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11.01.2022

15:26

Schulen in der Pandemie

Lehrerpräsident: „Bildungspolitiker verharmlosen Ansteckungsgefahr in den Schulen“

Schulen sind keine Pandemietreiber – gegen diesen Grundsatz der Politik wehren sich nun Lehrer. Virologen sehen die Lage angesichts von Omikron ebenfalls skeptisch. 

Neben ansteigenden Infektionszahlen bei den Kindern fürchten Politiker wie Experten auch den Ausfall des Lehrpersonals. imago/photothek

Schule hat wieder begonnen

Neben ansteigenden Infektionszahlen bei den Kindern fürchten Politiker wie Experten auch den Ausfall des Lehrpersonals.

Berlin Die hochansteckende Virusvariante Omikron bereitet auch Lehrervertretern, Experten und Kultusministern Sorgen. Nervös schauen sie auf die Schulen, die nun nach den Weihnachtsferien in allen Bundesländern wieder gestartet sind.  

In Niedersachsen beispielsweise müssen sich ungeimpfte Kinder wieder täglich zu Hause testen lassen und medizinische Masken im Unterricht tragen. Noch in dieser Woche soll zudem ein Leitfaden für den Fall erarbeitet werden, dass kurzfristig viele Lehrer wegen einer Quarantäne ausfallen.

Auch andere Bundesländer befürchten, dass durch die rapide steigenden Fallzahlen so viel Schulpersonal ausfällt, dass der reguläre Unterricht gar nicht mehr stattfinden kann. 

Dennoch sollen die Schulen so lange es geht offen bleiben – diesen Appell formulierten die Kultusminister bereits in der vergangenen Woche. Die Pandemie gehe schließlich „nicht von dort aus“, sagte KMK-Präsidentin Karin Prien (CDU) im Handelsblatt-Interview. Ähnlich äußerte sich die Bundesbildungsministerin. Kritik an dieser Haltung kommt von Lehrer-Präsident Heinz-Peter Meidinger: Es sei „der Sachlage nicht angemessen, vorhandene Gefahren einfach herunterzuspielen“, sagte er dem Handelsblatt. 

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    Meidinger verweist unter anderem auf das Robert Koch-Institut (RKI), das schon vor Weihnachten längere Ferien gefordert hatte. Danach müsse geprüft werden, „ob Präsenzunterricht oder Distanz-, Hybrid-, oder Wechselunterricht stattfinden kann“, forderte RKI-Chef Lothar Wieler. 

    „Unwissenschaftliche Äußerungen”

    Die wiederkehrende Behauptung der Bildungsminister, Schulen seien keine Pandemietreiber, sei unwissenschaftlich, kritisiert Meidinger. Auffallend sei auch, dass dies immer wiederholt werde – ganz unabhängig vom Infektionsgeschehen in der jüngeren Bevölkerung.

    Im Frühjahr 2020 seien die  altersspezifischen Inzidenzen bei den Kindern halb so hoch gewesen wie bei der Gesamtbevölkerung, im Dezember des vergangenen Jahres hingegen zwei- bis dreimal so hoch. Die allgemeine Sieben-Tage-Inzidenz beträgt heute 388 – die der Fünf- bis 14-Jährigen liegt hingegen bei 508.

    Unbeachtet bliebe auch, dass ein Großteil der Erwachsenen geimpft und ein Großteil der Kinder weiterhin ungeimpft sei.

    RKI: Rolle der Schulen ist „strittig“

    Auch das RKI attestierte den Schulen in einer Analyse Anfang Januar keinesfalls eine unterdurchschnittliche Rolle in der Pandemie. Das Institut hatte dafür insgesamt 7165 Infektionsfälle unter Schülern in Hamburg in der Zeit von August 2020 bis Anfang Oktober 2021 untersucht. Das Resultat ist uneindeutig und widersprüchlich, die Bedeutung der Schulen damit schlicht „strittig“, räumen die RKI-Experten ein. 

