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29.01.2021

12:10

Pandemie-Bekämpfung

Corona-Impfstoff: Diskussion um Wirksamkeit von Astra-Zeneca-Vakzin bei Senioren

Von: Gregor Waschinski, Peter Brors, Siegfried Hofmann, Hans-Peter Siebenhaar

In der Bundesregierung gibt es Diskussionen über die Wirksamkeit des Mittels des britisch-schwedischen Konzerns. Gesundheitsminister Spahn äußert sich zurückhaltend.

Die Bundesregierung setzte große Hoffnungen auf den Impfstoff. Doch nun scheint das Vakzin ausgerechnet bei der durch Corona besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppe, den Senioren, kaum anzuschlagen. imago images/Christian Ohde

Corona-Impfstoff von Astra-Zeneca

Die Bundesregierung setzte große Hoffnungen auf den Impfstoff. Doch nun scheint das Vakzin ausgerechnet bei der durch Corona besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppe, den Senioren, kaum anzuschlagen.

Berlin, Düsseldorf, Brüssel Nach dem umstrittenen Impfstart in Deutschland setzte die Bundesregierung große Hoffnungen in die Zulassung des Vakzins von Astra-Zeneca: Das Präparat des britisch-schwedischen Konzerns soll die RNA-Vakzine von Biontech und Moderna ergänzen und den Weg in die zweite Impfphase ebnen, in der sich die Menschen auch bei den Hausärzten impfen lassen können.

Doch nach Informationen des Handelsblatts aus Koalitionskreisen von Montag fürchten Vertreter der Bundesregierung eine geringere Wirksamkeit des Vakzins – mehrere Quellen nannten eine Zahl von nur acht Prozent (die aber statistisch nicht signifikant ist, wie sich später herausstellte, Anm. der Redaktion). Eine Sprecherin von Astra-Zeneca erklärte am späten Montagabend: „Berichte, dass die Wirksamkeit des Impfstoffs von Astra-Zeneca/Oxford bei Erwachsenen über 65 Jahren nur 8 Prozent beträgt, sind völlig falsch“. Sie verwies unter anderem auf Studiendaten, die im November in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurden. Demnach zeigen ältere Erwachsene starke Immunantworten auf den Impfstoff. 

Die Ständige Impfkommission sieht indes noch keine Grundlage dafür, den Einsatz des Corona-Impfstoffs von Astra-Zeneca auch für die Altersgruppe der Über-65-Jährigen zu empfehlen. Das geht aus einem 88-seitigen Beschlussentwurf des beim Robert Koch-Institut (RKI) angesiedelten Gremiums hervor, der auf den 26. Januar datiert ist (hier finden Sie das Dokument als PDF-Datei). Wörtlich heißt es in dem Papier: „Der COVID-19 Vaccine Astra-Zeneca wird aktuell aufgrund der derzeit verfügbaren Daten nur für Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren empfohlen.“

Die Ständige Impfkommission begründet ihre Haltung damit, dass für die Impfeffektivität ab 65 Jahren „aktuell keine ausreichende Daten“ vorliegen. Derzeit ergebe sich aus den Studien von Astra-Zeneca für diese Altersgruppe eine Wirksamkeit von 6,3 Prozent, aufgrund der dünnen Datenlage sei dieser Wert allerdings „statistisch nicht signifikant“.

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    In der Altersgruppe von 18 bis 64 Jahren liegt die Wirksamkeit auf Basis einer deutlich besseren Datenlage dem Dokument zufolge bei 71,1 Prozent.
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    Am Montag gab zudem der US-Konzern Merck bekannt, dass er die Entwicklung eines eigenen Impfstoffs gestoppt hat. Und Moderna meldete, dass der eigene Impfstoff bei Mutationen seine hohe Wirksamkeit unter Senioren ebenfalls nicht bestätigen kann.

