MenüZurück
Wird geladen.

19.06.2019

14:31

Politische Debatte

Gauck findet die AfD „suspekt und retro“

Von: Lena Bujak

Der ehemalige Bundespräsident hat mehr Toleranz gegenüber der AfD gefordert – und dafür viel Kritik erfahren. Nun erklärte er sich.

Joachim Gauck erklärt seine AfD-Aussage dpa

Altbundespräsident Joachim Gauck

Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck hat in Berlin sein neues Buch „Toleranz“ vorgestellt – und dabei seine Aussagen über die AfD erklärt.

BerlinSoll man der AfD mehr Toleranz entgegenbringen? Für diese Forderung in einem „Spiegel“-Interview hat Joachim Gauck in den vergangenen Tagen viel Kritik einstecken müssen. Wegen der zeitlichen Nähe der Aussage zum mutmaßlich rechtsmotivierten Mord an dem hessischen CDU-Politiker Walter Lübcke zeigten sich viele Bürger empört.

Vor allem in den sozialen Netzwerken warfen sie dem ehemaligen Bundespräsidenten vor, einen Rechtsruck zu propagieren. In Berlin stand Gauck am Dienstagabend im Rahmen der Präsentation seines neuen Buches „Toleranz“ Rede und Antwort. Seine Aussage wollte er erklären, zu bereuen gebe es indes nichts.

Gauck will AfD mit Argumenten bekämpfen

„Ich schleppe, seit ich politisch arbeite, auch immer getreue Feinde mit. Links außen und rechts außen siedeln sie vermehrt und lassen mich nicht in Ruhe“, sagte Gauck beiläufig. Er schien abgeklärt. Aufgewachsen an der Ostsee, sei er Gegenwind gewohnt. Und auf Twitter werde deutlich, dass nur wenige Kommentatoren sein Interview wirklich gelesen hätten. Alles also nur kenntnislos aus dem Kontext gerissen?

„Sie ziehen auch gerne mal den einen oder anderen Satz aus dem Zusammenhang und tun einen in Schubladen, in die man nicht reingehört“, kommentierte Gauck. Sonst wüssten seine Kritiker ja um die Erklärung, die er seiner Forderung in dem Interview beigefügt hat.

Gauck hatte dort argumentiert, dass die Diskussion fester Bestandteil einer Demokratie sei. „Es muss einen breiten Debattenraum geben“, erklärte der frühere Pastor. Einen Debattenraum, der auch Platz schafft für politische Lager, die der breiten Masse nicht gefallen. Wie beispielsweise die AfD.

Gauck zeigte sich bei seiner Buchvorstellung entsetzt über den Vorwurf, er unterstütze die rechte Szene. „Ich bin doch kein Anhänger der AfD geworden. Ich finde die Typen suspekt und retro. Ich kann so was nicht wählen. Das ist völlig unmöglich“, erklärte er nachdrücklich. Doch er könne die Partei auch nicht ignorieren: „Wenn wir so tun, als wären sie nicht da und würdigen sie keines Argumentes, bewegt sich in dem Lager nichts.“

Stattdessen rief der Ex-Bundespräsident dazu auf, heftig mit der AfD zu streiten. Er plädierte für eine kämpferische Toleranz, was auch bedeute: So lange die AfD oder andere extreme Parteien nicht gegen die Rechtsordnung und die Verfassung verstoßen, sondern allein ihre Ideologie predigen, stehe ihnen ein Platz in der politischen Debatte zu. Auch, wenn es unangenehm ist: Nur in der Konfrontation könnten Gegner argumentativ gestellt werden.

Die AfD ist keine Gefahr für die Demokratie

Die breite Angst vor rechten Parteien ist womöglich ein Grund für die heftigen Reaktionen auf die Aussage des 79-Jährigen. Sie erstarken in weiten Teilen Europas. Für populistische Parteien ist die Furcht vor Veränderung ein Machtinstrument, mit dem sie politischen Einfluss gewinnen. Und dieser Tage verändert sich jeden Tag Grundlegendes.

Mit dieser Angst, so Gauck, lasse sich Politik immer beschleunigen. Oder anders: Damit lassen sich auch Wähler gewinnen. Eine Gefahr für die Demokratie sieht er deshalb in der AfD noch nicht. So lange es Argumente für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie gebe, sei die grassierende AfD-Panik unbegründet.  

Mehr Toleranz für die AfD, das heißt für Gauck: Nicht jeden grundsätzlich vom politischen Diskurs auszuschließen, nur weil er unter der Fahne der AfD läuft. Es bedeute auch, die Partei des Irrtums zu überführen, ohne sie zum Feind zu erklären. Mit Sympathie habe das nichts zu tun.

Mehr: Den Fall Lübcke stuft die Bundesanwaltschaft als rechtsmotivierte Attentat ein. Experten warnen vor dem Gewaltpotenzial in der Szene.

Brexit 2019

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Heinz-Werner Raderschatt

19.06.2019, 16:29 Uhr

Gauck möchte seinen unverständlichen Appell in Buchform wohl eher philosophisch verstanden wissen, wenn ja, ist ihm das gründlich misslungen.
Als herausragende politische Figur aus höchstem Staatsamt hätte er unserer Demokratie mit einem anderen Thema wohl dienen können.Er zog es jedoch vor,auf diese Weise wider den Stachel zu löcken, was ihm wohl zur Wendezeit zugewachsen sein mag.
Mit freundlichen Grüßen
Heinz-W.Raderschatt

Herr Helmut da Silva

19.06.2019, 18:14 Uhr

Man kann Herrn Gauck nur voll und ganz zustimmen. Etwas mehr Gelassenheit täte uns gut, das sind die mahnenden Worte von Herrn Gauck.
Entgegen den Panikmachern die uns den Untergang des Abendlands prophezeien hat Herr Gauck es sehr sachlich angesprochen: " Eine Gefahr für die Demokratie sieht er deshalb in der AfD noch nicht. So lange es Argumente für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie gebe, sei die grassierende AfD-Panik unbegründet. Mehr Toleranz für die AfD, das heißt für Gauck: Nicht jeden grundsätzlich vom politischen Diskurs auszuschließen, nur weil er unter der Fahne der AfD läuft."
Was aber Herr Gauck jetzt erleben konnten, er ist ja Sturmerprobt, ist der mediale Scheiterhaufen. Es ist eine Hetze in den sozialen Netzwerken entbrannt, die die Aussagen wie er selber sagt aus dem Zusammenhang gerissen und wahrscheinlich den Artikel noch nichteinmal richtig gelesen haben. Linke und Rechte Hetzer sind vom gleichen Schlag. Inhaltlicher Diskurs Fehlanzeige. Große Teile der Presse macht hier auf der Linken Seite muter mit. Es geht nicht mehr um Argumente sondern um psychische Vernichtung des anderen.Die, die das Grundgesetz laufend gegen andere im Munde führen sind diejenigen die es am wenigsten achten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×