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19.05.2022

17:13

Pandemie

Vierte Impfung im Herbst: Wie Lauterbach für neue Corona-Wellen vorsorgen will

Von: Jürgen Klöckner

Der Gesundheitsminister plant die nächste Impfkampagne. Versäumnisse des vergangenen Jahres sollen sich nicht wiederholen.

„Wir haben die Pandemie noch nicht überwunden.“ IMAGO/Political-Moments

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach beim Treffen der G7-Gesundheitsminister in Berlin

„Wir haben die Pandemie noch nicht überwunden.“

Berlin Während Impfzentren leer bleiben oder sogar schließen, plant Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bereits die nächste Impfkampagne. Am Donnerstag kündigte etwa Berlin an, seine Impfzentren in Tegel und der Messe nur noch bis Ende Juni betreiben zu wollen. Beinahe zur gleichen Zeit kamen im Roten Rathaus der Hauptstadt die Gesundheitsminister der G7-Staaten zusammen, um einen globalen Pandemiepakt zu schmieden.

„Wir haben die Pandemie noch nicht überwunden“, sagte Lauterbach. Dies zeige ein Blick in derzeit stark betroffene Länder wie China und Nordkorea. Und auch in Deutschland würden immer noch täglich 130 bis 150 Menschen wegen der Pandemie sterben. Es gehe um die Ausbildung von Spezialisten, um Systeme, Infektionswellen rasch auf ihre Gefährlichkeit hin zu beurteilen und internationale Fachleute zusammenzubringen, erklärte der SPD-Politiker. Darüber hinaus gehe es auch um Impfstoffentwicklung und -bevorratung. Ziel sei es, effektiver und schneller auf Infektionsausbrüche zu reagieren.

Lauterbach trifft bereits seit Wochen Vorbereitungen für eine mögliche neue Coronawelle im Herbst. Die dritte Welle traf das Land vergangenes Jahr weitgehend unvorbereitet. Dies soll sich nicht wiederholen. Der Minister kündigte unlängst einen Pandemieplan an, den er in den kommenden Tagen vorstellen wolle.

Die Gesundheitsminister der Länder pochten Anfang der Woche zudem auf weitgehende Befugnisse für den Herbst. Zentraler Baustein ist zudem ebenjene neue Impfkampagne mit dem Ziel, jedem eine vierte Impfung in der kalten Jahreszeit anbieten zu können.

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    Eine vom Bundeskabinett beschlossene Strategie sieht dafür weitere 830 Millionen Euro vor, um ein vom Hersteller Moderna angekündigtes Präparat zu beschaffen, das bei verschiedenen Varianten zugleich wirken soll. Ebenso ist Lauterbach zufolge aufgrund von Verträgen der alten Regierung ausreichend Impfstoff da, der gegen die Ursprungsvariante samt Delta-Variante wirke. Auch ein zweiter, rein auf die Omikron-Variante angepasster Impfstoff von Biontech sei bestellt.

    Union kritisiert weitere Impfstoffbestellungen

    Aus der Opposition kam angesichts der vorhandenen Mengen Kritik an weiteren Bestellungen. Deutschland werde auf Millionen ungenutzten Dosen sitzenbleiben, da international keinerlei Spenden mehr angenommen würden, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Tino Sorge (CDU), dem Handelsblatt.

    Er verweist auf eine noch nicht veröffentlichte Antwort auf eine Anfrage an Lauterbachs Ministeriums, laut der die internationale Impfstoff-Allianz Covax längst keine Spenden mehr annehme. Zudem habe die Bundesregierung keine Informationen über Verfalldaten der eingelagerten Impfstoffe. „Ohne Überblick zu verfallenden Dosen immer weiter einzukaufen, wäre der völlig falsche Ansatz“, kritisierte Sorge.

    Lauterbach hingegen verteidigte die Pläne. Eine Lehre aus der Pandemie sei, nie wieder zu wenig Impfstoff zu haben, sagte der Minister. Um so schnell wie möglich impfen zu können, sollen auch die Impfzentren weitergeführt und vom Bund mit bis zu 100 Millionen Euro pro Monat unterstützt werden.

    Die Entscheidung Berlins, Impfzentren zu schließen, zeigt allerdings, dass hier nicht alle Länder mitziehen. Dort will man die Impfungen künftig vor allem über die Arztpraxen anbieten. Man wolle die Impfkampagne stärker am Bedarf und der Nachfrage ausrichten, hieß es in einer Mitteilung.

    Die sind nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland niedrig. Im Schnitt erhalten derzeit nur noch 46.000 Menschen pro Tag eine Impfung, ein Großteil davon sind zweite Auffrischungsimpfungen. Diese haben bisher rund 4,7 Millionen Menschen erhalten.

    In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) eine zweite Auffrischungsimpfung für bestimmte Gruppen wie Menschen ab 70 Jahren, von denen es in Deutschland etwa 13,5 Millionen gibt. Auch für Pflegeheimbewohner sowie Immungeschwächte wird die vierte Impfung empfohlen – frühestens drei Monate nach dem Booster.

    Diese Impfzahlen sind einigen Experten für den Herbst zu gering. Der Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule in Berlin sagte dem Handelsblatt, dass die hohen Infektionszahlen der vergangenen Monate und die erreichte Impfquote zwar zu einer „Grundimmunität in der Bevölkerung“ beitrügen. „Diese wird bis zum Herbst aber leider nicht erreicht werden, deshalb ist eine weitere Impfung mit einem Omikron-spezifischen Impfstoff oder einem der bereits zugelassenen sehr sinnvoll – für bereits dreimal Geimpfte und noch mehr für alle Ungeimpften“, sagte er.

    Hilfreich sei die weitere Impfung vor allem für Risikogruppen und Menschen ab 60 Jahren. Auch Minister Lauterbach wirbt seit März für die vierte Impfung ab 60 Jahren und beruft sich auf israelische Daten. Frühere Studien aus dem Land deuten allerdings auf einen eher geringen Zusatznutzen einer vierten Impfung beim Schutz vor einer Omikron-Ansteckung hin.

    Die EU-Arzneimittelbehörde Ema wiederum hält eine vierte Dosis vor allem für Menschen ab 80 Jahren für sinnvoll. „Für Erwachsene ab 60 Jahren mit einem normalen Immunsystem gibt es zurzeit keine schlüssigen Beweise, dass der Impfschutz gegen eine schwere Erkrankung abnimmt und dass eine vierte Dosis einen Mehrwert hat“, erklärten die Experten der Ema im April. Für eine generelle Empfehlung sei es zu früh. Es gebe aber auch keine Sicherheitsbedenken gegen eine zweite Auffrischungsimpfung.

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