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28.11.2018

22:15

Regionalkonferenz

Obwohl Spahn als chancenlos gilt, kämpft er um den CDU-Vorsitz

Von: Christian Rothenberg, Daniel Delhaes

Im Rennen um die Nachfolge von Angela Merkel hat Spahn noch längst nicht aufgegeben. Während der Regionalkonferenz in Düsseldorf gibt er sich kämpferisch.

Regionalkonferenz in Düsseldorf

So buhlen die CDU-Bewerber um NRW

Regionalkonferenz in Düsseldorf: So buhlen die CDU-Bewerber um NRW

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Düsseldorf Jens Spahn lässt den Kopf in seine Hände fallen. Er sitzt im Flugzeug von Berlin nach Düsseldorf. Sein Ziel ist die größte der acht Regionalkonferenzen, die in Düsseldorf stattfindet. Der Bundesgesundheitsminister und Kandidat für den CDU-Vorsitz wartet schon seit einer halben Stunde auf Platz 3D, dass es endlich losgeht. Es ist 16 Uhr, als der Kapitän den gesamten Strom ausschaltet, weil es „die letzte Möglichkeit ist, den Fehler zu beheben“, wie er kurz vorher erklärt. Um 16.30 Uhr hebt das Flugzeug ab. Eine Stunde später als geplant.

Es ist das Leid des Kandidaten, dass er auch noch in Berlin regiert und sich nicht wie seine Rivalen Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz voll auf den parteiinternen Wahlkampf konzentrieren kann. Honoriert wurde es die ersten fünf Regionalkonferenzen nicht. Viele sehen Spahn als chancenlos, aber aufgeben will er deshalb auf der sechsten Konferenz in seinem Heimatverband noch lange nicht.

Spahn tritt an diesem Mittwoch als letzter Redner vor die 4000 Mitglieder. Zehn Minuten hat er, mehr als 14 wird er beanspruchen. Als Einziger zeigt er eine Vision auf. Spahn versucht in Düsseldorf etwas anderes als bei den bisherigen Konferenzen. „Ich möchte Sie mitnehmen in die Zukunft“, sagt er gleich zu Beginn und lenkt den Blick auf das Jahr 2040.

Es soll das Wohlfahrtsversprechen weiter gelten, wonach es jeder Generation besser geht als der letzten. Leistung soll sich lohnen, die Steuern und Abgaben sollen sinken. Deshalb soll der Soli weg, wenn auch die Pflegebeiträge steigen. Er setzt auf Europa, auf eine Verteidigungsunion, nicht auf eine Schuldenunion. Europa soll in große Projekte investieren, in Künstliche Intelligenz, ins Digitale. Und, ja, 2040 soll das Land auch noch von der CDU regiert werden. Dafür Applaus.

Umfragen sehen Spahn weit abgeschlagen hinter Merz und AKK, wie Kramp-Karrenbauer parteiintern genannt wird. Zu wenig Empathie, zu viel Ehrgeiz, zu selbstbewusst – diese Attribute hängen ihm nach. Aber so aussichtslos die Lage sein mag, Spahn scheint dies zu befreien, er redet frei und lockerer als noch bei den ersten Regionalkonferenzen. Die Zuhörer honorieren seinen Auftritt mit wohlwollendem Applaus.

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Zuvor hat Merz als Erster gesprochen. Sein Versprecher fällt nicht weiter auf, als er sagt, „nach 13 Jahren“ verlasse Angela Merkel „die Kommandobrücke der Partei“, dabei führt sie die CDU seit 18 Jahren und regiert hingegen seit 13 Jahren im Kanzleramt. Meint Merz, dass er bald schon ins Kanzleramt einziehen will?

„Natürlich geht das gut“, schiebt er später hinterher, um sich gegen den Dauervorwurf zu wehren, er könnte nicht mit Merkel harmonieren. „Diese Regierung ist gewählt bis 2021.“ Der neue Vorsitzende habe die Aufgabe, dass die Regierung gut arbeite. Die Mitglieder nehmen es ihm ab.

Kramp-Karrenbauer spielt in ihrer Eröffnungsrede ihren Trumpf aus: Sie erinnert an den April 2017, an den Landtagswahlkampf in NRW, wo sie auftrat und die Mitglieder motivierte. Sie selbst hatte kurz vorher die Wahl im Saarland gewonnen. Es war eine Art Gamechanger nach dem furiosen Start des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. „Ich weiß, wie sich 40 Prozent anfühlen“, stichelt sie in Richtung der beiden Mitbewerber, die noch keine Wahl für sich entscheiden konnten.

