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31.05.2022

08:50

Ukraine-Krieg

Integration von Geflüchteten: Länder haben bereits 2300 ukrainische Lehrkräfte engagiert

Von: Barbara Gillmann

Drei Monate nach Kriegsausbruch arbeiten viele ukrainische Lehrkräfte in Deutschland. Das zeigt eine Handelsblatt-Umfrage. Und die Zahl weiterer Interessenten ist groß.

Die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer, die aus der Ukraine nach Deutschland kommen und hier eine Anstellung finden, wächst. imago images/Westend61

Klassenzimmer

Die Zahl der Lehrerinnen und Lehrer, die aus der Ukraine nach Deutschland kommen und hier eine Anstellung finden, wächst.

Berlin An deutschen Schulen arbeiten mittlerweile mehr als 2300 ukrainische Lehr- und Hilfskräfte. Diese sollen den rund 120.000 geflüchteten Kindern und Jugendlichen, die Stand Ende März an den Schulen registriert waren, die Integration erleichtern. Das ergab eine Umfrage des Handelsblatts unter den Ländern. Dazu kommen etwa 1600 weitere ukrainische Lehrkräfte, die sich bei den Kultusministerien als Interessenten gemeldet haben und von denen die meisten ebenfalls nach und nach eingestellt werden sollen.

Auch die Zahl der ukrainischen Schüler dürfte weiter stark steigen: Nach Angaben der der Kultusministerkonferenz (KMK) hatte ihre Zahl allein in der 20. Kalenderwoche um fast 10.000 zugelegt. 

Insgesamt sind es damit fast 4000 Lehrkräfte und pädagogische Hilfskräfte aus dem vom Krieg geplagten Land – und damit weit mehr, als offenbar selbst die KMK-Präsidentin Karin Prien (CDU) erwartet hatte. Die schleswig-holsteinische Schulministerin sprach noch Mitte Mai lediglich von „Hunderten ukrainischen Lehrkräften“, die bereits in Schulen in Deutschland eingesetzt würden. 

Um diese schnell aufnehmen zu können, hat die KMK ein unbürokratisches Verfahren mit niedrigen Hürden vereinbart. Wer etwa wegen der Flucht keine Ausbildungsnachweise oder kein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen kann, darf stattdessen eine „Selbsterklärung“ abgeben.

Auch können ukrainische Lehr- oder Unterstützungskräfte schon eingestellt werden, bevor sie einen Aufenthaltstitel haben. Zudem kann etwa die ansonsten obligatorische Masernimpfung nachgeholt werden.

Jedes Land agiert in Eigenregie 

Darüber hinaus hat die KMK die ausführlichen Eckpunkte für die Einstellung ukrainischer Kräfte allerdings nicht veröffentlicht. Sie dienten nur dem „internen Gebrauch in den Ländern“, heißt es dort. Offensichtlich gehen die Meinungen, nach welchen Kriterien Geflüchtete in Deutschlands Schulen akzeptiert werden, etwas auseinander, sodass jedes Land in Eigenregie agiert. 

So können sich etwa in NRW neben ausgebildeten Lehrern auch andere qualifizierte Personen wie „Pensionärinnen, Studierende oder Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung“ bewerben, heißt es dort. In der Regel werden zwar  Kenntnisse der deutschen Sprache vorausgesetzt, alternativ gehe es auch mit Englisch. 

Einig sind sich die Länder, dass für die Schüler das Lernen der deutschen Sprache und die Integration in das deutsche Schulsystem Priorität haben müssen. Online-Unterricht der ukrainischen Seite, nach ukrainischen Vorgaben und mit ukrainischem Material sei „grundsätzlich nur als flankierende Maßnahme“ möglich, heißt es in einem Beschluss der KMK.

Damit wiesen die deutschen Schulminister anfängliche Forderungen aus der ukrainischen Botschaft nach einem Parallelsystem zurück. 

Pensionäre kehren zurück, Lehramtsanwärter unterrichten mehr Stunden 

Neben den ukrainischen Kräften stellen einige Länder auch mehr deutsche Lehrer ein: So will NRW, wo rund ein Viertel der bundesweit elf Millionen Schüler lebt, für das laufende und das nächste Schuljahr gut 1000 zusätzlich Lehrer engagieren.  

