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24.01.2021

11:17

Universitäten

Unternehmen streichen wegen Corona Forschungsprojekte mit Hochschulen

Von: Barbara Gillmann

Vor allem die technischen Unis fürchten als Folge der Pandemie großen Schaden für den Innovationsstandort Deutschland – und rufen nach Hilfe vom Bund. 

Viele Unternehmen fahren in der Coronakrise ihre Kooperationen mit Hochschulen zurück. imago/Oliver Ring

Doktoranden in der Forschung

Viele Unternehmen fahren in der Coronakrise ihre Kooperationen mit Hochschulen zurück.

Berlin Corona schädigt auch die Wissenschaft. An den Hochschulen sind bereits im vergangenen Jahr diverse Forschungskooperationen mit der Industrie weggebrochen – 2021 könnte sich die Situation dramatisch zuspitzen, weil auch auslaufende Projekte nicht ersetzt werden. 

Damit droht ein Rückschlag für eines der zentralen Ziele der Bundesregierung. Ihr erklärtes Ziel war es, den Transfer aus der Forschung in die Wirtschaft zu unterstützen, um so die Wirtschaftskraft zu stärken. Diesen Transfer wollten Union und SPD „als zentrale Säule unseres Forschungs- und Innovationssystems nachhaltig stärken und substanzielle Steigerungen erreichen“, heißt es im Koalitionsvertrag. 

Doch schon für das Corona-Jahr 2020 beziffern die Hochschulen die Verluste durch den Rückzug von Unternehmen auf einen „oberen zweistelligen Millionenbetrag“, sagt der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Peter-André Alt. 

Für 2021 drohten Einbußen, „die weit darüber hinausgehen“. Dabei gehe es um den Wegfall direkter Industriemittel, aber auch um nationale sowie EU-Mittel im Zusammenhang mit Unternehmenskooperationen.

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    „Externe Partner, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen des deutschen Mittelstands, ziehen sich angesichts der ökonomischen Herausforderungen der Corona-Pandemie für dieses und die nächsten Jahre vielfach zurück, sodass gemeinsame Forschungsprojekte nicht mehr oder sehr erschwert zustande kommen“, mahnt Alt. 

    Alarmiert ist auch der Präsident der Allianz der führenden technischen Universitäten (TU9), Wolfram Ressel. Auf seine Hochschulen entfällt der Großteil der Kooperationen mit der Industrie. „Es werden zunehmend Projektinhalte reduziert, geplante Forschungsprojekte auf Eis gelegt und bereits genehmigte Förderphasen ersatzlos gestrichen“, sagt Ressel – und diese Entwicklung sei noch „deutlich bedenklicher“ als die Ausfälle im vergangenen Jahr. 

    Nicht zuletzt brächen so auch die Overheadmittel aus Industrieprojekten weg, „die zur Finanzierung des Universitätsbetriebs dringend benötigt werden“, so Ressel, der die Universität Stuttgart leitet. Dabei handelt es sich um Gelder, mit denen allgemeine Kosten wie für Räume oder Heizung mitfinanziert werden. 

    Der Bund soll helfen

    Auch Ressel hat für die TU9 „bereits jetzt eine deutliche Zurückhaltung beim Aufbau neuer F&E-Aktivitäten“ festgestellt. Die Konsequenzen würden aber „erst zeitverzögert richtig sichtbar“ – und nicht nur finanziell, „sondern in einer zweiten Welle auch strukturell und sozioökonomisch zu spüren sein“.

    Denn viele Kooperationen bestünden nicht nur aus bilateralen Projekten einer Uni mit einem Unternehmen, sondern seien „Netzwerke lokaler, nationaler und internationaler Partner, in denen das Fehlen einzelner Schlüsselprojekte zum Problem eines ganzen Forschungs- und Entwicklungsclusters werden kann“, warnt Ressel. 

    Auf individueller Ebene würden Qualifikationsarbeiten der Studierenden und Doktoranden, die in Projekte mit der Wirtschaft involviert seien, „verzögert, unterbrochen oder sogar unmöglich“. So könnten auch viele der mithilfe der Drittmittel von außen beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht weiterbeschäftigt werden und ihre begonnenen Promotionen zu Ende bringen, berichtet der TU9-Präsident. 

