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19.09.2017

13:22 Uhr

Studie zu Diesel-Steuervorteilen

20 Cent pro Liter mehr fürs Klima – und den Nahverkehr

VonSilke Kersting

Klimaforscher fordern ein Ende der Diesel-Steuervorteile. Denn sie wissen: Bei Preiserhöhungen an der Zapfsäule würden Diesel-Kunden ihr Fahrtverhalten ändern. Mehreinnahmen könnten für saubere Mobilität genutzt werden.

Diesel-Autos profitieren von Steuervorteilen. Forderungen, sie abzuschaffen, hat die Bundesregierung bislang zurückgewiesen. dpa

Diesel-Zapfsäule

Diesel-Autos profitieren von Steuervorteilen. Forderungen, sie abzuschaffen, hat die Bundesregierung bislang zurückgewiesen.

BerlinAls Reaktion auf den Dieselskandal sollten die Steuervorteile des Diesels innerhalb der Europäischen Union komplett gestrichen werden. Das fordern Wissenschaftler in einer neuen Studie. In Deutschland beispielsweise würde Diesel dann zwar an der Zapfsäule etwa 20 Cent pro Liter teurer. Im Gegenzug könnten aber die CO2-Emissionen und der Ausstoß von Stickoxiden (NOX) innerhalb von fünf Jahren in Deutschland oder auch in Frankreich um jeweils etwa zehn Prozent gesenkt werden. Denn vor allem Dieselfahrer reagieren auf Spritsteuererhöhungen deutlich preissensibler als bisher angenommen – sowohl private Fahrer als auch Unternehmen mit Dieselfahrzeugflotte. Bei einem Preisanstieg von 20 Cent pro Liter würden sie Fahrten einsparen und dadurch etwa 14 Prozent weniger Kraftstoff tanken.

Das sind die Kernergebnisse einer neuen Studie unter Leitung des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin. Die Wissenschaftler sind nicht die ersten, die die Steuervorteile für Dieselautos unter die Lupe nehmen. Das Umweltbundesamt hat sich wiederholt für die Abschaffung umweltschädlicher Subventionen ausgesprochen, darunter die Subventionierung des Dieselautos, um auf diese Weise stärker emissionsfreie Autos, Busse und Bahnen fördern zu können. Bislang konzentrierte sich die Debatte aber eher auf drohende Fahrverbote in zahlreichen Städten, in denen zeitweilig vor allem die Grenzwerte für Stickoxide überschritten werden.

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Eine andere Steuerpolitik würde den EU-Staaten erhebliche Mehreinnahmen bescheren, heißt es in der Studie. Die Steuerhaushalte von Deutschland und Frankreich würden über jeweils rund vier Milliarden Euro mehr im Jahr der Reform verfügen. Italien, Spanien und die Niederlande über jeweils eine Milliarde Euro mehr. Diese Summen sollten laut Studie in den öffentlichen Nahverkehr oder die Forschung und Entwicklung von sauberen Antriebstechnologien investiert werden.

„Wenn die Verkehrswende mit Elektroautos in Gang kommt, sind die Probleme mit Dieselautos nicht einfach gestoppt. Auf dem Land und für den Fernverkehr blieben sie weiter attraktiv, denn weniger Spritnachfrage führt zu einem Preisverfall, was eine höhere Nachfrage nach Diesel nach sich ziehen kann“, erklärt MCC-Wissenschaftler Nicolas Koch, der die Studie betreut hat. „Weil aber gerade Dieselfahrzeuge meist von Firmen genutzt werden, die besonders empfindlich auf die Preise an der Zapfsäule reagieren, liegt hier auch ein hervorragender Ansatzpunkt für die Politik, um eine Verhaltensänderung anzustoßen.“

Die Forscher haben auf der Grundlage von EU-Daten etwa über die Flottenzusammensetzung und den Spritkonsum bestimmt, wie stark die Fahrer von Benzin- und Dieselautos auf höhere Spritpreise reagieren. Auf dieser Basis haben sie dann berechnet, wie sich Emissionen durch eine Abschaffung der Dieselsteuervorteile einerseits und einer CO2-Steuer andererseits verändern würden. Um den reinen Preiseffekt hervorzuheben, haben sie angenommen, dass das Einkommen sowie die Fahrzeugflotte gleichbleiben. Beide Politikmaßnahmen könnten demnach erheblich zur Senkung der NOX-Emissionen und Einhaltung der CO2-Reduktionsziele in der EU beitragen.

