Grünen in der DDR. 1994 wurde sie erstmals in den Bundestag gewählt. Zwischen 2002 und 2013 war sie Bundesgeschäftsführerin der Grünen. 2013 wurde sie erneut Mitglied des Parlaments und Sprecherin für Naturschutzfragen der Grünen im Bundestag.

    Im Gegensatz zu Bundesaußenministerin Annalena Baerbock und Wirtschaftsminister Robert Habeck zieht es Lemke weniger in die Öffentlichkeit. Sie ist viel weniger bekannt, was nicht nur an ihren Themen liegt. Die „Steffi“, wie Müller und Buchta sie nennen, ist unprätentiös, wägt ihre Worte lieber drei- als einmal ab. Still zu arbeiten liegt ihr mehr, als schnell Schlagzeilen zu produzieren.

    Ihre erste Sommerreise als Ministerin will sie aber nutzen, der Öffentlichkeit ihre Themen näherzubringen. Die Themen, die nicht jeden Tag debattiert, aber in Zukunft lebenswichtig sein werden. Sie sei froh, dass sie so viele auf ihrer Sommerreise begleiten, sagt Lemke. So würden alle merken: „Es ist kein Gedöns.“

    Natürlicher Klimaschutz sind Stichwörter, bei denen die eher zurückhaltende Ministerin aufblüht. Moore wieder vernässen; Auen renaturieren; Wälder, Böden, Gewässer und Meere erhalten und schützen. „So sichern wir unsere natürlichen wie ökonomischen Lebensgrundlagen und erhöhen deren Widerstandsfähigkeit gegen die Folgen der Klimakrise wie Dürre oder Überflutung“, sagt Lemke.

    Besuch bei bedrohter Säugetierart – dem Feldhamster

    Sie wird am kommenden Mittwoch das Aktionsprogramm „Natürlicher Klimaschutz" vorstellen, für das Deutschland mehr Geld denn je zur Verfügung stellen will. Bis 2026 fließen vier Milliarden Euro in die Stärkung von Ökosystemen beziehungsweise ihre Wiederherstellung – ein Batzen Geld.

    Umweltministerin Steffi Lemke dpa

    Hohe Börde

    Hohe Börde in Sachsen-Anhalt: Steffi Lemke steht auf einem abgeernteten Feld auf dem die Stoppeln zum Schutz des Feldhamsters stehen gelassen wurden.

    Auch für das Thema Artenschutz will sie die Bevölkerung stärker sensibilisieren. Von Havelberg fährt sie deshalb ins Feldhamsterland in die Magdeburger Börde. Auf einem frisch abgeernteten Roggenfeld erzählen ihr Mitarbeiter der Deutschen Wildtier-Stiftung etwas über den Feldhamster, ebenso Landwirt Helmar Johns, auf dessen Feldern einige Exemplare des kleinen Nagers leben.

    Der Feldhamster leidet unter einer immer intensiver werdenden Landwirtschaft und unter dem Einsatz von Pestiziden. Mittlerweile zählt er zu den am stärksten bedrohten Säugetierarten in Deutschland. Bis in die 1990er-Jahre galten Feldhamster als Ernteschädlinge. Sie wurden gefangen und auch für den damals florierenden Pelzhandel getötet.

    Um den Hamster zu schützen und den drastischen Rückgang des Bestands aufzuhalten, gibt es seit 2018 ein vom Bundesamt für Naturschutz gefördertes Projekt zu seiner Rettung. Doch das Projekt läuft 2023 aus, und über die Fortsetzung ist noch nicht entschieden. Die Deutsche Wildtier-Stiftung fordert ein nationales Artenhilfsprogramm für den Hamster, doch Lemke verspricht nichts.

    Sie fährt weiter, um eine sogenannte Feldhamstermutterzelle des Landwirts Kay Brüggemann zu besichtigen. Feldhamstermutterzellen, das sind Bereiche von 50 mal 50 Metern auf ehemals landwirtschaftlich genutzten Feldern, eingezäunt zum Schutz vor Feinden des Hamsters. Vorhandene Populationen können so gestärkt werden.

    Solarenergie-Anlagen zwischen Wildpflanzen

    Weiter geht es danach zum Biosphärenreservat Mittelelbe. Die Ministerin reist fast rastlos für ihre Herzensthemen, um die sie sich auch trotz mannigfacher Krisen kümmert. Flüsse, sagt sie, müssen ihren natürlichen Raum behalten oder geplant zurückbekommen.

    Sonst nehmen die Flüsse sich den Raum selbst – mit Auswirkungen wie der Flutkatastrophe 2021 im Ahrtal. Vorsorge und Anpassung an den Klimawandel sind deshalb die Schwerpunkte dieser Legislaturperiode im Umweltministerium.

    Die Elbe weist – anders als der Rhein – hier im Biosphärenreservat noch eine weitgehend typische Auenlandschaft auf. Die Region leidet aber wie viele andere unter heftiger Trockenheit. Neun Jahre lang standen die Auen nicht mehr unter Wasser, längst sind Bäume verdorrt, vor allem die Eschen.

    Für Lemke bieten die Stunden in ihrer Heimat auch eine Gelegenheit zum Durchatmen. Denn am Sonntag macht sie sich auf den Weg zum Deutsch-Polnischen Umweltrat, bei dem es um das Fischsterben in der Oder und die immer noch anhaltende Ursachenforschung für die Umweltkatastrophe geht. Die Klausurtagung des Bundeskabinetts in Meseberg steht zudem an.

    Vorher aber, an diesem Freitag, reist Lemke noch zum ehemaligen Tagebaugebiet Goitzsche und zu einem Forschungsprojekt zum naturverträglichen Ausbau der Solarenergie auf einem früheren Aschedepot. Sechs Modell-Solaranlagen werden hier getestet inmitten verschiedener Wildpflanzenmischungen.

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