    Um Schaden abzuwenden, fordern sowohl Alt als auch Ressel Hilfen vom Bund – ähnlich jenen, die den außeruniversitären Forschungsorganisationen bereits im Rahmen des Corona-Zukunftspakets im Sommer 2020 zugesagt wurden. Damals hatte das Bundesforschungsministerium einen „Ersatzfinanzierungsfonds“ von jeweils 400 Millionen Euro für 2020 und 2021 aufgelegt. Daraus werden Forschungsorganisationen entschädigt, wenn ihnen in der Pandemie Projektgelder aus der Wirtschaft wegbrechen. 

    Grafik

    Für 2020 wurde aus dem Topf jedoch lediglich die Hälfte, exakt 206 Millionen Euro, bewilligt, teilte das Ministerium auf Anfrage der Grünen mit. Die Summe floss fast vollständig an die Fraunhofer-Gesellschaft, die auf anwendungsorientierte Forschung spezialisiert ist.

    Dass den Hochschulen jedoch Hilfe aus dem Zukunftspaket verwehrt wurde, habe man schon 2020 „mit Verwunderung zur Kenntnis genommen“, berichtet HRK-Präsident Alt. Schließlich seien Hochschulen „ebenfalls unverzichtbare Akteure und wichtige Treiber in der kooperativen anwendungsorientierten Forschung mit Unternehmen“. Nun, wo die Ausfälle klar erkennbar sind, „wäre es nur fair“, wenn auch die Universitäten eine Kompensation für die Industriemittel erhalten würden“, fordert Ressel. 

    Grüne: Bund lässt Hochschulen im Regen stehen

    Die Opposition sieht das ähnlich: „Aus der Coronakrise darf keine Innovationskrise werden“, mahnt die innovationspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Anna Christmann. Weil manche Unternehmen „auch bei Forschung und Entwicklung zum Sparen gezwungen sind und als wichtige Kooperationspartner von Forschungsinstituten ausfallen, droht dies sowohl an außeruniversitären Forschungseinrichtungen wie an Hochschulen“.

    Die Grünen fordern daher, den Fonds auf die Hochschulen auszuweiten und ihnen die nicht ausgeschöpften 200 Millionen aus dem Jahr 2020 zukommen zu lassen. Das lehnt das Forschungsministerium jedoch ab, heißt es unmissverständlich in dem Brief an die Grünen, der dem Handelsblatt vorliegt. 

    Das Ziel der Ministerin, den Transfer aus der Forschung in die Wirtschaft zu unterstützen, gerät durch Corona in Gefahr. dpa

    Bundesforschungsministerin Karliczek

    Das Ziel der Ministerin, den Transfer aus der Forschung in die Wirtschaft zu unterstützen, gerät durch Corona in Gefahr.

    Es sei „vollkommen unverständlich, warum die Bundesregierung die Hochschulen im Regen stehen lässt“, kritisiert Christmann. Man müsse „dem Projektsterben bei Forschung und Entwicklung dringend entgegenwirken, um fatale Langzeitfolgen für unseren Innovationsstandort abzuwenden“. Diese träfen Wissenschaft und Wirtschaft gleichermaßen.

    Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) setze sich „zum wiederholten Mal nicht ausreichend für den Innovationsstandort Deutschland ein. Die Anliegen aus der Wissenschaft prallen ungehört an ihr ab“, kritisiert die Grüne. 

    TU9-Präsident Ressel blickt schon weiter in die Zukunft: „Darüber hinaus müssen dringend mittelfristige Strategien für gezielte Bundesprogramme zur Förderung von Forschungsprojekten zwischen Universitäten und der Wirtschaft aufgelegt werden.“ Denn gerade technische Universitäten seien durch ihre Verbindung aus Grundlagenforschung, anwendungsorientierter Forschung und systematischem Transfer in die Wirtschaft „die Eckpfeiler der deutschen Innovationslandschaft“.

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