„Bei der Elektrifizierung des Verkehrssektors kann die Politik verschiedene Wege befahren“, sagt MCC-Direktor Ottmar Edenhofer, der zugleich Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) ist. „Um Fahrverbote zu vermeiden, sollte die Politik jede Chance nutzen und auf ein Ende der Diesel-Steuervorteile zurückgreifen, die bereits unmittelbar erhebliche Emissionsreduktionen mit sich bringen. Durch die neuen Einnahmen können die Belastungen von Pendlern und Vielfahrer durch neue sozialverträgliche Mobilitätskonzepte aufgefangen werden.“

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Durch eine komplette Streichung der EU-Steuervorteile für Dieselkraftstoffe würden zudem selbst die ehrgeizigen EU-Klimaschutzziele für 2020 noch in greifbare Nähe rücken. Denn der Transportsektor mit seinen weiter steigenden Emissionen gilt als ein Schlüssel, um sie zu erreichen. „Klima- und umweltpolitisch gibt es eigentlich keinen Grund für die Privilegien des Diesels – pro Liter ist er deutlich schmutziger als ein Benziner. Das Ende der Steuervorteile für Diesel würde etwa genau so viel CO2 reduzieren wie es ein CO2-Preis von 50 Euro pro Tonne könnte“, sagt PIK-Forscherin Anne Zimmer, ebenfalls Autorin der Studie. „Doch eine CO2-Steuer dieser Höhe wäre in Europa politisch schwer umsetzbar. Würden die einzelnen Staaten jedoch ihre jeweiligen Diesel-Steuervorteile streichen, hätten sie auch das nötige Geld für den Aufbau neuer klima- und umweltfreundlicher Infrastrukturen.“

Unabhängig vom Ergebnis der Bundestagswahl am 24. September wird die Verkehrswende eine wesentliche Rolle in der nächsten Legislaturperiode spielen. Getrieben von der Konkurrenz schwenken auch die deutschen Automobilhersteller langsam, aber sicher zur Elektromobilität um. Zu den in der Elektromobilität führenden Autobauern gehören bislang vor allem Tesla und Toyota sowie Nissan.

Kommentare (12)

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Frau Lana Ebsel

19.09.2017, 13:43 Uhr

Vor Urzeiten ist der Steuervorteil für Diesel entstanden, damit die Bauern mit ihrem Benz nicht alle Heizöl fahren. Da die Bauern das heute nicht mehr nötig haben, kann dieser Steuervorteil sofort entfallen.

Herr Lars Sandmann

19.09.2017, 14:31 Uhr

Dieses Dieselbashing ist doch langsam echt nervtötend. Welche praktikable Alternative gibt es denn zurzeit für einen Diesel? Die BEVs, die bei optimalen Verhältnissen nicht weiter als 200km kommen und ein paar Stunden laden müssen, um weiter fahren zu können? Oder ein Hybridfahrzeug, das sich kein Mensch leisten kann bzw. - wie die Besitzer eines BEVs - ein Eigenheim benötigt, das in der Garage eine Ladevorrichtung hat? Der Diesel ist und bleibt aktuell die einzige Möglichkeit, die CO2-Klimaziele zu erfüllen, die sich EU und deren Länder gesteckt haben. Ein Diesel produziert eben nur halb so viel CO2, wie ein Benziner. Warum wird das denn nie oder nur spärlich erwähnt? Darüberhinaus machen es die neuesten Technologien auch noch möglich, den NOX -Ausstoß von Dieselfahrzeugen auf das Niveau eines Benziners zu reduzieren.
Solange es keine vernünftige Alternative für Menschen gibt, die weite Strecken zu fahren haben, wird auch weiterhin Diesel gekauft.

Es gibt natürlich auch die andere Seite der Medaille, die ich hier nicht unangeprangert lassen mag. Die Hersteller und die Politik haben es über Jahre hin verschlafen, praktikable Substitutionen für Verbrennungsmotoren zu entwickeln und zu fördern. Und da macht man meiner Ansicht nach gerade einen riesengroßen Fehler, auf reine BEVs zu setzen und diese mit horrenden Subventionen zu fördern. Es gibt eine vielversprechende Technologie, der man mehr Aufmerksamkeit schenken müsste, der Brennstoffzelle. Schnell vollgetankt (3min etwa, je nach Tankgröße), respektable Reichweiten (aktuell 400-500km), aaaaaber: es gibt noch Probleme, die angegangen werden müssen, wie zum Beispiel das Speichern des Wasserstoff, der sich schnell verflüchtigt, und eine die BRD umfassende Infrastruktur für das Tanken fehlt komplett.

Etwas mehr Pragmatismus fehlt mir bei jedweder Berichterstattung über die "Dieselproblematik".
Was ist mit der Braunkohleförderung, die auch zur Verschmutzung beiträgt? Oder der Massentierhaltung? Nicht NUR Diesel!

Frau Edelgard Kah

19.09.2017, 14:57 Uhr

Als Diesel-Fahrer habe ich zwei dicke Nachteile: Mein Fahrzeug ist in der Anschaffung einige Tausend EURO teurer als ein Benziner. Deutlich teurer ist auch die KFZ-Steuer, die ich jedes Jahr zu entrichten habe.

Dafür habe ich den Vorteil, dass die Dieselpreise an der Tankstelle etwa 20 Cent pro Liter billiger als die Super-Preise sind. Entfällt dieser einzige Vorteil, kaufe ich mir eben einen Benziner und puste dann 20 % mehr CO2 in die Atmosphäre. Schön für Ihre Forscher, dann haben die wieder etwas zum rechnen.

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