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19.08.2019

11:41

Präsidentin des Deutschen Anwaltvereins

Gender Pay Gap in der Anwaltschaft: „Es gibt klare Diskriminierung“

Von: Heike Anger

Die neue Präsidentin des Deutschen Anwaltvereins, Edith Kindermann, spricht über zögerliche Frauen in Top-Sozietäten, Karate als Berufsturbo und #metoo in der Kanzlei.

Die Präsidentin des DAV fordert eine Veränderung der Kanzleikultur. DAV

Edith Kindermann

Die Präsidentin des DAV fordert eine Veränderung der Kanzleikultur.

Berlin Die neue Präsidentin des Deutschen Anwaltvereins (DAV), Edith Kindermann, hat einen Wandel in der Kanzleikultur gefordert. „Ich bekomme in der weiblichen Zunft einen ganz bunten Strauß von Begründungen genannt, warum Frauen nicht Partnerin werden“, sagte Kindermann im Interview mit dem Handelsblatt.

Oft gehe es dabei um geregelte Arbeitszeiten und Work-Life-Balance. „Es ist aber mittlerweile kein spezifisches Frauenthema mehr. Auch die Männer möchten immer seltener Partner werden“, betonte Kindermann. Statt Stress durch die Führungsposition wünschten sie sich eine freiere Lebensgestaltung.

„Auch immer weniger Anwälte sind bereit, das unternehmerische Risiko zu tragen“, sagte Kindermann. In der Digitalisierung sieht die neue DAV-Präsidentin darum Chancen: „Wir müssen von einer Präsenzkultur zu einer Ergebniskultur kommen.“

Sie schlafe weniger oder im Zug, sagt Edith Kindermann schonungslos. Die 57-jährige Bremer Anwältin und Notarin muss als neue Präsidentin des Deutschen Anwaltvereins nun häufig in Berlin sein. Sie ist die erste Frau in diesem Amt und tritt resolut auf. Im Mainstream mitzuschwimmen liegt ihr fern, wie das Gespräch schnell zeigt.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Frau Kindermann, Sie sind die erste Frau an der Spitze der deutschen Anwaltschaft. Sind Sie eine Quotenfrau?
Nein. In meinem ganzen Berufsleben, in dem ich viel in überwiegend männlich geprägten Rechtsbereichen tätig gewesen bin, habe ich nie erlebt, dass mein Geschlecht eine Rolle gespielt hat. Ich werde über Inhalte und Kompetenz wahrgenommen. Aber viele Kolleginnen freuen sich schon, dass nun eine Frau den Deutschen Anwaltverein führt.

Vita

Edith Kindermann

Die Bremer Rechtsanwältin und Notarin ist seit gut 100 Tagen Präsidentin des Deutschen Anwaltvereins (DAV). Damit vertritt die 57-Jährige die Interessen der rund 165.000 zugelassenen Anwälte. Sie ist die erste Frau in diesem Amt.
Kindermann ist in Westfalen geboren. Sie ist Fachanwältin für Familienrecht und auch im anwaltlichen Haftungs-, Berufs- und Vergütungsrecht tätig.

Spricht denn etwas dagegen, eine Quotenfrau zu sein?
Ob eine Quote nötig ist oder nicht, hängt von allen Beteiligten ab. Aus meiner Sicht muss Parität selbstverständlich sein. Aber wenn sich in bestimmten Bereichen nichts bewegt, weil es gläserne Decken gibt, dann kann auch die Einführung einer Quote eine sinnvolle Maßnahme sein.

Sie selbst haben 1981 Ihr Studium der Rechtswissenschaft in Bielefeld begonnen. Haben Sie da Unterschiede zu ihren männlichen Kommilitonen registriert?
Wir waren ein relativ ausgeglichener Jahrgang. Aber auch von der Wahrnehmung her war es für mich damals kein Thema. Im Schwerpunkt studierte ich später Wirtschaft und Arbeit. Da nahm der Frauenanteil ab. Aber auch da fühlte ich mich nicht anders behandelt.

Es gibt eine aktuelle Untersuchung, die zeigt, dass Frauen es im Jura-Studium deutlich schwerer haben, ein Prädikatsexamen zu machen, wenn nur Männer in der Prüfungskommission sitzen.
Wenn das so ist, wäre es zwingend geboten, die Kommissionen jeweils auch mit Frauen zu besetzen, am besten gleichberechtigt mit Frauen und Männern.

