Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

29.10.2019

18:57

Umfrage

Hochschulräte pochen auf mehr Digitalisierung und Mitspracherecht

Von: Barbara Gillmann

Aufsichtsräte der Unis wollen mehr Einfluss, zeigt eine Umfrage des Stifterverbands. Sie zeigt auch: Hochschulen wollen bei der Digitalisierung stärker werden.

Die Digitalisierung ist laut einer aktuellen Studie die mit Abstand größte Herausforderung der deutschen Hochschulen – und zwar in Forschung, Lehre und Verwaltung. dpa

Studenten im Hörsaal

Die Digitalisierung ist laut einer aktuellen Studie die mit Abstand größte Herausforderung der deutschen Hochschulen – und zwar in Forschung, Lehre und Verwaltung.

Berlin Die Hochschulräte mahnen zur Aufholjagd: „Viele Hochschulratsvorsitzende sehen unsere Hochschulen vor elementaren Herausforderungen. Sie müssen sich noch stärker zu Gestaltern des Digitalisierungsprozesses in ihren Hochschulen entwickeln und damit Einfluss auf die Digitalisierung in Deutschland nehmen“, sagt Andreas Barner, langjähriger Chef von Boehringer Ingelheim und Chef der Hochschulräte der Universitäten Mainz und Freiburg. Hochschulräte sind quasi die Aufsichtsräte an Unis und Fachhochschulen.

Damit fasst Barner die zentrale Botschaft einer Umfrage unter 454 Hochschulräten zusammen. Danach ist die Digitalisierung die mit Abstand größte Herausforderung der deutschen Hochschulen – und zwar in Forschung, Lehre und Verwaltung.

Die Umfrage des Centrums für Hochschulforschung für den Stifterverband und die Heinz Nixdorf Stiftung liegt dem Handelsblatt vor. Studien zufolge tun sich die Hochschulen bislang sehr schwer mit der Digitalisierung – einerseits aus Geldmangel, aber auch weil sie die IT-Spezialisten an die Wirtschaft verlieren.

Unter den insgesamt 2 161 Räten an deutschen Hochschulen sind zahlreiche Vertreter der Wirtschaft. Auch zahlreiche Topunternehmer und -manager nehmen sich die Zeit, eine Hochschule zu beraten: So engagieren sich etwa Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller und Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle im Hochschulrat der TU München, Deutz-Aufsichtsratschef Bernd Bohr leitet den Hochschulrat der RWTH Aachen.

BMW-Anteilseigner Stefan Quandt bringt seine Erfahrung im Rat des Karlsruher Instituts für Technologie KIT ein. Hanns-Peter Knaebel, Vorstandschef beim Mannheimer Kunststoffspezialisten Röchling, leitet den Hochschulrat der Uni Heidelberg, in dem auch BASF-Vorständin Saori Dubourg sitzt.

Diese Räte von Exzellenzuniversitäten stehen für insgesamt rund 500 Unternehmensvertreter in Aufsichtsgremien der Hochschulen. Abgesandte der Wirtschaft stellen knapp ein Drittel der Hochschulräte in Deutschland – die Hälfte sind Wissenschaftler.

Finanzierung als größte Herausforderung

Daneben nennen Räte die Gewinnung von exzellenten Wissenschaftlern und die Finanzierung als größte Herausforderung der Hochschulen: Hier pochen sie auf einen Ausbau der Grundfinanzierung – also die Basisfinanzierung, die vor allem die Länder leisten.

Diese war in der jüngsten Vergangenheit zunehmend knapper ausgefallen, sodass die Hochschulen in wachsendem Maß auf Drittmittel – also aus Wettbewerben des Bundes oder der EU, und auf Wirtschaftsaufträge angewiesen sind.

Hochschulräte – mitunter auch Aufsichtsrat, Universitätsrat oder Kuratorium – sind relativ neu: Sie wurden seit Ende der 90er-Jahre in allen Bundesländern eingeführt, mit Ausnahme von Bremen. Sie sollen die Ausrichtung der Hochschule bestimmen – bis hin zur Einführung von neuen Studiengängen – und haben ein Mitbestimmungs- oder Vetorecht bei der Wahl der Präsidenten und Präsidentinnen. Besetzt sind sie teilweise komplett, mindestens aber zur Hälfte mit Externen, ihre Befugnisse variieren je nach Bundesland.

Vorbild waren die Governing Boards US-amerikanischer Hochschulen, die allerdings weit mächtiger sind. Kritiker fürchteten vor allem zu Beginn angesichts der Beschneidung der Selbstverwaltung eine „Entdemokratisierung“ und „neoliberale Umgestaltung“ der Hochschulen.

„Die Studie verdeutlicht, dass sich Hochschulräte, auch wenn sie anfangs nicht unumstritten waren, als Teil der Hochschul-Governance etabliert haben“, erklärt Horst Nasko, Vorstand der Heinz Nixdorf Stiftung. „Die Einführung der Hochschulräte war ein entscheidender Schritt für den Autonomiegewinn von Hochschulen. Sie haben die Kontrollaufgaben des Staates erfolgreich übernommen.“

Unzufriedenheit über unklare Entscheidungsrechte

Die Studie zeigt allerdings auch Unzufriedenheit: Viele Hochschulräte wünschen sich eindeutigere Entscheidungsrechte und eine gesetzlich klar definierte Zuteilung ihrer Rollen und Aufgaben. Das liege auch daran, dass „nicht allen Ratsmitgliedern die Rechte und Pflichten des Gremiums eindeutig klar sind“, sagt Mathias Winde vom Stifterverband. Der Wirtschaftsverband organisiert die Plattform „Forum Hochschulräte“.

Besonders zufrieden mit ihren rechtlichen Möglichkeiten seien die Räte vor allem in Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Baden-Württemberg – mithin in den Ländern, wo sie „tendenziell einen stärkeren Einfluss auf die Hochschulentwicklung haben können“, so die Autoren.

Eindeutig ist die enge Achse Hochschulrat – Rektorat, die über 90 Prozent als gut bewerten. Die Kooperation mit den Senaten – die sich mitunter als Gegenspieler sehen – gelten nur 70 Prozent als gut. Den Kontakt zu Fakultäten und Studenten schließlich bezeichnet nur rund die Hälfte der Räte als positiv.

Hier empfiehlt die Studie „Kritische Freunde“ ein Umdenken: Es liege im Interesse der Räte, „einen regelmäßigen konstruktiven, vertrauensvollen Austausch und eine tragfähige Vernetzung mit allen relevanten Hochschulgruppen und Gremien zu pflegen“ – und erschließe ihnen zudem weitere Informationsquellen. Denn sie wollten ja weder „als verlängerter Arm der Hochschulleitung wahrgenommen“ werden, noch dass „ihre Fähigkeit zur kritischen Distanz infrage gestellt“ werde.

Besser sollte nach der Umfrage die Unterstützung der Hochschulräte durch die Geschäftsstellen sein. Auch kennen sich nur sehr wenige Räte im Hochschulrecht aus. Im Schnitt investieren Hochschulräte pro Jahr acht Tage für das Amt, Vorsitzende rund zwei Wochen. 70 Prozent erhalten keine Aufwandsentschädigung außer für Reisekosten. Die übrigen erhalten im Mittel 400 Euro pro Treffen – die Spanne reicht von 24 bis 1 500 Euro.

Mehr: Der neue Titel „Bachelor Professional“ spaltet die Wirtschaft. Auch die Digitalisierung kommt zu kurz, kritisiert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag.

Handelsblatt Premium

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×