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19.12.2019

16:00

Start-up des Jahres

Smartlane-Gründerin Monja Mühling revolutioniert die Logistik mit Algorithmen

Von: Georg Kofler

Monja Mühling will die Logistikbranche effizienter machen. Ihr Geschäftsmodell basiert auf Künstlicher Intelligenz, ihr Erfolg auf harter Arbeit.

Smartlane

„Könnten Sie mir bitte das Geschäftsmodell von Smartlane kurz erklären?“, frage ich Monja Mühling bei unserem jüngsten Treffen in München. „KI-basierte Transportoptimierung.“ Knappe Antwort, wie erwünscht. Aber etwas mehr will ich doch wissen. Also bekomme ich einen Kurzvortrag über die Strukturen der deutschen Logistikbranche und die Vorteile, die Smartlane via Digitalisierung diesen Unternehmen bieten kann.

Der erste Eindruck ist sympathisch und gewinnend: Monja Mühling kann auch ausgewiesene Nicht-Techniker wie mich in ihre Algorithmenwelten mitnehmen. Sie erklärt anschaulich und nachvollziehbar, welche Fortschritte an Effizienz und Transparenz mithilfe ihrer Software in dieser noch analog festgefahrenen Logistikbranche zu erzielen sind. Zweiter Eindruck: Diese Frau versteht ihr Geschäft. Sie hat es im Kopf und im Blut.

Was ist das Besondere an Smartlane? Der Kern ist eine cloudbasierte Software, die Logistikfirmen dabei hilft, ihre Transportflotten effizienter zu steuern. Mit einer ganzheitlichen Betrachtung aller Prozesse, wie Monja Mühling betont. Also zum Beispiel nicht nur die Routenplanung für die Fahrzeuge, das bieten andere auch.

Smartlane analysiert und steuert die gesamte Prozesskette von der Auftragserteilung bis zur physischen Auslieferung der bestellten Produkte. Die Technologie berücksichtigt Lieferzeitfenster, die Kapazitäten von Fahrer und Fahrzeug, die Größe der Flotte, jede Menge Verkehrsdaten und natürlich die Wünsche der Kunden.

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    Auf Basis all dieser Informationen berechnen Algorithmen in wenigen Minuten die idealen Touren. Wo bisher Telefon, Telefax und Excel-Tabellen dominierten und Disponenten jedes Detail quasi zu Fuß planten, da walten jetzt automatisierte Prozesse.

    Georg Kofler ist ein erfahrener Medienmanager (Pro Sieben), Unternehmer (Premiere) und Investor. Seine Social Chain Group will der 62-Jährige bald an die Börse bringen. Einem breiteren Publikum bekannt wurde der gebürtige Tiroler als Juror der Start-up-Show „Die Höhle der Löwen“. STEPHAN KOENIG

    Georg Kofler

    Georg Kofler ist ein erfahrener Medienmanager (Pro Sieben), Unternehmer (Premiere) und Investor. Seine Social Chain Group will der 62-Jährige bald an die Börse bringen. Einem breiteren Publikum bekannt wurde der gebürtige Tiroler als Juror der Start-up-Show „Die Höhle der Löwen“.

    Wichtiger Bestandteil dabei: Künstliche Intelligenz. Selbstlernende Komponenten, die bei Smartlane entwickelt wurden. So verarbeitet das System ständig neue Informationen und Erkenntnisse aus dem Alltag des Logistikbetriebs. Zum Beispiel, dass ein Fahrer bei bestimmten Kunden anstelle der geplanten zehn nur sieben Minuten braucht. In der Folge werden die Ankunftszeiten bei den nächsten Kunden neu berechnet.

    Praktischer Kundennutzen: Der Spediteur kann auf die halbe Stunde oder noch genauer voraussagen, wann er beim Kunden eintrifft. In der alten analogen Welt ärgern sich Millionen Kunden tagtäglich über die ungefähren Angaben der Spediteure oder Paketzusteller: Zeitfenster zwischen fünf und zehn, manchmal noch mehr Stunden. Diese Ineffizienz nervt nicht nur, sie kann auch erhebliche Kosten verursachen, zum Beispiel bei der Auslieferung von Ersatzteilen, damit bestimmte Maschinen wieder arbeiten können.

    Kosteneinsparung von 30 Prozent

    Smartlane steht also für eine entscheidende Effizienzsteigerung bei Kurier- und Paketdiensten, Speditionen aller Art, Auslieferungen von Handelskonzernen, Herstellern mit eigener Logistik. Rund 30 Prozent der operativen Logistikkosten können mit Smartlane eingespart werden, sagt Monja Mühling. Zusätzlich kann die interne Disposition bei den Firmen nahezu vollständig automatisiert werden. Damit werden weitere Kosten und Fehlerquellen substanziell reduziert.

    Wo steht Smartlane heute? Smartlane ist ein Start-up in fortgeschrittener Entwicklung, immer noch ein junges Unternehmen, aber mit professionellen Strukturen und einem Produkt, das bereits namhafte Großkunden überzeugt hat, darunter den Handelskonzern Metro.

