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23.03.2021

04:00

Pandemie-Bekämpfung

Tübingens Sonderweg könnte ein Modell für das ganze Land sein

Von: Jürgen Klöckner

Mit mehr Tests ermöglicht Oberbürgermeister Boris Palmer Öffnungen von Geschäften und Gastronomie. Er investiert Millionen – der Lockdown ist allerdings viel teurer.

Die Erfolge des Tübinger Oberbürgermeister im Umgang mit der Coronakrise lassen sich nicht wegdiskutieren. dpa

Boris Palmer

Die Erfolge des Tübinger Oberbürgermeister im Umgang mit der Coronakrise lassen sich nicht wegdiskutieren.

Berlin Während Deutschland weiter im Lockdown verharrt, geht Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer einen Sonderweg. Mit einem Modellprojekt will der Grünen-Politiker zeigen, dass Öffnungen mit mehr Tests möglich sind. Ausgewählte Geschäfte, Außengastronomie und Kultureinrichtungen wie Theater dürfen Gäste mit einem Testzertifikat empfangen und bedienen.

„Jetzt kommt es darauf an, ob wir zeigen können, dass mehr Öffnungen und mehr Sicherheit zusammengehen“, sagte Palmer zum Start vor einer Woche. Die Sieben-Tage-Inzidenz je 100.000 Einwohner liegt in der baden-württembergischen Stadt derzeit bei 68.

Palmer bringt das Modellprojekt viel Aufmerksamkeit. Seither lobt ihn gar die Grünen-Spitze, die ihn zu Beginn der Pandemie noch loswerden wollte. Palmer hatte im Mai 2020 zum Umgang mit hochbetagten Corona-Kranken gesagt: „Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.“ Daraufhin entzogen ihm die Grünen-Chefs Annalena Baerbock und Robert Habeck die politische Unterstützung bei einer erneuten Kandidatur als Bürgermeister, rund hundert Grüne forderten den Rauswurf aus der Partei.

Palmers Erfolge im Umgang mit der Coronakrise lassen sich allerdings nicht wegdiskutieren. Tests in Alters- und Pflegeheimen und kostenlose FFP2-Masken für ältere Menschen gab es in Tübingen früher als in vielen anderen Städten. Mit Blick auf das Modellprojekt lobt ihn nun gar die Grünen-Spitze: „Er zeigt, was wichtig ist, damit wir gut aus der Krise hinauskommen“, sagte Baerbock am Sonntag im ZDF. Großflächiges Testen passiere auf Bundesebene leider nicht, „deswegen stecken wir in dem Schlamassel drin“.

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    Noch wichtiger ist allerdings ist die Frage, die in diese Worten mitschwingt: Lässt sich der Tübinger Weg auf ganz Deutschland übertragen? Tatsächlich planen Bund und Länder lokale Lockerungslabore: In Regionen mit niedriger Inzidenz, einem Testkonzept und strengen Schutzmaßnahmen sollen einzelne Bereiche des öffentlichen Lebens wieder öffnen dürfen.

    Das Projekt war schnell aufgebaut

    Es hätten sich schon mehr als zwei Dutzend Bürgermeister von Städten und Kommunen aus ganz Deutschland nach dem Projekt erkundigt, sagt Tübingens Pandemiebeauftragte Lisa Federle, die als die Architektin der Strategie gilt. Die größte Sorge: Man frage sich, wo man die vielen Tests herbekommen könne. Tübingen startete das Projekt mit einer Kapazität von 250.000 für drei Wochen und acht Testzentren, die außer sonntags den ganzen Tag über geöffnet haben. Es habe nur kurze Zeit gedauert, das Projekt aufzubauen, die Gelder dafür zu besorgen und die Testkapazitäten aufzubauen, sagt sie.

    Ob es andernorts ähnlich schnell gehen könnte, ist schwer zu sagen. Tatsächlich sind Schnelltests in Deutschland noch rar. Die meisten Bundesländer bieten ihren Bürgern einen kostenlosen Test pro Woche an. Die Kapazitäten müssten also deutschlandweit massiv steigen, was zusätzliche Kosten verursachen würde.

    Es gibt dazu keine amtlichen Zahlen, sie lassen sich allerdings hochrechnen. Palmer ließ in einem Interview mit dem „Deutschlandfunk“ wissen, dass Tübingen am Samstag rund 7000 Menschen getestet hat. Hochgerechnet auf die Bundesbevölkerung wären dies mehr als sechs Millionen Tests – an einem Tag. Die Kosten dafür beliefen sich auf mehr als 90 Millionen Euro, wenn ausschließlich medizinisches Fachpersonal testet wie bislang in Tübingen. Das schlägt mit etwa 15 Euro pro Test zu Buche.

    Übernehmen Restaurants, Hotels und Geschäfte den Vorgang, fallen rein rechnerisch nur die Kosten für ein Kit pro Test an, die bei einem Drittel davon liegen. Die Millionensummen klingen viel. Der Lockdown ist allerdings um ein Vielfaches teurer: Das Münchener Ifo-Institut schätzt, dass die Schließungen pro Woche 1,5 Milliarden Euro entgangene Wirtschaftskraft kosten. Da erscheint das Tübinger Modell als die deutlich bessere Alternative – vorausgesetzt, „mehr Öffnungen und mehr Sicherheit“ gehen tatsächlich zusammen, wie Palmer sagt.

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