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26.11.2018

11:57

Pflegenotstand

Jede zweite ehemalige Pflegekraft ist bereit, in den Beruf zurückzukehren

Von: Peter Thelen

Eine Studie macht Hoffnung auf Entlastung an der Pflegefront. Da der Bund nicht ausreichend Geld zur Verfügung stellt, droht jedoch ein Einbruch bei neuen Pflegekräften.

Wird es bald weniger Ausbildungsplätze in der Altenpflege geben? dpa

Pflege

Wird es bald weniger Ausbildungsplätze in der Altenpflege geben?

Berlin In den vergangenen 25 Jahren wurden in Deutschland rund 625.000 Pflegekräfte ausgebildet. Davon haben aber schätzungsweise 335.000 den Beruf wieder verlassen. Die würden dringend benötigt. Entsprechend positiv ist das Ergebnis einer aktuellen Studie: 48 Prozent dieser ausgebildeten Pflegekräfte könnten sich vorstellen, wieder in ihren alten Beruf zurückzukehren.

Dies bestätigt die am Montag vom Pflegebeauftragten der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, vorgestellte Studie, die im Auftrag des Medizin- und Pflegeprodukteherstellers Hartman von dem privatwirtschaftlichen Marktforschungsunternehmen Psyma Health & Care erstellt wurde. Damit liegt die Zahl der potenziellen Rückkehrer bei 120.000 bis 200.000.

Würden sie tatsächlich alle binnen weniger Monate in den Beruf zurückkehren, würde das viele Probleme in der Krankenpflege, aber vor allem in der Altenpflege lösen. Derzeit kommen nämlich auf 100 freie Plätze in der Pflege nur 29 arbeitslose Pflegekräfte, die eine Stelle suchen. „Die Pflege-Come-Back-Studie zeigt, dass viele ehemalige Pflegekräfte ihren Beruf sehr wertschätzen und sich einen Wiedereinstieg vorstellen können, wenn die Rahmenbedingungen andere wären“ so Westerfellhaus.

Denn als Hauptgründe für den Exit der Fachkräfte sind die enorme körperliche und psychische Arbeitsbelastung, der hohe Zeitdruck, die immer stärker gewachsenen Dokumentationspflichten sowie an vierter und fünfter Stelle die schlechte Bezahlung und die Unvereinbarkeit von Pflegeberuf und Familie.

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13.000 zusätzliche Stellen sollen in der Altenpflege geschaffen werden. Zudem gebe es auch Lösungen für das Problem der vielen unbesetzten Stellen.

Westerfellhaus sieht hier vor allem die Arbeitgeber in der Pflicht. Es gehe um „mehr Wertschätzung, Anerkennung, Erholungsphasen, Freude und Motivation im Arbeitsalltag“, sagte Westerfellhaus, der seine Karriere in den 1970er-Jahren als Krankenpfleger begann.

Die Ex-Pflegekräfte selbst fordern laut Studie andere Strukturen und Arbeitsbedingungen, einen besseren Personalschlüssel, und erst an dritter Stelle bessere Bezahlung.

„Offenbar verstehen sehr viele Menschen den Pflegeberuf nicht einfach als Job, sondern als Berufung. Hier können wir ansetzen, um den Pflegekräftemangel pragmatisch und effektiv entgegenzutreten“, so Andreas Joehle, Vorstandschef der Hartmanngruppe.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat bisher aber vor allem bei der Krankenpflege politisch geliefert. Hier gelten in Zukunft neue Mindestvorgaben für das Pflegepersonal. Außerdem wurden die Krankenkassen verpflichtet, jede neue Pflegekraft eins zu eins zu finanzieren.

In der Altenpflege stehen die versprochenen Verbesserungen noch aus. Hier gibt es lediglich die Verpflichtung für die Krankenkassen, 13.500 zusätzliche Stellen in der medizinischen Behandlungspflege zu finanzieren. Das bedeutet gerade einmal eine Pflegekraft mehr je Pflegeheim.

