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04.08.2019

16:41

Sprachassistenten

Regierungsberater dämpft Erwartungen an Apple-Update für Siri-Aufnahmen

Von: Dietmar Neuerer

Apple will für die Auswertung von Siri-Sprachaufnahmen die Nutzer künftig explizit um Erlaubnis bitten. Ein geplantes Softwareupdate stößt jedoch auf Skepsis.

Bei Apple wurden sensible, von Siri aufgenommene Gespräche abgehört wie etwa über die Gesundheit von Menschen oder geschäftliche Details. dpa

Sprachassistent

Bei Apple wurden sensible, von Siri aufgenommene Gespräche abgehört wie etwa über die Gesundheit von Menschen oder geschäftliche Details.

Berlin Die Erkenntnis, dass Aufnahmen von Sprachassistenten zum Teil von Menschen abgetippt werden, um die Spracherkennung zu verbessern, schockierte viele Nutzer. Apple will künftig ausdrücklich die Erlaubnis dazu einholen – mittels eines Softwareupdates für Siri. Bis dahin wurde die Praxis gestoppt.

Ob der Plan Apples am Ende tatsächlich eine verbraucherfreundliche Lösung bringt? Der Vorsitzende des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen im Bundesjustizministerium, Peter Kenning, ist skeptisch.

Im Hinblick auf das angedachte Software-Update werde es „ganz wesentlich“ auf die konkrete Umsetzung ankommen, sagte Kenning dem Handelsblatt. „Wenn hier also zum Beispiel ein Opt-Out-Verfahren zum Einsatz käme, wäre dies nach wie vor problematisch, vielleicht sogar noch problematischer“, betonte der Düsseldorfer Wirtschaftswissenschaftler. Unter Opt-out versteht man den fristgebundenen nachträglichen Widerruf einer Einwilligung.

Apple hatte diese Woche weltweit die Auswertungen von Siri-Aufnahmen gestoppt. Vorerst sollen keine Mitschnitte des Sprachassistenten mehr ausgewertet werden, erklärte eine Sprecherin des US-Smartphone-Herstellers am Freitag. Nutzer sollen künftig nach einem Softwareupdate explizit um Erlaubnis dafür gefragt werden. Der Konzern reagierte damit auf Kritik von Datenschützern, die die auch bei Amazon und Google gängige Praxis seit längerem scharf kritisieren. Die Google-Mutter Alphabet hat ähnliche Schritte angekündigt, allerdings bisher nur für Europa.

Um die Software von Sprachassistenten zu verbessern, werden Teile von Mitschnitten von Menschen abgetippt und ausgewertet. Damit sollen etwa durch Dialekte oder Versprecher entstehende Fehler vermieden werden. Über die Assistenzsoftware können Smartphone-Nutzer durch Spracheingaben etwa Textnachrichten verschicken, Musik abspielen oder Anrufe tätigen.

Aufnahmen von Paaren beim Sex ausgewertet

Für Empörung hatte vor wenigen Tagen ein Bericht der britischen Zeitung „Guardian“ gesorgt. Demnach wurden bei Apple sensible, von Siri aufgenommene Gespräche abgehört wie etwa über die Gesundheit von Menschen oder geschäftliche Details. Auch Aufnahmen von Paaren beim Sex sollen ausgewertet worden sein, schrieb die Zeitung unter Berufung auf Insider.

Ein großes Problem sei, dass Siri manchmal unabsichtlich starte, weil die Software versehentlich „Hey Siri“ verstehe. Wie der „Guardian“ berichtete, reiche etwa das Wort „Syrien“ aus, um den Sprachassistenten zu wecken. In einigen Fällen habe Siri selbst das Geräusch eines Reißverschlusses als Befehl zur Aufnahme interpretiert. Durch die Auswertung solcher Fehler versuche Apple die Software zu verbessern.