    Jens Spahn in der Kritik

    Die Impfstoffsorgen von Jens Spahn werden dadurch immer größer. Am Dienstagmorgen äußerte sich der Gesundheitsminister zurückhaltend. Er wolle warten, bis die Daten aus den Studien ausgewertet worden seien, sagte Spahn im ZDF-„Morgenmagazin“. „Ich halte wenig davon, das jetzt in Überschriften spekulativ zu machen“, so der Minister. Auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse werde man nächste Woche entscheiden, „welche Altersgruppen zuerst mit diesem Impfstoff geimpft werden“.

    Das Bundesgesundheitsministerium teilte am Dienstag mit, dass es Berichte über eine geringere Wirksamkeit nicht bestätigen könne. Im Übrigen werte die Ema die Studien aus. Mit einem Ergebnis ist am Freitag zu rechnen.

    Seit Wochen kritisiert die Opposition, aber auch der Koalitionspartner SPD Spahn wegen Engpässen bei den Impfdosen. Auch die Länder beschweren sich über den CDU-Politiker, sie fordern mehr Planungssicherheit bei den über den Bund laufenden Lieferungen.

    Natürlich können nicht alle Probleme dem Minister angekreidet werden. Auf die knappen Produktionskapazitäten der Hersteller oder die Mutationen des Virus, die womöglich die Schutzwirkung der Impfstoffe untergraben, hat er keinen Einfluss. Dennoch: Hat Spahn die deutsche EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 ausreichend genutzt, um die gemeinsame europäische Impfstoffbeschaffung in die richtige Richtung zu lenken?

    Womöglich lässt sich das Versprechen, jedem im Sommer ein Impfangebot machen zu können, nicht halten. dpa

    Impfung einer Seniorin

    Womöglich lässt sich das Versprechen, jedem im Sommer ein Impfangebot machen zu können, nicht halten.

    Diese Frage stellt sich umso deutlicher nach den jüngsten Zahlen, die in der Bundesregierung zur Wirksamkeit des Vakzins von Astra-Zeneca kursieren. Das Präparat des britisch-schwedischen Pharmakonzerns galt lange als Star unter den Impfstoffkandidaten, möglicherweise zu Unrecht.

    Sollte sich im Rahmen der bevorstehenden EU-Zulassung bestätigen, dass der Impfstoff bei Menschen über 65 Jahren nur eine Wirksamkeit von acht Prozent erreicht, wäre er praktisch unbrauchbar in jenen Altersgruppen, die der größten Gefahr in der Pandemie ausgesetzt sind. Viele Senioren müssten noch länger auf einen Impftermin warten.

    In Deutschland sind 18 Millionen Menschen 65 und älter, sie müssten dann nach derzeitigem Stand alle mit Biontech- oder Moderna-Vakzinen geimpft werden. Falls man die Altersgrenze für das Astra-Zeneca-Präparat wegen der unklaren Schutzwirkung bereits bei 55 Jahren ansetzen würde, wären es sogar 30 Millionen Menschen.

    Bis Ende März erwartet die Bundesregierung elf bis 13 Millionen Biontech-Dosen, dazu kommen noch einmal zwei Millionen Dosen von Moderna. Da für einen vollen Immunschutz bei beiden Präparaten zwei Dosen verimpft werden müssen, reichen die bis zu 15 Millionen Dosen im ersten Quartal für 7,5 Millionen Menschen – also nicht einmal für die Hälfte der Bevölkerung über 65 Jahre, bei der das Risiko von schweren und tödlichen Verläufen der durch das Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 deutlich erhöht ist. Rund 90 Prozent der an und mit Corona verstorbenen Menschen in Deutschland waren den Statistiken des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge 70 Jahre oder älter.

    Grafik

    Hoffnung macht der Bundesregierung aber, dass die Hochrisikogruppen über 75 Jahre sowie die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen möglicherweise noch im Februar durchgeimpft sein könnten. Doch es bleibt die Lücke zwischen 65 und 75 Jahren. Außerdem fürchtet man in der Regierungskoalition ein enormes Kommunikationsproblem, wenn die Bürger eindringlich zum Impfen aufgerufen werden und zugleich Zweifel an der Wirksamkeit einiger Impfstoffe entstehen.

