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30.03.2022

16:13

Ukraine-Krieg

Ukrainische Flüchtlingskinder drängen in die Schulen

Von: Barbara Gillmann

Geht es nach der Politik, sollen die Kinder schnell ins Schulsystem integriert werden. Noch sind die Informationen dürftig.

Kinder, die wegen der russischen Invasion aus ihrer Heimat fliehen mussten, sollen schnellstmöglich ins Schulsystem integriert werden. dpa

Ukrainische Kinder in einer Schule in Köln

Kinder, die wegen der russischen Invasion aus ihrer Heimat fliehen mussten, sollen schnellstmöglich ins Schulsystem integriert werden.

Berlin Bis Ende vergangener Woche sind deutschlandweit bereits 20.205 geflüchtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine an den allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen aufgenommen worden. Dies meldete die Kultusministerkonferenz (KMK). 

Die Zahl dürfte aber noch steigen: Immer mehr Menschen fliehen vor der russischen Invasion ins Ausland, vor allem Frauen und Kinder. Viele von denen, die schon hier sind, sind noch nicht registriert. Der Lehrerverband stellt sich auf bis zu 250.000 schulpflichtige Kinder aus der Ukraine ein.

Die Flüchtlingsbewegungen treffen auf ein überlastetes System. Dieses stehe „generell nach zwei Jahren Corona und wegen der Digitalisierung noch immer massiv unter Stress“, sagte die KMK-Präsidentin, Schleswig-Holsteins Ministerin Karin Prien (CDU), dem Handelsblatt. „Dennoch werden wir aus humanitären Gründen und aus unserer historischen Verantwortung heraus selbstverständlich alles tun, damit Schüler aus der Ukraine hier gut beschult werden können.“

Die Integration der Kinder und Jugendlichen läuft schon jetzt koordinierter und zügiger als in den Jahren 2015 und 2016, als Hunderttausende Menschen aus Syrien und Afghanistan kamen. Unter anderem gründete die Kultusministerkonferenz eine Taskforce, die zweimal wöchentlich tagt. Parallel dazu gibt es bereits diverse Angebote privater Anbieter, die ukrainischen Unterricht anbieten. 

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    CDU-Politikerin Prien hält es dennoch für „völlig unrealistisch, hier ein paralleles ukrainisches Schulsystem für womöglich Hunderttausende Kinder und Jugendliche aufzubauen“. Die große Masse müsse also ins deutsche Schulsystem integriert werden.

    Damit weist sie auch den Wunsch der ukrainischen Generalkonsulin Iryna Tybinka zurück, die sich gegen eine Aufnahme der Kinder in die „Willkommens-“ und „Integrationsklassen“ gewandt hatte, die seit 2015 für zugewanderte Kinder verschiedener Herkunft eingerichtet wurden und in denen sie zunächst getrennt von anderen vorrangig Deutsch lernen, bevor sie in Regelklassen wechseln.

    Ukrainischer Unterricht als Ergänzung

    Diese Klassen „würden für die ukrainischen Kinder eine Wand des Unverständnisses, das Gefühl der Minderwertigkeit und des geringen sozialen Schutzes bedeuten“, sagte Tybinka. Stattdessen müssten Wege gefunden werden, den Kindern eine „ukrainische Bildung“ zu ermöglichen.

    Die meisten Bundesländer setzen aktuell auf diese „Willkommensklassen“. Alle Kinder und Jugendlichen sollen grundsätzlich das Angebot bekommen, Deutsch zu lernen – schon allein deshalb, „weil es völlig offen ist, wann sie wieder zurückkehren können“, sagte KMK-Präsidentin Prien. Anders als vor einigen Jahren sei aber heute klar, dass fremdsprachlicher, also auch ukrainischer Unterricht, eine gute Ergänzung sein könne.