    Denn sie konnten etwa nicht berücksichtigen, dass die Schulen über mehrere Monate ganz oder teilweise geschlossen waren. Hinweise auf „eine besonders hohe Beteiligung von Hamburger Schulen am Infektionsgeschehen“ gebe es aber auch nicht. Unterm Strich seien die Schulen damit „zwar keine Infektionshotspot“, „spielen aber durchaus eine relevante Rolle für das Infektionsgeschehen“. „Unstrittig“ sei allerdings, dass ein regulärer Schulbetrieb in Präsenz auch die allgemeine Mobilität und die Kontakthäufigkeit erhöhe, „womit das Risiko von Infektionen steigt“.

    Der Leiter der Virologie der Berliner Charité, Christian Drosten, sieht im Eingriff in den Schulbetrieb „die stärkste Maßnahme“ gegen das Pandemiegeschehen. „Wir hatten ja vor Weihnachten in der Delta-Welle ein Dominieren im Schulbetrieb, und wir haben ganz klar gesehen, dass das auch aus den Schulen in die erwachsenen Jahrgänge weitergegeben wird“, sagte er im NDR-Podcast. „Das ist also der eine Mechanismus, dass man dort eine gewisse Herkunft von Infektionen unterbinden kann.” 

    Der Epidemiologe Markus Scholz von der Universität Leipzig hält es deswegen für wahrscheinlich, dass – sollten die Schulen offen bleiben – Kinder und Lehrer während der Omikron-Welle noch stärker belastet sein könnten als unter der Delta-Variante. „Die Schnelltests funktionieren weniger gut bei Omikron, und die Ansteckung erfolgt einfach zu schnell“, sagte Scholz dem Handelsblatt. „Die Impfquote bei den Jugendlichen ist vor allem in den östlichen Bundesländern viel zu niedrig.“ Und nach wie vor fehlten Luftfilter an vielen Schulen.  

    In den USA und Frankreich kommen immer mehr Kinder ins Krankenhaus 

    In den USA und Frankreich gebe es bereits jetzt einen starken Anstieg von Krankenhausfällen bei Kindern und Jugendlichen durch Omikron. „Ich kann nicht erkennen, dass der Gesundheitsschutz für Schüler und ihre Angehörigen in Deutschland einen besonders hohen Stellenwert hat“, sagte Scholz. „Man setzt hier de facto auf natürliche Durchseuchung, ohne die Langzeitfolgen genau zu kennen.“

    Timo Ulrichs, Epidemiologe am Lehrstuhl für Globale Gesundheit der Akkon-Hochschule Berlin, sagt hingegen, dass die Omikron-Variante so ansteckend sei, dass die Frage nach den Pandemietreibern noch bewertet werden müsse. „Sicherlich tragen die Schulen bei einem gewissen Infektionsdruck stärker zur Ausbreitung bei, bei guten Hygienekonzepten können sie aber auch gut vor einem Einbruch des Virus geschützt werden“, sagte Ulrichs dem Handelsblatt. „Und darauf sollten wir zuerst setzen, also alles um die Schulen drumherum sicher machen, und das geht vor allem mit Maßnahmen für die Erwachsenen.“

    Auch der Lehrerpräsident wirbt dafür, bei den steigenden Infektionszahlen nun flexibel nachzujustieren: Mit qualifizierter Maskenpflicht, täglichen Tests, Aussetzung der Präsenzpflicht, niedrigschwelligen Impfaktionen im Umfeld von Schulen oder der Wiederherstellung des Mindestabstands. „Eine ungehinderte Durchseuchung der Schulen wie in Großbritannien in Kauf zu nehmen ist jedenfalls für mich keine ernsthafte Option“, sagte er. 

    Meidinger berichtet von zwei Gruppen von Eltern. „Eine Gruppe macht sich keine großen Sorgen um ihre Kinder und hätte im Grunde genommen nichts gegen ein Durchseuchungskonzept“, sagte er. „Die viel größere Gruppe macht sich jedoch durchaus Sorgen und ist durchaus dafür, Schutzmaßnahmen angesichts von Omikron hochzuhalten oder sogar zu verstärken“.

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