    Das Bundesgesundheitsministerium wollte zur Wirksamkeit des Astra-Zeneca-Impfstoffs bei den älteren Bevölkerungsgruppen und zu möglichen Folgen für den Impfablauf in Deutschland auf Anfrage nicht Stellung nehmen. „Im Rahmen des Zulassungsverfahrens werden Nutzen und Risiken sorgfältig gegenübergestellt“, hieß es lediglich. Die „konkrete Formulierung der Zulassung“ seitens der EU-Arzneimittelagentur Ema sowie der Empfehlung der beim RKI angesiedelten Ständigen Impfkommission bleibe abzuwarten.

    Weitere Forschungsdaten stehen noch aus

    In der Tat: Noch kann ein abschließendes Urteil zum Schutzgrad für Senioren beim Astra-Zeneca-Vakzin nicht gefällt werden, es stehen weitere Forschungsdaten aus. Das Problem: In den klinischen Studien des Pharmakonzerns waren ältere Personen offenbar relativ schwach vertreten. In den drei Studien, für die bisher Daten vorliegen, waren von rund 11.600 Teilnehmern nur 660 oder weniger als sechs Prozent der Probanden 65 Jahre oder älter.

    Statistisch aussagefähige Resultate zur Wirksamkeit des Impfstoffs ließen sich daher in diesen Studien gar nicht ermitteln, bemerkte schon die britische Zulassungsbehörde MHRA, die dem Vakzin dennoch eine Notfallgenehmigung erteilte. Es seien nur begrenzte Informationen für diese Altersgruppe verfügbar, auch wenn nichts dafür spreche, dass eine Schutzwirkung fehle.

    Das Präparat des britisch-schwedischen Konzerns soll die Vakzine von Biontech und Moderna ergänzen, doch offenbar wird es den bisherigen Erwartungen nicht gerecht. PR

    Produktion bei Astra-Zeneca

    Das Präparat des britisch-schwedischen Konzerns soll die Vakzine von Biontech und Moderna ergänzen, doch offenbar wird es den bisherigen Erwartungen nicht gerecht.

    Demgegenüber konnten die beiden Entwickler von mRNA-Impfstoffen, Biontech/Pfizer und Moderna, in ihren Phase-3-Studien mit weitaus umfangreicheren und zudem sehr positiven Daten für ältere Personen aufwarten. So waren in der Studie von Biontech und Pfizer gut 9000 oder rund 20 Prozent der insgesamt 44.000 Probanden älter als 64 Jahre, davon gut 1800 sogar älter als 74 Jahre.

    In der Gruppe der Geimpften trat dabei nur eine Covid-Erkrankung auf, in der Placebo-Gruppe dagegen 19. Daraus errechnete Biontech eine Wirksamkeit von knapp 93 Prozent für die Altersgruppe der 65- bis 74-Jährigen und eine Wirksamkeit von 100 Prozent bei Personen ab 75 Jahren. Bei den Tests von Moderna waren 25 Prozent der Teilnehmer älter als 64 Jahre. Die Wirksamkeit des Moderna-Impfstoffs wurde für diese Altersgruppe mit 86,4 Prozent errechnet.

    Mit den mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna auf der einen und den sogenannten Vektor-Impfstoffen von Astra-Zeneca und Johnson & Johnson auf der anderen Seite stehen sich zwei Impftechnologien gegenüber, die das gleiche Grundprinzip auf unterschiedlichen Wegen verfolgen. Beide zielen darauf, Zellen im Körper der Geimpften dazu anzuregen, Antigene zu produzieren, auf die wiederum das Immunsystem reagiert. 

    Die mRNA-Impfstoffe liefern die Baupläne für die Antigene in Gestalt von Boten-Nukleinsäuren (Messenger-RNA). Die Vektor-Impfstoffe dagegen liefern die Vorlage in Form von DNA mit einem genmodifizierten Virus. Meist werden dazu Adenoviren, eine Klasse von harmlosen Erkältungsviren, genutzt. 