Mit der konzertierten Aktion Pflege, an der neben Spahn auch Arbeitsminister Hubertus Heil und Familienministerin Franziska Giffey (beide SPD) beteiligt sind, soll es weitere Verbesserungen geben. „Wir sind mitten im Diskussionsprozess. Mitte des nächsten Jahres werden die Ergebnisse vorliegen, die dann auch umgesetzt werden,“ gibt sich Westerfellhaus optimistisch.

Gleichzeitig fürchten allerdings die Pflegeverbände einen Einbruch beim mindestens ebenso wichtigen Fachkräftenachwuchs. In den vergangenen Jahren war die Zahl der Auszubildenden in der Kranken- und vor allem auch der Altenpflege stetig gestiegen.

Doch zwischenzeitlich haben Union und SPD gegen erhebliche Widerstände eine umfassende Ausbildungsreform durchgesetzt. Die bisher getrennten Ausbildungswege für Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege sollen danach zu einem generalisierten Ausbildungsgang zusammengefasst werden.

2020 soll es losgehen. Bis dahin stehen vor allem die Altenpflegeschulen vor einem gewaltigen Umbauprozess bei laufendem Betrieb. 400 Millionen Euro soll die erforderliche Anschubfinanzierung kosten. Kommt sie nicht, warnen neben den Berufsverbänden der Pflegekräfte auch Verbände der Heimbetreiber und Pflegeeinrichtungen, drohe ein Einbruch beim Angebot an Ausbildungsplätzen.

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Nach dem Gesetz müssen Arbeitgeber wieder die Hälfte des Beitrags zahlen. Arbeitnehmer und Rentner sparen dadurch 6,9 Milliarden Euro jährlich.

Und genau dieser Einbruch könnte nun eintreten. Denn die Bundesregierung hat sich hartnäckig geweigert, sich wenigstens zur Hälfte an den Kosten zu beteiligen. In der vergangenen Woche wurde der Bundeshaushalt verabschiedet, ohne entsprechende Finanzspielräume vorzusehen. Auch die Koalitionsfraktionen hatten sich bis zuletzt dem Ansinnen verweigert.

Die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium Sabine Weiß begründet das in der Antwort auf eine Eilanfrage der Grünen damit, dass „die Finanzierung etwaiger Ausgaben vor Beginn der neuen Pflegeausbildungen“ nun einmal im Finanzierungsverfahren nach dem Pflegeberufegesetz nicht vorgesehen sei. Die Anschubfinanzierung liege vielmehr allein in der Verantwortung der Länder: Die seien aktuell noch in Beratungen über das Thema, so Weiß.

Die Pflegexpertin der Grünen Kordula Schulz-Asche hält das Vorgehen für verantwortungslos. Spahn lasse die Pflegeschulen im Stich. „Uns darf aber durch die Ausbildungsreform besonders in der Altenpflege kein Ausbildungsplatz verloren gehen.“ Dies drohe nun aber.

Dabei birgt die aktuelle Studie zu den Pflegerückkehrern auch interessante Daten zur Frage der Attraktivität des Pflegeberufes an sich. Sie ergibt sich aus den Antworten der Wechsler, die inzwischen im Durchschnitt 41 Jahre alt sind, wie zufrieden sie denn mit den Jobs sind, auf denen sie heute arbeiten.

25 Prozent der Pflegekräfte sind heute im kaufmännischen Bereich mit rein administrativen Tätigkeiten beschäftigt, etwas mehr als jeder Zehnte landete im Einzelhandel, die übrigen arbeiten als Friseurin, in der Logistik als Kindergärtnerin, in der Gastronomie oder im Facility Management.

Und allen ist eines gemeinsam: Sie sind in ihren neuen Berufen zwar etwas zufriedener, als sie zuletzt in der Pflege waren. Aber sie sind nicht mehr so glücklich, als sie es noch am Anfang mit dem gewählten Pflegeberuf gewesen sin. 63 Prozent waren damals voll zufrieden mit diesem Beruf. Dies sagen von ihren heuten Tätigkeiten nur44 Prozent. 70 Prozent würden denn auch am liebsten wieder auf ihre alte Pflegestelle zurückkehren.

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