    Ähnlich sieht es auch Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP). Ziel müsse „eine gute Balance zwischen der Integration in unser Bildungssystem und der Bewahrung der ukrainischen Identität“ sein, sagte sie dem Handelsblatt. „Wir hoffen, dass die Kinder und Jugendlichen auf absehbare Zeit in ihre Heimat zurückkehren können, müssen aber auch darauf vorbereitet sein, dass sie länger bei uns bleiben.“

    Die „Ständige Wissenschaftliche Kommission“ (SWK) bei der KMK forderte schon vor Ausbruch des Krieges, Flüchtlingskinder sehr schnell in die Schulen aufzunehmen. Dies bedeute „ein Stück Normalität und beugt zugleich späteren Ungleichheiten zwischen Kindern und Jugendlichen mit und ohne Fluchthintergrund vor“. 

    Grafik

    Es sei davon auszugehen, dass 25 bis 35 Prozent der geflohenen Kinder aus der Ukraine unter schweren psychischen Belastungen leiden, schreiben die Wissenschaftler in ihrer jüngsten Stellungnahme. SWK-Vorsitzende Felicitas Thiel bekräftigte die Relevanz eines Kita- und Schulbesuchs: „Aus der Forschung wissen wir, dass neben der Familie positive Kontakte mit Gleichaltrigen wesentliche Schutzfaktoren sind.“ Um jedoch Isolation und Segregation zu vermeiden, sollten Schulen weder einzelne Kinder noch eine sehr große Gruppe von Kindern zugewiesen werden. 

    Bildungspolitikerin Prien hofft auf Lehrkräfte unter den ukrainischen Geflüchteten. Bei der Registrierung der Menschen müsse dringend auch der Beruf erfasst werden. Zudem müsse der Bund „die rechtliche Basis dafür schaffen, dass ukrainische Lehrerinnen schnell ohne Anerkennungsprozedur befristet angestellt werden können – es muss möglich sein, heute jemanden für nächste Woche einzustellen.“ 

    Bundesbildungsministerin Stark-Watzinger zufolge können die Länder solche Lehrerinnen und Lehrer jederzeit als Hilfskräfte beschäftigen. Da Ukrainer generell arbeiten dürfen, bedürfe es keiner Regelung. Viele Länder haben bereits Ausschreibungen gestartet und schon einzelne Lehrkräfte eingestellt, zeigt eine Umfrage des Handelsblatts.

    Mehr Handelsblatt-Artikel zu Geflüchteten aus der Ukraine

    Nicht optimal ist bislang die Information für die Flüchtlinge selbst: So finden sich auf dem zentralen Hilfeportal „Germany4Ukraine“ zwar Basisinformationen zu Aufenthalt, Arbeitsmöglichkeiten, Unterkunft und medizinischer Versorgung – jedoch kein Wort zu Schulen oder Kitas. Dabei kommen hauptsächlich Frauen und Kinder aus der Ukraine nach Deutschland. 

    Das Bundesbildungsministerium informiert auf seiner Seite „Informationen-für-Gefluechtete-Ukraine“ lediglich auf Deutsch und Englisch. Außerdem betont das Ministerium die Schulpflicht: „Alle Kinder ab sechs beziehungsweise sieben Jahren müssen in die Schule gehen.“ Da Schulpflicht und Zugangsmöglichkeiten aber von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich geregelt seien, sollten Flüchtlinge „beim Schulamt an ihrem Aufenthaltsort“ erfragen, welche Regeln für sie gelten. 

    Unklar ist auch, ob Kinder schon in die Schule oder die Kita dürfen, bevor sie überhaupt registriert sind – was lange dauern kann. So heißt es etwa in Baden-Württemberg, die Kinder würden pragmatisch auch ohne Anmeldung in Kitas und Schulen aufgenommen. Gleiches gilt in Hamburg, Thüringen, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern.

    Bremen schaltet eine Gesundheitsuntersuchung vor. Schleswig-Holstein teilt mit, dass die für Schulkinder obligatorische Masernimpfung nachgeholt werden könne. Hessen, Sachsen und Sachsen-Anhalt hingegen nehmen Schüler erst nach Registrierung in den Unterricht auf.

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