Das „wird nicht am Geld scheitern“, sagte NRW-Kultusministerin Yvonne Gebauer (FDP). „Im Gegenteil: Bewerberinnen und Bewerber, die unsere Schulen für geeignet halten, werden unverzüglich eingestellt.“ Sie habe auch 1200 Lehramtsanwärter dazu motivieren können, statt drei wöchentlich sechs Stunden zu unterrichten. Niedersachsen wiederum hat 88 Pensionäre engagiert. 

Die zusätzlichen Kosten, die durch die Aufnahme der ukrainischen Schüler entstehen, beziffern bisher nur einzelne Länder. Und selbst diese nennen nur kleinere Beträge: So rechnet Brandenburg mit nur einer Million Euro Zusatzausgaben bis zu den Ferien, das Saarland geht nur von einer halben Million aus.

Das liegt vor allem daran, dass beide Länder ukrainische Schüler und Schülerinnen direkt in normale Klassen aufnehmen und ihnen allenfalls zusätzlich Deutschkurse erteilen. 

Mecklenburg-Vorpommern hingegen plant mit Zusatzausgaben von 18 Millionen Euro pro Schuljahr, Hamburg von 30 Millionen Euro.

Sachsen kalkuliert mit monatlichen Extrakosten von rund 1,3 Millionen Euro. Dort werden die jungen Ukrainer in der Regel in Vorbereitungsklassen aufgenommen und lernen dort zunächst mit Schülern anderer Nationen „Deutsch als Zweitsprache“. Daneben wird auch herkunftssprachlicher Unterricht angeboten. Mittlerweile gebe es auch rein ukrainische Vorbereitungsklassen, teilte ein Sprecher mit. In Dresden wurde gar ein Schulgebäude ausschließlich für ukrainische Schüler eröffnet.

IW: Deutschland braucht mindestens 13.500 zusätzliche Vollzeit-Lehrkräfte

In Berlin werden von den rund 4000 ukrainischen Schülern rund 1700 in Regelklassen unterrichtet, „weil sie schon recht gut Deutsch sprechen“, teilte ein Sprecher mit. Für die übrigen wurden bereits rund 100 Willkommensklassen eingerichtet, „Tendenz steigend“. 

Das Institut der deutschen Wirtschaft geht jedoch von mittelfristig deutlich höheren Kosten aus: Schon jetzt dürften sich mindestens 3,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine hierzulande aufhalten - bei ungünstigem Verlauf des Krieges könnten es sogar fünf Prozent werden, schreibt der IW-Migrationsexperte  Wido Geis-Thöne in einer neuen Studie. Damit würde die Zahl der Minderjährigen in Deutschland um 1,9 beziehungsweise 2,7 Prozent steigen. 

Bei unveränderten Betreuungsrelationen wären dafür 13.500 beziehungsweise 19.400 zusätzliche Vollzeit-Lehrkräfte notwendig. Gehe man davon aus, dass die jungen Geflüchteten alle in Willkommensklassen unterrichtet werden, und legt hier eine Klassengröße von maximal 15 Schülern zugrunde, wären für 3,5 Prozent der ukrainischen Schüler sogar gut 20.000 zusätzliche Lehrkräfte nötig. Bei fünf Prozent wären es fast 29.000. 

Dazu kämen noch 11.400 bis 16.300 zusätzliche Betreuerinnen in den Kitas. Das gelte zumindest dann, wenn die Geflüchteten diese in ähnlichem Umfang nutzen wie die heimische Bevölkerung, rechnet Geis-Thöne vor. 

Der IW-Experte empfiehlt den Ländern, vor allem  unter den Ruheständlern dafür zu werben, vorübergehend in die Schulen und Kitas zurückzukehren. Ukrainische Kräfte nennt er erst in zweiter Linie.  Keinesfalls aber dürfe es passieren, dass die Schulen Kräfte in der Erwachsenenbildung abwerben, denn dort steige der Bedarf durch die erwachsenen Geflüchteten ja ebenfalls enorm.  

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