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13.09.2019

03:59

Präsident der TU München im Interview

Wolfgang Herrmann: „Ingenieure müssen politisch denken“

Von: Barbara Gillmann

Der dienstälteste Unipräsident Europas geht nach 24 Jahren an der TU München in Rente. Nun zieht er Bilanz und spricht über die KI-Aufholjagd und Top-Manager im Hochschulrat.

TU-Präsident Herrmann: „Ingenieure müssen politisch denken“ Imago

Wolfgang Herrmann

Der Chemiker ist der dienstälteste Uni-Präsident Deutschlands und Europas.

München Der dienstälteste deutsche und europäische Universitätspräsident, Wolfgang Herrmann, fordert die Regierung auf, weniger Rücksicht auf die Industrie nehmen und stattdessen mit strengeren Auflagen Innovationen beschleunigen: „Die Innovationskraft der Ingenieure und Naturwissenschaftler hat Deutschland zum Weltmeister in der Umwelttechnik gemacht – so muss das auch in der Energie laufen“, sagte der Chef der TU München im Interview mit dem Handelsblatt.

Statt in Brüssel strengere Abgasnormen zu bekämpfen, „hätte die Politik der Wirtschaft viel mehr zumuten müssen“. Die TU München ist seit 2006 Exzellenz-Universität und hat mehr als 41.000 Studenten. Herrmann führt sie seit 1995 und scheidet im Oktober altershalber aus.

Es sei ein großer Fehler gewesen, auf die Automobilindustrie zu hören, die „jahrelang erzählt hat, dass E-Autos Blödsinn sind“. So habe die Industrie auch verschuldet, „dass die Top-Expertise dazu in der Elektrochemie in den Unis verschwunden ist – die wir jetzt für den Batteriebau mühsam wiederaufbauen müssen.“ Um solche Fehlentwicklungen zu vermeiden, müssten Ingenieure und Techniker „viel politischer denken“ fordert Herrmann. Er hat aus diesem Grund – nach dem Vorbild von Stanford und MIT – die Geistes-, sozial- und Politikwissenschaften in die TU München integriert.

Für das Interview wählt Herrmann das älteste italienische Restaurant Münchens. Hier habe er schon viele überzeugt, erzählt er bei Loup de mer in Salzkruste – etwa davon, „dass Geisteswissenschaftler keine Schwätzer sind“.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Herr Herrmann, sie haben die TU München zu einer „unternehmerischen“ Universität gemacht. Wie viel Spenden haben sie eingetrieben?
In gut 20 Jahren mehr als 300 Millionen. Der Staatsverwaltung und dem Rechnungshof ist das allerdings wurscht.  Die Verwaltungen landauf landab ticken nicht international. Ich bin froh, wenn ich mich künftig anderen Aufgaben zuwenden kann. Deshalb habe ich auch abgelehnt, Gründungspräsident der neuen TU Nürnberg zu werden.

Sie waren 24 Jahre lang TUM-Präsident – was war am schwierigsten?
Etwa die Wiedereinführung einer exzellenten Lehrerbildung, die mehr ist als das übliche fünfte Rad am Wagen der Fachwissenschaften. Das ist gesellschaftliche Verantwortung der Universität. Und die Einführung der Wirtschaftswissenschaften 2001 – heute eine unserer größten und erfolgreichsten Fakultäten, in der wir technikorientierte BWL lehren. Wenn jetzt noch der Campus Heilbronn dazukommt, haben wir mit über 60 Lehrstühlen die größte BWL-Fakultät ganz Deutschlands, und die technikorientierte BWL zu unserer unverwechselbaren Marke gemacht.

Gegen das Engagement der TU München im schwäbischen Heilbronn gab es heftige Kritik. Es hieß: Dieter Schwarz, Lidl-Gründer und reichster Mann Deutschlands, „kauft sich eine Uni“ und nimmt Einfluss auf die Inhalte
Weil dummen Menschen „Reichtum“ suspekt ist. Ich kannte Heilbronn vorher nicht, habe dann aber festgestellt, dass unsere Betriebswirte und Ingenieure dort mit Dutzenden Hidden Champions kooperieren können – zum Nutzen aller. Und die Schwarz-Stiftung hat null Einfluss genommen, sie nehmen nicht mal an den Berufungsrunden teil. Dennoch ist das Fördervolumen gigantisch.

Für Skepsis hat gesorgt, dass Sie als Elite-TU Geistes- und Sozialwissenschaftler in die TUM holten.
Ingenieure brauchen heute mehr denn je den Bezug zu den Geistes-, Sozial- und Politikwissenschaften, damit sie ihr eigenes Handeln verstehen, die Bedürfnisse der Menschen berücksichtigen, politisch mitdenken. Das war eine Revolution – bis dahin haben viele Ingenieure Soziologen für Schwätzer gehalten, mich gewarnt, die würden sie nur von der Arbeit abhalten. Da musste ich Überzeugungsarbeit leisten – auch hier beim Italiener (lacht).

Wolfgang Herrmann

Der Präsident

Der Chemiker Herrmann (71) führt die TU München seit 1995, seit 2006 ist sie Exzellenz-Uni. Nun tritt er ab als dienstältester Uni-Chef.

