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15.08.2019

16:15

Vakanter Parteivorsitz

Zähe Damenwahl bei der SPD: Giffey verzichtet auf Chefposten-Bewerbung

Von: Martin Greive, Heike Anger, Gregor Waschinski

Die SPD findet keine Frau, die mit den männlichen Anwärtern für den Parteivorsitz kandidieren will. Der drohende Rücktritt von Familienministerin Giffey bringt zusätzlich Unruhe.

Die Familienministerin bietet für den Fall, dass ihre Doktorarbeit Plagiate enthält, ihren Rücktritt an. AFP

Franziska Giffey

Die Familienministerin bietet für den Fall, dass ihre Doktorarbeit Plagiate enthält, ihren Rücktritt an.

Berlin Franziska Giffey war die große Hoffnungsträgerin. Manch ein potenzieller Partner, der mit ihr für den SPD-Parteivorsitz hätte kandidieren können, geriet regelecht ins Schwärmen. „Franziska wäre als Parteivorsitzende absolut geeignet. Denn sie kann Beides: Politik bei den Leuten verkaufen, aber auch die große politische Bühne“, sagte ein führender Sozialdemokrat.

Doch jetzt hat die Bundesfamilienministerin sich selbst aus dem Rennen um den SPD-Parteivorsitz genommen. Sie wolle „nicht zulassen, dass das derzeit anhängige Verfahren zur Überprüfung meiner Doktorarbeit, auf das ich keinen Einfluss habe, den Prozess der personellen Neuaufstellung der SPD überschattet oder gar belastet“, schrieb Giffey in einem Brief an die Parteispitze.

Sollte ihr der Doktortitel entzogen werden, wolle sie auch ihr Amt als Bundesfamilienministerin niederlegen. Die SPD hat damit ein großes Problem mehr. Schon bis jetzt lief das Auswahlverfahren für die neue Parteispitze alles andere als geplant. „Der Prozess ist verkorkst“, sagte ein Spitzengenosse.

Weder kandidiert jemand aus der ersten Reihe, noch findet sich ein junger Hoffnungsträger im Bewerberfeld. Dann wurde am Mittwoch die Kandidatur von Gesine Schwan und Ralf Stegner bekannt, die in der Partei entweder Kopfschütteln oder Spott auslöste. Und jetzt noch die Absage Giffeys.

Diese ist vor allem deshalb so heikel, weil sich fast alle möglichen Team-Konstellationen für den Parteivorsitz von der Bereitschaft der Spitzenpolitikerinnen ableiten. Weil das bisherige Kandidatenfeld nicht überzeugend ist, wird nach Handelsblatt-Informationen in der SPD neu gedacht.

Eine Absage mit Folgen

Auch Kandidaten, die abgesagt haben, sollten noch einmal in sich gehen, lautet die Ansage. Somit müssen auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und Vizekanzler Olaf Scholz überlegen, ob sie nicht kandidieren wollen. „Die erste Reihe muss jetzt springen. In den nächsten Tagen muss eine Entscheidung her, sonst stehen wir ganz blöd da“, sagte ein Spitzengenosse.

Anfang der Woche besuchten Hubertus Heil und Malu Dreyer das Stammwerk von BASF in Ludwigshafen. Die beiden könnten ein harmonisches Spitzenduo der SPD abgeben, wenn sie denn antreten würden. Ministerpräsidentin Dreyer trägt einen Hosenanzug in knalligem Orange, Bundesarbeitsminister Heil ist krawattenlos unterwegs.

Auszubildende zeigen, wie sie mit einer Virtual-Reality-Brille die Bedienung von Fabrikanlagen üben. Auch Heil und Dreyer setzen Computerbrillen auf. Ein bisschen virtuelle Realität, um der ungemütlichen Wirklichkeit zu entfliehen. Als BASF-Chef Martin Brudermüller erzählt, sein Unternehmen mit seiner 150-jährige Geschichte habe schon „drei Leben“ hinter sich, ruft Heil dazwischen: „Das haben Sie übrigens mit der SPD gemeinsam.“ Brudermüller antwortet: „Ich wünsche Ihnen auch noch einige Leben.“ Es klingt nicht unbedingt so, als sei der BASF-Chef davon überzeugt.

Er hat auch wenig Anlass dazu. Die Suche nach passenden Kandidaten-Teams für den Parteivorsitz erinnere an das Dasein eines Informatik-Studenten, sagte ein SPD-Politiker. In dessen Hörsaal gebe es für gewöhnlich auch einen hohen Männerüberschuss. Weswegen die wenigen weiblichen Studenten entscheiden, wen sie daten.

Ähnlich ist es in der SPD: Ein Mann, der ernsthafte Chancen auf den Parteivorsitz haben will, muss im Team antreten, mit der richtigen Frau an seiner Seite. Nur müssen die wenigen Frauen, die in Frage kommen, eben auch wollen. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil etwa soll sich vor einigen Tagen einen Korb bei Giffey eingeholt haben.

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