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20.12.2021

13:10

Studienfinanzierung

Negativrekord: Nur jeder neunte Studierende bekommt Bafög

Von: Barbara Gillmann

Viele Studierende sind von vornherein von der Förderung ausgeschlossen. Experten fordern schnelle Reformen und machen Druck auf Bildungsministerin Stark-Watzinger.

Die Studienförderung des Bundes erreicht immer weniger Studierende dpa

Studierende im Hörsaal der Uni Heidelberg

Die Studienförderung des Bundes erreicht immer weniger Studierende

Berlin Die Reichweite des Bafög hat einen neuen Tiefpunkt erreicht: 2020 erhielt nur noch knapp jeder neunte Studierende Hilfe des Staates. Das zeigt der neue Bafög-Bericht der Bundesregierung, der dem Handelsblatt vorliegt. Er soll voraussichtlich diesen Mittwoch im Kabinett behandelt werden. Auch die jüngste Bafög-Novelle unter der ausgeschiedenen Großen Koalition konnte den Niedergang nicht aufhalten.    

Von den insgesamt gut 2,8 Millionen Studierenden haben lediglich 1,75 Millionen überhaupt die Möglichkeit, einen Antrag zu stellen. Die übrigen fallen raus, weil sie etwa die Regelstudienzeit überschritten haben, zu alt sind oder in Teilzeit studieren.

Doch auch unter den Berechtigten ist der Anteil der Geförderten seit 2010 von mehr als 27 auf nur noch 18,5 Prozent gefallen. Unter den Fachhochschul-Studenten sind es lediglich 15 Prozent. Die Ausgaben für das Bafög, die der Bund inzwischen allein trägt, stagnieren seit einigen Jahren bei rund 2,9 Milliarden Euro jährlich. 

Das erhöht den Druck auf Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP), die versprochene Kehrtwende beim Bafög schnell anzugehen. Nach dem Koalitionsvertrag soll es eine zentrale Säule für das versprochene „Jahrzehnt der Bildungschancen“ werden: Konkret sollen die Freibeträge für die Elterneinkommen deutlich erhöht werden, damit die Hilfe auch wieder den Nachwuchs aus der Mittelschicht erreicht. 

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    Zudem will die Ampelkoalition die Altersgrenzen stark anheben – bisher liegt die Grenze bei Bachelor-Studenten bei 30 Jahren. Weil der Großteil der Studierenden den Abschluss nicht in der Regelstudienzeit schafft, soll die Laufzeit verlängert werden. 

    Auch die Sätze selbst sollen angehoben werden – vor allem wegen der steigenden Wohnkosten. Aktuell liegt der Höchstsatz bei Studierenden bei 861 Euro. Der Darlehensanteil von 50 Prozent, beziehungsweise maximal 10.000 Euro, soll sinken. Bafög für ein Teilzeitstudium – etwa für junge Eltern – soll zumindest geprüft werden.

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    All dies verlangen Experten und das Studentenwerk seit Langem. So erklärt das Centrum für Hochschulentwicklung CHE die geringe Förderquote auch damit, dass auch Studierende an privaten Hochschulen – mittlerweile neun Prozent – vom Bafög ausgeschlossen sind. Und allein die Gruppe der Teilzeitstudierenden mache inzwischen acht Prozent aus. 

    Bafög geht „an der Lebensrealität vorbei“

    „Die mittlerweile dramatische Krise des Bafög hängt nicht an einzelnen Fördersätzen und Freibeträgen, sie ist eine grundlegend konzeptionelle“, konstatiert Ulrich Müller vom CHE. „Der ursprüngliche Ansatz des Bafög ist immer noch aktuell: Türen öffnen, Wege ebnen und Chancengleichheit herstellen.“

    Das Bafög jedoch gehe „an der Lebensrealität der heutigen Studierendengeneration deutlich vorbei“. Zudem habe die Pandemie gezeigt, dass es nicht krisenfest sei, nicht darauf angelegt, flexibel auf veränderte Rahmenbedingungen zu reagieren.

    Als wegen Corona zahlreiche Nebenjobs wegfielen, die für rund zwei Drittel der Studierenden wichtigste Finanzierungsquelle sind, musste der Bund mit der temporären „Überbrückungshilfe“ ein weiteres Finanzierungsinstrument mit wieder eigenen Förderbedingungen schaffen. 

    Das CHE plädiert für einen großen Wurf: Der Bund solle das Bafög nicht nur ausbauen, sondern auch mindestens mit dem KfW-Studienkredit, dem Bildungskredit und der Überbrückungshilfe zu einem flexiblen Paket zusammenbinden. Nur so könne „dauerhaft eine chancengerechte Beteiligung an hochschulischer Bildung gewährleistet werden“.

    Im Coronajahr 2020 ist die Zahl der Studienkredite wieder drastisch gestiegen  

    Im Coronajahr 2020 waren wieder weit mehr Studenten als zuvor gezwungen, einen Kredit aufzunehmen: Die Zahl der neu abgeschlossenen Studienkredite stieg nach der Erhebung des CHE von zuletzt 33.000 auf 50.000. Der allergrößte Teil davon entfällt auf die staatliche KfW-Bankengruppe. Deren Studienkredit kritisiert das CHE jedoch als außerordentlich teuer und unflexibel. 

    Das Studentenwerkt fordert zudem die schnelle Umsetzung des ebenfalls im Koalitionsvertrag angekündigten Bund-Länder-Programms für studentisches Wohnen. Dieses soll auch Azubis zugute kommen, damit diese auch fern der Heimat eine Lehrstelle antreten können. Zehntausende Unternehmen können derzeit Lehrstellen nicht besetzen, und noch mehr Bewerber gehen leer aus, weil beide räumlich nicht zusammenkommen. 

    Daneben müsse dringend die psychosoziale Beratung der Studierendenwerke ausgebaut werden, um die psychischen Pandemiefolgen für die Studierenden abzumildern, forderte  der Präsident des Studentenwerks, Rolf-Dieter Postlep. „Die Studierenden haben sich in der Pandemie mit älteren Menschen und anderen vulnerablen Gruppen unserer Gesellschaft solidarisch gezeigt. Jetzt brauchen sie die Unterstützung von Bund und Ländern“, sagte er. 

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