Der Reformer

Die „unternehmerische Universität“ TUM etablierte als erste einen Hochschulrat mit Topmanagern und gab ihrem Präsidenten weit mehr Macht als andere.

Zuletzt haben sie auch noch die kleine Hochschule für Politik München übernommen...
Ja, sie hat Alumni von Gerhard Polt bis Edmund Stoiber (lacht) und ist jetzt mit der TUM School of Governance assoziiert. Ich hatte große Sorge, dass das meinen Professoren nun endgültig zu viel wird. Einige waren aber sofort begeistert, Architekten und Bauingenieure etwa. Ja, wir brauchen in der Politik einen Basissachverstand in Technik. Wenn wir keine Politikwissenschaftler mit Bezug zur Technik ausbilden, dann fehlt der Transmissionsriemen in die Politik.

Technik und Politik müssen enger zusammenrücken?
Ja, und umgekehrt müssen Techniker ein politisches Sensorium entwickeln. MIT und Stanford machen es uns vor. Als vor über 30 Jahren die großen Chemieunfälle passierten, haben die Unternehmen eher abgewiegelt und befürchtet, die neuen Auflagen würden sie in den Ruin treiben. Und wir jungen Chemiker an den Unis haben das nachgeplappert. Daraus habe ich gelernt. Die Innovationskraft der Ingenieure und Naturwissenschaftler hat Deutschland zum Weltmeister der Umwelttechnik gemacht – so muss das auch in der Energie laufen. Das Amt eines TU-Präsidenten ist hochpolitisch – das verstehen aber die meisten nicht.

Wie 2010, als sie den Appell für die AKW-Laufzeitverlängerung unterschrieben haben?
Ich habe damals gesagt: Der Ausstieg ist richtig, weil wir das Abfallproblem nicht lösen. Aber mit Augenmaß, weil wir das ganze System umbauen müssen. Und wir haben ja gesehen, dass die Energieversorger, die reichlich lange auf dem hohen Ross saßen, dann auch große Probleme bekamen. Ich bin auch für den Kohleausstieg. Aber wir brauchen neue Wertschöpfungsketten als Alternativen – deshalb habe ich mich bereit erklärt, den Innovationsbeirat des sächsischen Ministerpräsidenten für die Revitalisierung der Lausitz zu leiten.

Hätte die Politik der Wirtschaft viel mehr zumuten müssen, statt strengere Abgasnormen zu bekämpfen?
Völlig richtig. Und das sage ich obwohl das Spitzen-Unternehmen BMW einer unserer Hauptpartner ist und die meisten Ingenieure von uns bekommt. Die Automobilindustrie hat uns jahrzehntelang gesagt, Elektromobilität sei Blödsinn. Das hatte dramatische Folgen: Jede deutsche TU hatte Top-Expertise in Elektrochemie und Elektrophysik. Das ist Zug um Zug verschwunden, weil es nicht gefragt war. Die TUM hat das reaktiviert, aber in der Batterieforschung liegen wir noch zurück und müssen mühsam nachbessern. Das heißt allerdings nicht, dass wir die Wasserstoff-Technologie ignorieren dürfen, ganz im Gegenteil. Wissenschaft lebt aus der Vielfalt, und die Wirtschaft auch. 

Was tun, um solche Fehlentwicklungen künftig zu vermeiden?
Vor allem in den Universitäten kritikfähige Leute ausbilden, die politisch mitdenken. Wir können nicht Technik gegen die Gesellschaft machen. Gerade in Klima und Energie müssen wir viel stärker kommunizieren – und offen sagen, was Wissenschaft kann und was nicht. Frau Karliczek liegt völlig richtig, wenn sie die Wissenschaftskommunikation stärken will, sie muss es nur tun.

Können wir in der künstliche Intelligenz aufholen?
Ja, auch wenn Top-Leute extrem schwer zu bekommen sind. Weil sie knapp sind – und wegen unserer bräsigen Berufungsverfahren. Wenn man wochenlang wartet, bis sich Professoren mal zusammensetzen, sind anderswo die Top-Leute längst eingekauft. Mir wird vorgeworfen, ich hätte zu viel Macht im Präsidium konzentriert, aber in solchen Fällen muss ein Chef Leute ganz gezielt anwerben. Der Robotik-Champion Sami Haddadin ist ein Beispiel dafür.

Sie wollten weltweit unter die Top-25 kommen. Jetzt liegen sie auf Platz 57.
Naja, ich gebe zu, das war auch ermutigendes Marketing. Da bräuchten wir weit mehr Geld, denn gegen die Milliarden, über die Harvard, MIT und Stanford verfügen, können wir nicht konkurrieren. Dennoch: Wie schaffen wir es eigentlich, mit vergleichsweise wenig Geld in vielen Disziplinen so großartig zu sein? Das haben uns die ausländischen Gutachter in der Exzellenzinitiative ja bestätigt. Außerdem messen Rankings nicht, wie sich unsere Ingenieure im Mittelstand bewähren, wie gut unsere Lehrer und Ärzte sind, sondern nur Publikationen. Ich bin daher stolz, dass wir im „Global Employability Ranking“, das die Eignung der Absolventen für die Jobs von morgen bewertet, auf Platz sechs weltweit stehen!

