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19.06.2019

18:09

Promotionen

Doktoren im Überfluss – Zahl der Promotionen auf hohem Niveau

Von: Barbara Gillmann

Fast 29.000 Akademiker haben 2017 einen Doktortitel erworben. Experten kritisieren das – und wünschen sich von den Universitäten „Klasse statt Masse“.

Viele promovieren am Bedarf vorbei. dpa

Absolventen in Leipzig

Viele promovieren am Bedarf vorbei.

BerlinIm Jahr 2017 haben erneut fast 29.000 Akademiker erfolgreich den Doktortitel erworben. Seit Jahren ist die Zahl nahezu unverändert hoch. Absolute Spitze sind die Mediziner: Hier promovieren jährlich rund 6300 Akademiker, heißt es in einer Analyse des Zentrums für Hochschulforschung CHE. Es folgen Biologen und Chemiker mit jeweils mehr als 2000 Promotionen pro Jahr, dann Physiker, Maschinenbauer und Juristen.

Ist dieser enorme Aufwand für Hochschulen und Nachwuchs nötig? Braucht die Wirtschaft – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels – so viele Promovierte? Jürgen van Zwoll, Partner der Personalberatung Odgers Berndtson, verneint das. „In Deutschland ist die Doktoritis so weit verbreitet wie sonst nur noch in Österreich – weltweit interessieren die Titel kaum“, berichtet der Headhunter. In den USA habe er noch nie gesehen, dass jemand seinen PhD auf die Visitenkarte gedruckt habe.

„Für unsere exportorientierten Arbeitgeber ist es heute viel wichtiger, dass jemand Erfahrung im Ausland gesammelt hat. Viele junge Leute sind zwar weltweit im Urlaub, haben ansonsten aber schon Probleme, das Bundesland zu wechseln und bleiben lieber lange unter dem heimischen Kirchturm“, kritisiert van Zwoll.

Mehr „Klasse statt Masse“ wünscht sich auch Peter-André Alt, der Präsident der Hochschulrektoren, die die massenhaften Promotionen organisieren und finanzieren müssen. Denn zentrale Aufgabe der Hochschule sei, die wissenschaftliche Qualität der Doktorarbeiten zu sichern. Und der Löwenanteil der Doktoren verlässt die Hochschule – nicht einmal jeder Fünfte bleibt in der Wissenschaft.

Der Rektorenpräsident sieht die anhaltend hohen Zahlen daher kritisch: „Wir täten uns einen Gefallen, wenn wir die Zahlen reduzierten“, empfiehlt er. Der Run auf den Doktortitel habe seine Ursache „auch darin, dass in Deutschland – anders als in vielen anderen Ländern – ein Doktortitel immer noch der Karriere hilft, etwa bei Juristen oder Chemikern“, so Alt.

„Gerade in den klassischen Naturwissenschaften und der Humanmedizin scheint die Promotion noch immer als inoffizieller Regelabschluss zu gelten“, fasst CHE-Experte Cort-Denis Hachmeister die Daten zusammen. In Tier- und Zahnmedizin liege die Promotionsquote hingegen bei unter 50 Prozent. In Biologie promovieren fast neun von zehn Master-Absolventen. In Chemie liegt die Quote bei fast 80 Prozent, in Physik sind es zwei Drittel.

„Heute ist der Doktor in der Regel kein Geld mehr wert“

Deutlich seltener streben Juristen nach dem Titel: Aufgrund ihrer hohen Gesamtzahl gibt es dort zwar viele „Dr. jur“ – der Anteil an allen Absolventen liegt jedoch nur bei gut 13 Prozent.

Die Hoffnung auf bessere Jobs und Karrierechancen ist offenbar der Hauptantrieb für die meisten Doktoranden, an ein Studium auch noch mehrere Jahre der Promotion anzuhängen. Im späteren Berufsalltag zahle sich das jedoch immer weniger aus, warnt Headhunter van Zwoll: „Früher war der Dr. echtes Geld wert – zu D-Mark-Zeiten galt, dass man damit als Einsteiger pro Jahr 10.000 Mark mehr verdient. Heute ist der Doktor in der Regel kein Geld mehr wert.“

Eine Promotion sollten seiner Überzeugung nach heute daher „nur die anstreben, die als Naturwissenschaftler in die Forschungsabteilungen der Wirtschaft möchten“, empfiehlt van Zwoll.

Daneben sollte sich auch die kleine Gruppe derer nicht abhalten lassen, die für ein spezielles Thema brennen und es vertiefen wollen: „Wer etwa unbedingt in die E-Auto-Produktion will und die Chance auf ein Promotionsprojekt in der Batterieforschung hat, sollte diese unbedingt wahrnehmen.“ Allen anderen rät der Personalexperte, in den für eine Promotion nötigen drei bis vier Jahren lieber Berufserfahrung zu sammeln.

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