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06.01.2023

18:18

Ukraine-Krieg

Deutschland will Marder-Schützenpanzer bis Ende März liefern

Von: Gerd Höhler, Martin Murphy, Frank Specht

PremiumDie Bundesregierung will ein Bataillon mit den Fahrzeugen ausstatten. Dabei drängt die Zeit. Zumindest ein Teil der Panzer wird wohl aus Bundeswehrbeständen kommen.

Bis Ende März sollen der Ukraine 40 Fahrzeuge geliefert werden. imago/Hans Scherhaufer

Ausgemusterte Marder-Panzer auf einem Werksgelände

Bis Ende März sollen der Ukraine 40 Fahrzeuge geliefert werden.

Berlin, Athen Einen Tag nach der Ankündigung der Bundesregierung, der Ukraine Schützenpanzer des Typs Marder liefern zu wollen, werden weitere Details bekannt. Regierungssprecher Steffen Hebestreit sagte in Berlin, Ziel sei, ein Bataillon zu bestücken, wofür rund 40 Fahrzeuge gebraucht würden. Diese sollen bis Ende März zur Verfügung stehen.

Damit zeichnete sich ab, dass zumindest einige der Waffensysteme zunächst aus dem Bestand der Bundeswehr kommen dürften. Die Industrie hat zwar Dutzende ausgemusterte Marder auf Lager. Dass diese aber, wie von der Regierung zugesagt, in der genannten Stückzahl spätestens zum Ende des ersten Quartals einsatzbereit sind, ist eher fraglich.

Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) teilte am Freitag nach einem Telefonat mit ihrem US-Amtskollegen Lloyd Austin mit, dass bis zu 40 Marder-Schützenpanzer als Abgabe aus Industrie- beziehungsweise Bundeswehrbeständen geliefert würden. Die zugehörige Munition werde zunächst aus Beständen der Bundeswehr bereitgestellt.

Eine Möglichkeit für eine schnelle Lieferung wäre, für Griechenland vorgesehene Panzer in die Ukraine abzugeben. Die Regierung in Athen hatte sich im Rahmen eines sogenannten Ringtauschs bereit erklärt, der ukrainischen Armee noch aus Sowjetzeiten stammende Schützenpanzer des Typs BMP-1 zur Verfügung zu stellen. Dafür soll Griechenland 40 Marder erhalten, die der Rüstungskonzern Rheinmetall zunächst auf eigene Kosten wieder hergerichtet hatte.

Die ersten Panzer sind im Oktober vergangenen Jahres ausgeliefert worden, der Ringtausch soll bis Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. Regierungssprecher Hebestreit erklärte aber, der Deal mit Athen sei fest vereinbart: „Da holt man kein Gerät aus Griechenland zurück.“

Allerdings verfügt auch die Bundeswehr nicht über Marder im Überfluss. Dies gilt umso mehr, weil das rund 50 Jahre alte Waffensystem im Augenblick noch für einen eventuellen Einsatz im Rahmen der schnellen Eingreiftruppe der Nato (VJTF) vorgesehen ist.

Die Rückfalloption war nötig geworden, nachdem es beim moderneren Nachfolgemodell Puma im Dezember zu einer Pannenserie gekommen war. Verteidigungsministerin Lambrecht hatte daraufhin entschieden, dass Deutschland seine diesjährige Führungsaufgabe im Rahmen der VJTF zunächst mit dem Marder bestreiten wird.

Bundesregierung hält an Patriot-Stationierung in der Slowakei und Polen fest

Wie Regierungssprecher Hebestreit weiter sagte, sollen ukrainische Soldaten in Deutschland acht Wochen lang an dem Schützenpanzer ausgebildet werden. Auch die Ausbildung an dem Patriot-Luftverteidigungssystem, das die Bundeswehr der Ukraine zur Verfügung stellt, findet hierzulande statt.

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte, die Abgabe der Patriot-Batterie bedeute für die Bundeswehr einen „Kraftakt“. Deutsche Patriot-Raketen sind schon seit April vergangenen Jahres in der Slowakei stationiert, um den Nato-Partner beim Schutz des Luftraums zu unterstützen.

Deutsche Raketen dieses Typs sind seit April 2022 in dem Land stationiert. Reuters

Patriot-System in der Slowakei

Deutsche Raketen dieses Typs sind seit April 2022 in dem Land stationiert.

Zusätzlich hat die Bundesregierung zugesagt, drei Patriot-Systeme in Polen zu stationieren, nachdem dort eine aus der Ukraine kommende Rakete eingeschlagen war und zwei Menschen getötet hatte. Ermittler gehen davon aus, dass es sich um eine verirrte ukrainische Luftabwehrrakete handelte. An der Zusage an Polen will die Regierung ebenso festhalten wie an der Patriot-Mission in der Slowakei, wie der Ministeriumssprecher sagte.

Ressortchefin Lambrecht betonte, mit der Stärkung der Luftverteidigung werde besonders in den großen urbanen Zentren die Zivilbevölkerung vor den nicht enden wollenden russischen Luftangriffen besser geschützt. Auch die USA stellen Patriot-Systeme bereit, die Flugkörper in bis zu 68 Kilometer Reichweite bekämpfen können.

Panzer will neben Deutschland und den USA auch Frankreich liefern – und zwar Spähpanzer des Typs AMX-10 RC. Hebestreit äußerte die Hoffnung, dass sich andere Unterstützernationen der Ukraine der Initiative noch anschließen werden. Gelegenheit dazu böte das nächste Treffen im sogenannten Ramstein-Format am 20. Januar. Auf dem rheinland-pfälzischen Luftwaffenstützpunkt Ramstein hatte erstmals eine Unterstützergruppe aus rund 50 Staaten getagt, die ihre Hilfen für die Ukraine seither regelmäßig abstimmen.
>> Lesen Sie hier: Kämpfen, schützen, spähen – Welcher Panzer-Typ kann was?

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte die letzten Details des geplanten Waffendeals am Donnerstagabend in einem Telefonat mit US-Präsident Joe Biden besprochen. Frankreich hatte bereits einen Tag zuvor die eigene geplante Waffenlieferung öffentlich gemacht. Deutschland und die USA hätten aber nicht nachgezogen, sagte Hebestreit. Die Vorbereitungen liefen schon viel länger, Frankreich sei nur mit der Ankündigung schneller gewesen.

Die Lieferung schwerer Kampfpanzer wie Leopard oder Abrams habe in dem Gespräch zwischen Kanzler Scholz und US-Präsident Biden keine Rolle gespielt, sagte Hebestreit. Prominente Ampel-Vertreter wie der Grünen-Abgeordnete Anton Hofreiter oder die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marie-Agnes Strack Zimmermann (FDP), forderten die Bundesregierung auf, jetzt auch einen Einsatz von Leopard-Kampfpanzern in der Ukraine möglich zu machen.

Hebestreit sagte, solche Forderungen seien nicht neu. Die Regierung bleibe aber bei ihren drei Grundsätze für Waffenlieferungen im Ukrainekrieg. Man werde die Ukraine so weit wie möglich unterstützen, ohne dass die Nato Gefahr laufe, selbst zur Kriegspartei zu werden. Zudem werde es keine deutschen Alleingänge geben.

Am Freitagnachmittag hat Scholz dann auch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski telefoniert. Der Kanzler habe die unverbrüchliche Solidarität mit der Ukraine bekräftigt, teilte Regierungssprecher Hebestreit mit. Im Jahr 2022 habe die Bundesregierung die Ukraine bilateral mit mehr als zwölf Milliarden Euro unterstützt und werde diesen Kurs auch im laufenden Jahr fortsetzen.

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