Experten klagen, die Wissenschaft bringe nicht genug Transfer...
Ja, wir haben den mp3-Player und das Fax erfunden, Geld haben andere damit verdient. Unternehmerische Kultur unter den Akademikern gab es lange kaum, war an Unis nicht gefragt, auch weil der Staat diese als „nachgeordnete Behörden“ betrachtete. Dagegen habe ich 1995 als erster aufgemuckt und das Prinzip der unternehmerischen Universität entwickelt, mit dem wir drei Mal Elite-Uni geworden sind. Diesen Spirit haben wir systematisch entwickelt – auch mit dem Geld von Susanne Klatten, die unser Entrepreneurship Center gegründet hat. Da sind wir in Deutschland führend und wollen das auch in Europa schaffen. Ich wollte als junger Mann Chemiker bei Hoechst, Bayer oder Degussa werden, an eine Firmengründung dachte ich nicht. Die jungen Leute sind heute viel flexibler und unternehmenslustiger. Die TUM unterstützt das: mehr als 800 Ausgründungen in 20 Jahren, mit heute mehr als 15.000 Arbeitsplätzen – darunter das Software-Start-up Celonis, das an der New Yorker Börse mehr als eine Milliarde Dollar wert ist.

Sie haben 1998 den Hochschulrat erfunden, den es heute in ganz Deutschland gibt. Was bringt es, Menschen wie Joe Kaeser, Roman Herzog, Susanne Klatten, Wolfgang Reitzle oder Nicola Leibinger-Kammüller im Board zu haben? Mehr Spenden?
Geld spielt da keine Rolle. Entscheidend ist die Mischung aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Als junger Chemie-Dekan ist mir die langweilige Verwaltung auf die Nerven gegangen. Als Präsident wollte ich daher die Kooperation mit erfolgreichen Leuten von außen, die Zusammenhänge schnell kapieren. Die so pragmatisch denken wie Herzog: Das Ministerium wollte verbieten, parallel zum Master auch den alten Dipl.-Ing. weiter zu verleihen. Der Jurist Herzog hat gesagt: Den Dipl.-Ing. existiert juristisch gar nicht mehr – dann können sie ihn doch verleihen! So machen wir das bis heute (grinst) – ein Vorteil für unsere Absolventen.

Welche Rolle spielten die Externen beim Umbau der TUM?
Die Internen befürchteten einstweilen , dass ihnen Geld für Neuerungen weggenommen wird. Mitglieder des Hochschulrates wie Frau Klatten haben mich enorm unterstützt dabei, Lehrerbildung und Geisteswissenschaften reinzuholen. Für einen unserer 120 teuren Physikprofessoren kann man zwei bis drei Top-Geisteswissenschaftler berufen, hat sie gesagt. Auch eine so klare Person wie Frau Leibinger-Kammüller von Trumpf ist unbezahlbar – sie sagt in einem Satz was klassischen Gremien in stundenlager Beratung nicht einfällt. Und weil solche Leute zudem wenig Zeit haben, ist unsere Sitzungsdisziplin und Effektivität enorm gestiegen – es wird seither weniger geschwafelt.

Rolf Breuer – selbst lange Chef des Hochschulrates der Uni Frankfurt – hat gesagt, wenn er noch Chef der Deutschen Bank wäre, würde er Vorständen die Mitarbeit in Hochschulräten verbieten, weil sie dafür keine Zeit haben.
Kurzsichtig. Einiges, was Herr Breuer gesagt und gemacht hat, kann man nicht wirklich ernst nehmen. Er hat ja zum Beispiel auch diese überflüssige ESMT – European School of Management – in Berlin mit initiiert. Da haben große Unternehmen für ein vermeintliches Renommierprojekt Unmengen Geld verbrannt, statt es der Spitzenforschung zu geben. Da fehlt es halt manchmal auch an Durchblick. Viele sehen Universitäten als verlängerte Werkbank der Industrie – mit uns geht das nicht. 

Stünde die TUM heute so gut da, wenn sie nicht CSU-Mitglied und ihr Sohn nicht Staatskanzlei-Chef wäre?
Natürlich. Selbst wenn ich ein ehrenwerter königlich-bayrischer Sozi wär. Man soll nicht überheblich sein, aber manchmal hat Erfolg auch mit der Governance zu tun (lacht laut). Mein Gott, ich war ein relativ unpolitischer Chemiker. In Hessen hab ich sogar mal FDP gewählt, weil es dort die CSU und Strauss nicht gab. Ich glaube, Stoiber wusste gar nicht, dass ich Parteimitglied bin, als er mich in die Pflicht einer umfassenden Hochschulreform nahm.

Während wir hier reden, besieht sich Markus Söder auf der Zugspitze die Folgen des Klimawandels. Wie finden Sie es, dass ihr Ministerpräsident neuerdings so grün tickt – zum Entsetzen vieler Christsozialen.
Da hat der Markus Söder einfach Recht.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Herrmann.

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