    Zu Umsatz und Ergebnis macht Monja Mühling noch keine genauen Angaben. Im laufenden Jahr, so meine Schätzung, dürfte der Umsatz noch unterhalb der Million Euro liegen. In drei Jahren liegt die Zielmarke im deutlich zweistelligen Millionenbereich. Dann soll Smartlane auch schwarze Zahlen schreiben.

    Die wichtigste Einnahmequelle sind Lizenzgebühren. „Software as a Service“, so lautet der Fachbegriff für dieses Geschäftsmodell. Die Höhe der Lizenzgebühr orientiert sich an der Anzahl der abgewickelten Aufträge. Die Lizenzdauer beträgt in der Regel ein Jahr.

    Bis jetzt wurden die Verträge durchgehend verlängert. Monja Mühling ist zuversichtlich, dass schon in naher Zukunft weitere Kunden Smartlane nutzen werden. Auch Großkunden mit internationalem Geschäft, die dann quasi organisch auch die Internationalisierung von Smartlane voranbringen würden.

    „Wie soll Smartlane in drei Jahren positioniert sein, wie soll die Logistikbranche Sie sehen?“, frage ich Monja Mühling. Ihre Antwort: Smartlane soll die erste Marke sein, an die Kunden und Industrie denken, wenn es um Transportoptimierung geht.

    Von der Uni ins Unternehmertum

    Beeindruckt und geradezu begeistert hat mich die Entstehungsgeschichte von Smartlane. Warum? Weil der Weg dieser Innovation direkt von der Universität zum Unternehmertum geführt hat. Es wird ja häufig beklagt, dass in Deutschland vieles erfunden wird, das Geschäft dann aber andere machen, Amerikaner oder Chinesen zum Beispiel.

    Es scheint häufig so zu sein, dass sich die Deutschen mit wissenschaftlichen, akademischen Erfolgen zufriedengeben. Geschäftliche Erfolge und unternehmerischer Ehrgeiz haben in der Welt der deutschen Universitäten und Schulen wenig Lobby. In welchem Schulbuch steht „Unternehmer“ als Beruf?

    Umso erfreulicher sind nun die Gründungsgeschichte von Smartlane und der persönliche Werdegang von Monja Mühling. Sie hat an der Technischen Universität München ihren Bachelor und Master in Technologie- und Managementorientierter Betriebswirtschaftslehre absolviert. Im Rahmen ihrer Masterarbeit interviewte sie einige Gründer, darunter auch das Gründerteam von Smartlane, das zum damaligen Zeitpunkt nur aus Informatikern und Elektrotechnikern bestand.

    Sie waren auf der Suche nach einem weiteren Mitglied, das die nötigen betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten mitbringen würde. Monja Mühling erwies sich mit ihrem betriebswirtschaftlichen Hintergrund, gepaart mit ihrem technischen Verständnis und ihrer unternehmerischen Ambition, als perfekte Partnerin. 2015 gründete sie gemeinsam mit Florian Schimandl und Mathias Baur die Firma Smartlane.

    Innerhalb des Gründerteams von Smartlane übernahm Monja Mühling die ersten Kundenansprachen, baute Vertrieb, Marketing und Buchhaltung auf, kümmerte sich um die Jahresabschlüsse – all die Aufgaben, die für ein Unternehmen zwingend notwendig sind, aber nicht unbedingt im Fokus der Produktentwickler liegen.

    Zudem hat sie einen wichtigen Teil zur strategischen Weiterentwicklung des Produkts und der Zielgruppe beigetragen, indem sie in der Findungsphase 120 Kundengespräche analysierte und so die Logistikbranche gemeinsam mit ihren Co-Gründern als zielführendste Industrie definierte. Daraufhin optimierten sie die Software mithilfe von Pilotkunden aus der Logistik für die Logistik. Inzwischen ist Smartlane nur noch im Großkundensegment unterwegs.

    Monja Mühling repräsentiert Frauenpower auf der Führungsebene eines technischen Unternehmens, immer noch eine eher seltene Konstellation, leider. Dies gilt natürlich umso mehr in der alteingesessenen, männerdominierten Logistikbranche. Ob eine vorgeschriebene Frauenquote für sie ein Thema wäre, will ich wissen. „Wir stellen nach Kompetenzen ein“, lautet die klare Antwort. Kompetenz sei nicht genderspezifisch. Man solle weniger über Quoten reden als vielmehr Kompetenz zeigen.

    Auch ihr Privatleben managt die gebürtige Odenwälderin mit beeindruckender Souveränität. Die zweieinhalbjährige Tochter wird von acht bis 17 Uhr in einer Kita mit Ganztagsversorgung betreut. Mit allergrößtem Vergnügen, wie Mutter Mühling zufrieden feststellt. Rundherum wird das Familienleben gemeinsam mit ihrem Mann, einem Piloten, mit – wen wundert’s – erheblicher, weil notwendiger, Planungseffizienz organisiert.

    Die Erfolgsgeschichte von Smartlane hat gerade erst begonnen. Im Interesse der Gründer und des Technikstandorts Deutschland kann ich nur Glück und Erfolg wünschen. Darüber hinaus hoffe ich, dass Monja Mühling viele Frauen inspiriert, Unternehmen zu gründen und gerade auch im technischen Umfeld selbstbewusst in Führung zu gehen.

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