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20.02.2020

04:00

Schattenwirtschaft

Schwarzarbeit weiter rückläufig – doch es droht eine Trendwende

Von: Frank Specht, Martin Greive

Im vergangenen Jahr ist das geschätzte Volumen der Schattenwirtschaft um zwei Milliarden Euro gesunken. Doch Konjunkturabkühlungen bedrohen die Entwicklung.

Im abgelaufenen Jahr betrug der Schaden geschätzt 322 Milliarden Euro. dpa

Schwarzarbeit

Im abgelaufenen Jahr betrug der Schaden geschätzt 322 Milliarden Euro.

Berlin Die Putzkräfte hatten einen Arbeitsvertrag über 80 Stunden im Monat, arbeiteten aber deutlich mehr. Den Lohn für die Überstunden erhielten sie bar auf die Hand – und somit schwarz. Nachdem der Schwindel aufgeflogen war, verurteilte das Amtsgericht Nürnberg den Arbeitgeber zu 13 500 Euro Geldstrafe.

Im Februar gelang Frankfurter Zollfahndern ein Schlag gegen die Zigarettenmafia. Die Beschuldigten sollen unversteuerte Zigaretten aus der Ukraine über Ungarn nach Deutschland und weiter nach Großbritannien geschmuggelt haben. Steuerschaden: 3,4 Millionen Euro.

Zwei Fälle aus dem großen Reich der Schattenwirtschaft, die der Zoll in seiner Erfolgsstatistik führt. Wie viele Fälle unter dem Radar bleiben, ist schwer zu sagen. Die Ökonomen Friedrich Schneider vom Forschungsinstitut für Bankwesen der Universität Linz und Bernhard Boockmann vom Institut für angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) schätzen das Volumen der Schattenwirtschaft in diesem Jahr auf 322 Milliarden Euro – zwei Milliarden Euro weniger als im Vorjahr. Dabei beziehen die Forscher neben der Schwarzarbeit auch unerlaubte Aktivitäten wie illegale Arbeitnehmerüberlassung, Drogenhandel, Schmuggel oder Prostitution ein.

Da Schattenwirtschaft im Geheimen stattfindet, lässt sich ihr Ausmaß nur abschätzen. Hinweise finden sich aber direkt – etwa über Befragungen oder Ermittlungsverfahren zu Steuerhinterziehung – oder indirekt. Zum Beispiel, wenn es eine Diskrepanz bei den Einnahmen und Ausgaben der Haushalte gibt oder besonders viele große Banknoten im Umlauf sind. In ihr Rechenmodell beziehen Schneider und Boockmann unter anderem die Steuerbelastung, die geleisteten Sozialversicherungsbeiträge, das verfügbare Einkommen, die offizielle Erwerbsquote und die effektiv geleistete Arbeitszeit ein.

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    Im Jahr 2003 hatte die Schattenwirtschaft mit 370 Milliarden Euro einen Höchststand erreicht. Im Rezessionsjahr 2009 waren es noch 352 Milliarden Euro – seither ist sie kontinuierlich zurückgegangen. So haben die gute Arbeitsmarktlage und die niedrige Arbeitslosigkeit sicher dazu beigetragen, dass weniger schwarzgearbeitet wird.

    Kampf gegen die Schattenwirtschaft verschärft

    „Die sich verschlechternden Wirtschaftsaussichten werden diesen Rückgang im Jahr 2020 aber dämpfen“, erwartet Schneider.

    Überhaupt sei die Prognose unter „erheblicher Unsicherheit“ über die wirtschaftliche Entwicklung erstellt worden, schreiben die Autoren. Sie gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr preisbereinigt um ein Prozent wachsen und die Arbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt leicht auf 2,3 Millionen Personen zunehmen wird.

    Die Bundesregierung hatte zuletzt ihren Kampf gegen die Schattenwirtschaft verschärft. So gilt seit November 2019 die sogenannte Generalunternehmerhaftung nicht mehr nur am Bau und in der Fleischverarbeitung, sondern auch in der Paketbranche. Ein Unternehmer, der Subunternehmen mit der Auslieferung beauftragt, haftet, wenn diese die Sozialversicherungsbeiträge nicht ordnungsgemäß abführen.

    Außerdem hatte die Bundesregierung 2019 das Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz verschärft. Neben einer Aufstockung der Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) gibt das Gesetz den Ermittlern zusätzliche Kompetenzen. Sie können etwa auch auf dem sogenannten „Arbeiterstrich“ kontrollieren, noch bevor die Tagelöhner auf einer Baustelle oder anderswo eingesetzt werden.

    In den Jahren 2017 und 2018 hatten die Schwarzarbeitbekämpfer des Zolls Fälle mit einem Schadenvolumen von insgesamt rund 1,8 Milliarden Euro aufgedeckt. Gewerkschaften und Opposition kritisieren aber, dass die Kontrolldichte immer noch viel zu niedrig ist, um Schwarzarbeit oder illegaler Beschäftigung wirksam begegnen zu können.

    Zunehmen könnte die Schattenwirtschaft nach Einschätzung von Schneider und Boockmann durch die Wiedereinführung der Meisterpflicht in zwölf derzeit zulassungsfreien Handwerksberufen, darunter Parkett- und Fliesenleger oder Raumausstatter. Zwar betrifft die Verschärfung nur Neugründungen. Die Ökonomen erwarten trotzdem, dass die Schwarzarbeit bis Ende 2022 dadurch um eine Milliarde Euro zunehmen könnte. Dagegen hat der zu Jahresbeginn von 9,19 auf 9,35 Euro angehobene Mindestlohn aus ihrer Sicht kaum Auswirkungen.

    Im Vergleich von 20 ausgewählten Industrieländern liegt Deutschland bei der Schattenwirtschaft mit einem Anteil von 9,1 Prozent an der Wirtschaftsleistung im Mittelfeld. Am niedrigsten ist der Anteil mit 4,8 Prozent in den USA, während in Griechenland jeder fünfte Euro im Schattenreich erwirtschaftet wird.

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