Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

21.05.2022

08:19

Ukraine-Krieg

Ampelpolitiker warnen vor verstärkten russischen Cyberattacken auf deutsche Unternehmen

Von: Dietmar Neuerer

Deutschland steht zunehmend im Visier russischer Cyberkrimineller. Grünen-Geheimdienstexperte von Notz sieht „zahlreiche“ Wirtschaftsunternehmen im Fokus der Angreifer.

Nancy Faeser will Deutschland gegen Cyberangriffe aufrüsten dpa

Kampf gegen Cyberkriminalität

Mit dem Ukrainekrieg hat die Cybergefahr noch einmal zugenommen.

Berlin Spionage, Sabotage, Cyberkriminalität: Sicherheitspolitiker der Ampelkoalition warnen angesichts des Ukrainekriegs vor einer Zunahme russischer Cyberangriffe auf Unternehmen in Deutschland.

Die jüngsten Attacken auf deutsche Behörden und Ministerien seien nur ein „Vorgeschmack auf mögliche weitere Angriffe“, sagte der kriminalpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Sebastian Fiedler, dem Handelsblatt. Ein erhöhtes Cyberrisiko für Deutschland sieht auch der Vorsitzende des Geheimdienstgremiums im Bundestag, Konstantin von Notz.

„Die IT-Sicherheitslage in Deutschland muss weiterhin als extrem angespannt betrachtet werden“, sagte der Vizechef der Grünen-Bundestagsfraktion dem Handelsblatt. „Nachdem in den vergangenen Wochen bereits mehrere Anbieter aus dem Bereich der kritischen Infrastruktur angegriffen wurden, beobachten wir derzeit eine Ausweitung von Attacken auch auf andere Bereiche.“

Der parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Stephan Thomae, sieht Cyberangriffe „ganz klar“ als Teil der Kriegsführung des russischen Präsidenten Wladimir Putin. „Je mehr Putin unter Druck gerät, sei es durch die Sanktionen des Westens oder ausbleibende Erfolge seiner Truppen in der Ukraine, desto mehr müssen wir mit groß angelegten Angriffen auf Deutschland rechnen“, sagte Thomae. „Diese könnten nicht nur staatliche Einrichtungen, sondern vermehrt auch die Wirtschaft betreffen.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte erst vor wenigen Tagen wegen der gegen Russland verhängten Sanktionen von einem erhöhten Risiko für Wirtschaftsspionage gewarnt. Neben Angriffen auf die IT-Infrastruktur verwies die Kölner Behörde auf mögliche Anwerbeversuche russischer Staatsbürger, die für deutsche Unternehmen arbeiten.

    Cyberattacken: Mittelstandsverband warnt vor „existenzbedrohenden Folgen“ für Unternehmen

    Nach dem Angriff Moskaus auf die Ukraine am 24. Februar haben Europa, die USA und andere westliche Staaten harte Sanktionen gegen Russland verhängt. Die Verfassungsschützer schlossen auch eine Zunahme von Cyberattacken auf deutsche Unternehmen und Forschungseinrichtungen nicht aus.

    Die prorussische Gruppe Killnet führe derzeit sogenannte DDoS-Attacken auf deren Webseiten durch, erklärte die Behörde. Dabei werden massenhaft Anfragen an die Webseiten gestellt, bis diese zusammenbrechen.

    Der SPD-Politiker Fiedler warnte denn auch, man dürfe nicht dem Irrglauben verfallen, Putin würde seinen Angriffskrieg ausschließlich klassisch und symmetrisch auf ukrainischem Staatsgebiet ausführen. „Sein Repertoire ist größer“, betonte der frühere Vorsitzende des Bunds Deutscher Kriminalbeamter (BDK).

    Die Verbreitung von Propaganda und Desinformation oder Cyberattacken gehörten dazu. „Russische Cyberangreifer gehören weltweit zu den aggressivsten und fähigsten“, erklärte Fiedler. Nicht nur Behörden und Institutionen, sondern auch der deutsche Mittelstand seien mögliche Ziele russischer Hacker.

    Der Bundesgeschäftsführer des Mittelstandsverbands BVMW, Markus Jerger, sieht mittelständische Unternehmen besonders von Cyberangriffen bedroht. Diese liege daran, dass „nur relativ wenige Unternehmen regelmäßige Datensicherungen durchführen oder Krisenreaktionspläne ausgearbeitet haben“, sagte Jerger. Zudem fehle es häufig an eigenen IT-Abteilungen und entsprechenden Fachkräften, oder die mit der Datensicherheit betrauten Personen würden nicht ausreichend weitergebildet.

    Die Folgen gerade für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) seien „schwerwiegend“, sagte Jerger. „Für Unternehmen mit weniger als 50 Beschäftigten hat eine von vier Cyberattacken sehr schwere oder sogar existenzbedrohende Folgen.“

    Ampel kündigt Gegenmaßnahmen zum Schutz kritischer Infrastrukturen an

    Der Grünen-Innenexperte von Notz sprach von „zahlreichen“ Wirtschaftsunternehmen, die verstärkt in den Fokus der Angreifer gerieten. Betroffen seien zudem deutsche Sicherheitsbehörden, demokratische Institutionen und Verfassungsorgane wie der Bundestag, aber auch Einrichtungen aus dem Bereich der Wissenschaft. Von Notz mahnte daher, die Bedrohungslage „sehr ernst“ zu nehmen, entsprechende Sicherheitsvorkehrungen zu treffen und Beratungsangebote etwa des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zu nutzen.

    Der Mittelstandsverband BVMW riet Betrieben, die Investitionen in Cybersicherheit auszubauen. „Aktuelle Erkenntnisse zeigen, dass mittelständische Unternehmen ihre Ausgaben zum Teil verdoppeln müssen“, sagte BVMW-Bundesgeschäftsführer Jerger. Er sieht auch den Staat in der Verantwortung zu helfen. „Um Anreize zu setzen, sprechen wir uns für eine staatliche Investitionszulage für IT-Sicherheit aus“, sagte er. „Investitionen in den Schutz unserer Wirtschaft müssen belohnt werden.“

    Für den SPD-Innenexperten Fiedler sind indes nicht nur Cyberangriffe eine Gefahr. Um in anderen Staaten operieren zu können, nutze Russland auch die klassische Spionage sowie Sabotage und verübe auch Anschläge.

    Von Notz kündigte Gegenmaßnahmen der Ampelkoalition an. „Wir werden die Resilienz unserer digitalen Demokratie und Infrastrukturen weiter erhöhen und die im Koalitionsvertrag verankerten Projekte priorisiert umsetzen“, sagte der Grünen-Politiker. Es würden nun wichtige Vorhaben wie die Vorlage eines Gesetzes zum Schutz kritischer Infrastrukturen (KRITIS-Dachgesetz) oder die Schaffung eines beim Technischen Hilfswerk (THW) angedockten Cyberhilfswerks angeschoben.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×