Regierungsberater Kenning sieht es indes auch positiv, dass Apple nun versucht, die Probleme in den Griff zu bekommen. „Ich denke, dass dies auf den ersten Blick eine sinnvolle, eigentlich aber auch selbstverständliche Entscheidung im Sinne der aus Sicht des Verbraucherschutzes wichtigen Prinzipien von „privacy by default“ sowie „privacy by design“ ist“, sagte Kenning dem Handelsblatt. „Zudem ist aus Sicht der Verbraucher zu begrüßen, dass die offenbar langjährige Praxis transparent wird.“

Derweil ist Amazons Sprachassistent Alexa erneut in den Fokus geraten. Nach einem Bericht der „Welt am Sonntag“ sollen befristete Angestellte teilweise von zu Hause aus Daten aus Amazons Sprachassistentin Alexa auswerten. „Einigen Mitarbeitern ist es gestattet, von anderen Orten aus zu arbeiten“, erklärte Amazon der Zeitung. „Dabei gelten strenge Sicherheitsmaßnahmen und Richtlinien, an die sich jeder Mitarbeiter halten muss“, heißt es demnach weiter in der Stellungnahme des Konzerns. Insbesondere die Arbeit an öffentlichen Orten sei untersagt.

SPD sieht „Umdenkungsprozess“ bei den Unternehmen

Seit diesem Wochenende bietet Amazon Alexa-Nutzern, die sich um ihre Daten sorgen, eine neue Option an: Sie können die Auswertung von Mitschnitten durch Mitarbeiter des Konzerns verhindern. In der Alexa-App findet sich nun ein Schalter dafür.

Erst am Donnerstag war bekannt geworden, dass Google nach einem ähnlichen Bericht über seinen Assistant bereits Anfang Juli das Anhören der Mitschnitte durch Menschen in der EU ausgesetzt hat. Dieser Stopp gilt noch mindestens bis Ende Oktober, wie der Hamburger Datenschützer Johannes Caspar mitteilte. Er leitete wegen der Praxis ein Verwaltungsverfahren gegen den Internet-Konzern ein, um das Anhören der Mitschnitte durch Google-Mitarbeiter oder Dienstleister zu untersagen. Laut Google werden nur rund 0,2 Prozent aller Sprachbefehle an den Assistant auf diese Weise abgetippt.

Der SPD-Digitalpolitiker Jens Zimmermann wertet die Entwicklungen der letzten Tage als Hinweis, „dass bei verschiedenen Unternehmen ein Umdenkungsprozess einzusetzen scheint“, wie der dem Handelsblatt sagte. Er teile zudem die Auffassung des Hamburger Datenschutzbeauftragten, dass das jetzige Vorgehen nicht mit der Datenschutzgrundversorgung in Einklang stehe. „Insofern sehe ich die Unternehmen in der Pflicht.“, sagte Zimmermann.

Caspar hält Sprachassistenten generell für problematisch. Nicht nur das „menschliche Transkribieren“ der Sprachaufnahmen sei „besonderen Missbrauchsanfälligkeiten“ ausgesetzt. „Auch das Betreiben von Sprachassistenzsystemen ist aus technisch-organisatorischen Gründen problematisch“, sagte der Datenschützer dem Handelsblatt. Dazu zählten insbesondere Fehlaktivierungen. „Aber auch die Steuerung durch jede dritte Person, die in Mikrofonreichweite ist, kann ein Problem sein.“

Caspar riet zu einem ein Stimmprofil, um die Zugriffskontrolle abzusichern. Allerdings könnten Befehle an Sprachassistenzsysteme in Frequenzen versteckt werden, die für das menschliche Ohr nicht hörbar seien. „Durch Ultraschallfrequenzen können Systeme so unbemerkt gesteuert werden“, sagte der Datenschützer.

Kein zusätzlicher Regulierungsbedarf

Zusätzlichen Regulierungsbedarf sieht der Düsseldorfer Wirtschaftswissenschaftler Kenning indes nicht. In der Digitalen Welt bestehe aus Verbrauchersicht „oft kein Regulierungsproblem, sondern ein Problem der Rechtsdurchsetzung“, sagte er. Hier zeigten indes die doch deutlich höheren Bußgelder, die im Zuge der Datenschutz-Grundverordnung (DGSVO) durchgesetzt würden, offenbar erste Wirkungen.

Mehr: Bei Siri reicht wohl mitunter das Geräusch eines Reißverschlusses, bei Alexa ein Name, um den Sprachassistenten zu aktivieren. Darüber sollten die Hersteller endlich Transparenz schaffen.

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