Zuletzt waren nur gut 17 Prozent der Jura-Professoren weiblich. Fehlen da positive weibliche Rollenvorbilder?
Besser wären natürlich viele Positivbeispiele für die jungen Frauen. Ich selbst hatte immer das Gefühl, dass alle Wege offen sind. Nach meinem Examen war ich noch eine Zeitlang als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig und erfuhr alle Förderung, um eine Hochschullaufbahn einzuschlagen. Es war meine Entscheidung, das nicht zu tun. Dann hat die Justiz einen Abwerbeversuch gemacht. Auch dem bin ich nicht gefolgt. Und dabei konnte ich mir am Anfang des Studiums gar nicht vorstellen, Anwältin zu werden.

Warum?
Die Selbstdarstellung lag mir fern. Schon in der Schule habe ich nur etwas gesagt, wenn es tatsächlich um Inhalte ging. Meine Mutter musste sich beim Elternsprechtag in der dritten Klasse anhören, wenn ich die Hauptschule schaffte, könne sie froh sein. „Das Kind spricht nicht“, hieß es. Erst durch die Erfolge des Studiums, die eigene Persönlichkeitsentwicklung und den Sport änderte sich das. Das habe ich im Übrigen in unterschiedlichen Bereichen bei Frauen festgestellt: Sich darzustellen und das eigene Wissen auch vorzuzeigen, da sind viele zurückhaltender als Männer.

Frauen studieren häufiger Jura als Männer. Danach fangen sie ähnlich häufig in den Top-Kanzleien an. Aber Partnerin werden sie selten. Was ist da los?
Ich bekomme in der weiblichen Zunft einen ganz bunten Strauß von Begründungen genannt, warum Frauen nicht Partnerin werden. Oft geht es dabei um geregelte Arbeitszeiten und Work-Life-Balance. Es ist aber mittlerweile kein spezifisches Frauenthema mehr. Auch die Männer möchten immer seltener Partner werden. Statt Stress durch die Führungsposition wünschen sie sich eine freiere Lebensgestaltung. Auch immer weniger Anwälte sind bereit, das unternehmerische Risiko zu tragen. Sie präferieren eine Erfolgsbeteiligung über Bonus- oder Tantieme-Modelle.

Dann wäre insgesamt einen Wandel in Kanzleien nötig, um Frauen wie Männern für Führungspositionen zu gewinnen?
Ja, die Kanzleikultur muss sich wandeln. Was viele aber auch erdrückt, ist das Thema Haftung. Die Partnerschaftsgesellschaft mit beschränkter Berufshaftung war ein wichtiger Schritt. Denn gerade Modelle der Work-Life-Balance waren schlecht abzubilden mit einer reinen Partnerschaftsgesellschaft, in der jeder Handelnde auch für den anderen Handelnden haftet. Da schwindet das Interesse, in eine sachbearbeitende Rolle hineinzukommen. Deswegen müssen wir auch über die Gesellschaftsformen weiter nachdenken.

Viele Kanzleien bieten speziell für Frauen Netzwerk-Veranstaltungen oder Mentoring-Programme an. Ist solche Förderung nötig?
Ein Mentoring-Programm ist sicherlich richtig, wenn eine Leitungsfunktion angestrebt wird. Das liefert wichtige Lerneffekte. Frauen können sich so von positiven und negativen Beispielen abgrenzen.

Sind Sie ein gutes Vorbild für junge Anwältinnen?
Ich bin immer eher untypisch unterwegs gewesen. Ein bunter Hund. Bis 2005 war ich Partnerin eines Juve-gelisteten Büros. Dort habe ich Baurecht gemacht und Vergabeverfahren bis zum Bundeskartellamt. Dann bin ich in eine Einzelkanzlei gegangen mit Schwerpunkt Familienrecht und anwaltliches Berufsrecht. In die Phase ist die Erkrankung meines Mannes gekommen. Mein Berufsweg ist an ganz vielen Stellen völlig anders abgezweigt als geplant. Und schon während des Studiums habe ich mich an viele Ratschläge nicht gehalten. Bei mir gab es keine Examensvorbereitung rund um die Uhr. Bis einen Tag vor der Prüfung habe ich in der Kanzlei mitgearbeitet und am Tag danach war ich auch wieder dort.

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