    Herstellung der Vektor-Vakzine stellt hohe Anforderungen

    Die Herausforderung für die Vektor-Impfstoffe besteht dabei darin, dass bei Menschen eine gewisse Immunität gegenüber dem als Transportvehikel genutzten Virus vorhanden sein kann. Der Impfstoff wird dann womöglich vom Immunsystem abgefangen, bevor er seine eigentliche Wirkung entfalten kann. Das könnte eine Erklärung dafür sein, warum die Vektor-Impfstoffe im Kampf gegen Corona tendenziell eine geringere Effizienz zeigten. 

    Auch die Produktion der Vektor-Impfstoffe stellt hohe Anforderungen. Die Mengen, die jetzt für den Kampf gegen Covid-19 geplant und notwendig sind, gehen weit über das hinaus, was bisher mit diesen Verfahren produziert wurde. Die Produktion entsprechend hochzufahren bereitet daher offenbar sowohl Astra-Zeneca als auch Johnson & Johnson größere Probleme als erwartet.

    Der britische Konzern musste daher seine für die EU zugesagten Anfangslieferungen deutlich reduzieren, von rund 80 Millionen Dosen auf weniger als 40 Millionen Dosen im ersten Quartal. Als Grund dafür werden vor allem Produktionsprobleme bei dem belgischen Auftragsfertiger Novasep genannt. Der Unmut der EU über die Lieferschwierigkeiten bei Astra-Zeneca ist gewaltig.

    In einem Brief an das britisch-schwedische Unternehmen kritisierte Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides das Verhalten des Konzerns. Ein erstes Treffen des Lenkungsausschusses der EU-Kommission mit dem Pharmariesen am Montag verlief ergebnislos. „Die Antworten des Unternehmens waren bisher nicht zufriedenstellend“, sagte Kyriakides. Deshalb würden die Gespräche nun fortgesetzt.

    Kyriakides erhöhte jedoch den Druck auf das Unternehmen: „Die EU hat die Entwicklung des Impfstoffs und die Produktion vorfinanziert und will den Ertrag sehen“, sagte die Zypriotin. Zudem verlangte sie detaillierte Informationen zur Produktion und Lieferung.

    Auch Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich bereits eingeschaltet: In einem Telefonat mit Astra-Zeneca-Chef Pascal Soriot forderte sie die Lieferung der vertraglich vereinbarten Mengen an Corona-Impfstoff ohne Abstriche und ohne Verzug. „Wir erwarten von der Firma, Lösungen zu finden und alle möglichen Spielräume auszunutzen, um schnell zu liefern“, sagte von der Leyen laut einem Sprecher der Kommission. Die Stimmung in Brüssel und Berlin dürfte angesichts der begrenzten Wirksamkeit des Impfstoffs bei Senioren nicht besser werden.

    Update von Freitag, 29. Januar 2020, 12.10 Uhr:

    Der Text wurde um aktuelle Entwicklungen ergänzt und aktualisiert. Es wurden Stellungnahmen des Gesundheitsministeriums ergänzt, ebenso die Empfehlung der Ständigen Impfkommission, das Mittel vorerst nicht für Ältere zuzulassen. Grund für die Entscheidung ist eine unzulängliche Datenlage: Dem Beschlussentwurf der Ständigen Impfkommission – und damit aktuelleren Daten – ist zu entnehmen, dass es für die Wirksamkeit in der Personengruppe ab 65 Jahren „aktuell keine ausreichenden Daten“ gibt (hier finden Sie das Dokument als PDF-Datei). Zudem wurde die ursprüngliche Überschrift des Handelsblatt-Artikels „Rückschlag bei Corona-Impfstoff: Astra-Zeneca-Vakzin wirkt bei Senioren offenbar kaum“ geändert. Es war ein Fehler, die Zahl der Wirksamkeit bei Senioren so sehr in den Mittelpunkt zu stellen, weil sie, wie der Bericht der Ständigen Impfkommission zeigt, statistisch nicht signifikant ist. 

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