Die CDU atmet in diesen Tagen spürbar auf, auch heute in Düsseldorf. Die Mitglieder genießen es, in den Prozess eingebunden zu sein. Die Partei fiebert dem Neuanfang entgegen und versteht den Wettbewerb um den Parteivorsitz als Werbung für die innerparteiliche Demokratie. Es erfüllt die CDU mit Genugtuung, dass sie dem alten Vorwurf trotzen kann, ein reiner Kanzlerwahlverein zu sein.

NRW ist dabei ein besonderes Land für die CDU. Nicht nur, weil es der größte Landesverband ist, aus dem ein Drittel der Delegierten zum Bundesparteitag nach Hamburg fahren wird, um über die Nachfolge von Merkel abzustimmen. Der Landesverband will sich selbst nicht auf einen Kandidaten festlegen, gibt es doch die Wirtschaftsliberalen, die für Merz sind, die Sozialen, die sich hinter AKK scharen, und eben den Westfalen Spahn, der mit seinen 38 Jahren nach oben stürmt. Spahn wollte Laschet 2017 ablösen, hätte er die Landtagswahl vergeigt. Laschet gewann aber wider Erwarten, Freunde werden beide nicht mehr.

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Umso spannender ist an diesem Abend, wer die Mehrheit der Mitglieder auf seine Seite ziehen kann. Merz kann bei seinem Heimspiel punkten, in dem Bundesland mit seinen vielen mittelständischen Unternehmen genießt er viel Zuspruch. Nach seinem Einstiegsstatement applaudiert die Hälfte der Mitglieder stehend.

Auch Oliver Höhn schwärmt. Die Kandidatur von Merz habe bei ihm eine Euphorie ausgelöst, sagt der 43-jährige Vermögensverwalter aus Langenfeld. Auch wegen Personen wie Merz sei er 1999 in die CDU eingetreten. Sollte Merz gewinnen, kann Höhn sich sogar vorstellen, sich über den Ortsverein hinaus zu engagieren.

Aber auch Spahn hat seine Fürsprecher. „Ich traue es ihm zu“, sagt etwa Ingrid Meinert, eine Rentnerin aus Kevelaer. Ihr imponiert Spahns Ehrgeiz, dass er nicht aufgibt. Sie habe gehört, dass Spahn Mitglieder persönlich anrufe, die ihre Parteimitgliedschaft kündigen. Bei sieben von zehn gelinge es ihm, sie umzustimmen. „Das finde ich beeindruckend.“ Kramp-Karrenbauer findet sie ganz gut, aber sie sei „zu sehr wie die Merkel“.

Auf vielen Regionalkonferenzen nimmt die Aufarbeitung mit Merkels Flüchtlingspolitik viel Raum ein. In Düsseldorf kommen die Fragen zur Migration erst nach fast zwei Stunden. Es geht auch um den Migrationspakt, den 190 UN-Staaten im Dezember verabreden wollen. Ein dankbares Thema für Spahn. Er setzte in dieser Woche nicht nur durch, dass Union und SPD einen gemeinsamen Beschluss zu dem Pakt fassen, sondern auch, dass beim Parteitag darüber debattiert wird. „Es ist gut, dass wir Unbehagen und Sorgen aufgreifen“, sagt er an diesem Abend.

In Düsseldorf legt Spahn seinen bisher wohl überzeugendsten Auftritt hin, dennoch braucht er weiter so etwas wie ein Wunder, haben ihm doch viele Personen aus seinem Umfeld frühzeitig die Unterstützung verwehrt. Die JU mit ihrem Vorsitzenden Paul Ziemiak tendiert ebenso zu Merz wie die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung unter Führung seines Verbündeten Carsten Linnemann. Ein Gerücht hält sich deshalb hartnäckig. Zieht Spahn – mangels Chancen – vor dem Parteitag seine Kandidatur noch zurück? Im Interview mit dem Handelsblatt verneinte er die Frage kürzlich.

Spahn schließt die dreistündige Veranstaltung in Düsseldorf und erhält am Ende noch mal kräftigen Beifall. Der 38-Jährige schaut beseelt ins weite Rund, als wäre er selbst etwas überrascht. Heute gibt es keinen klaren Sieger. Entscheiden werden ohnehin die 1001 Delegierte auf dem Parteitag in der kommenden Woche. Am Abend noch macht sich Spahn zurück auf den Weg nach Berlin. Am Donnerstag muss er tagsüber regieren, bevor er nachmittags zur siebten Veranstaltung nach Bremen aufbricht.

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