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21.08.2022

11:33

Wahlkampf

Angriff der Influencer: Bolsonaro verliert die Vorherrschaft in den sozialen Medien

Von: Alexander Busch

PremiumDer brasilianische Präsident war in den sozialen Medien lange erfolgreicher als sein Gegner Lula – doch immer mehr Social-Media-Stars stellen sich gegen den Rechtspopulisten.

Der Präsident fällt in den Umfragen zurück. Reuters

Jair Bolsonaro

Der Präsident fällt in den Umfragen zurück.

Salvador Rund sechs Wochen vor den Wahlen liegen Jair Bolsonaros Nerven blank. Der brasilianische Präsident rangiert in den Umfragen 15 Prozentpunkte hinter seinem Kontrahenten Luíz Inácio Lula da Silva, dem zweifachen Ex-Präsidenten. Mit milliardenschweren Sozialhilfeerhöhungen, billigem Kochgas und Bargeldzuweisungen an Taxi- und Lkw-Fahrer konnte Bolsonaro den Abstand zu Lula in den vergangenen Tagen etwas verringern.

Doch nun droht dem ehemaligen Militär Widerstand aus den eigenen Reihen – und das ausgerechnet dort, wo er sich am sichersten fühlt: In den sozialen Netzwerken. Dort beginnen Influencer, die eigentlich zu seinem politischen Lager gehören, den Präsidenten plötzlich kritisch zu hinterfragen. Jetzt ist Bolsonaro erstmals der Kragen geplatzt.

Während einer Wahlkampfveranstaltung vor seiner Residenz in der Hauptstadt Brasília griff Bolsonaro den Influencer Wilker Leão an, zerrte an seinem T-Shirt und versuchte, ihm das Mobiltelefon wegzunehmen.

Leão hatte ihn zuvor mit derben Schimpfworten wie „Penner“ oder „Korruptionsgehilfe“ provoziert. Normalerweise ist es Bolsonaro, der ausfallend wird: In der Vergangenheit drohte er Journalisten Prügel an, beschimpfte Medienvertreter wüst oder beleidigte Journalistinnen sexuell.

Doch der Grund für Bolsonaros heftige Reaktion ist offensichtlich: Leão, der auf den sozialen Netzwerken wie Tiktok, Youtube und Twitter rund 160.000 Anhänger hat, stammt eigentlich aus der gleichen politischen Ecke wie der Präsident. Bis vor Kurzem leistete er einen achtjährigen Wehrdienst ab. Gleichzeitig ist er seit vergangenem Jahr Anwalt und tritt in den sozialen Netzwerken als Interessenvertreter der einfachen Soldaten auf.

Brasilien

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Bolsonaro kritisiert er als Verräter, der vor allem die höheren militärischen Ränge in seiner Regierung mit lukrativen Posten versorge und dem das Schicksal der einfachen Soldaten egal sei. Das kann der Ex-Hauptmann Bolsonaro nicht akzeptieren. Schließlich gab er sich in seiner gesamten politischen Karriere als Interessenvertreter der einfachen Polizisten und Militärs.

Bolsonaro verbreitete Falschnachrichten über seine Gegner

Bolsonaros Wutausbruch spielt seinem politischen Gegner Lula in die Hände. Denn in Brasilien sind die sozialen Medien entscheidend für den Ausgang von Wahlen geworden.

2018 erreichte Bolsonaro als politischer Außenseiter durch den massenhaften Einsatz von sozialen Medien das Amt des Staatschefs. Anhänger sponserten illegale Kampagnen, um WhatsApp-Gruppen mit Fake News über Bolsonaros politische Gegner zu fluten.

Bolsonaros Sohn Carlos dirigiert seit Jahren die Auftritte seiner Familie in den sozialen Netzwerken, um die politischen Karrieren des ganzen Clans zu unterstützen. Die Bolsonaros spielen mit ihren amateurhaft wirkenden Videos geschickt mit den Vorurteilen gegen die Person des Präsidenten. Zur Filmmusik der britischen Gaunerserie „Peaky Blinders“ betritt Bolsonaro etwa mit seinem Trupp von Vertrauten wie ein Mafiaboss den Präsidentenpalast.

Die Kanäle des ehemaligen Präsidenten in den sozialen Medien sind weniger erfolgreich als die Bolsonaros. Reuters

Luíz Inácio Lula da Silva

Die Kanäle des ehemaligen Präsidenten in den sozialen Medien sind weniger erfolgreich als die Bolsonaros.

Lula dagegen ist in den sozialen Netzwerken weit abgeschlagen hinter dem Rechtspopulisten. Der Auftritt des 76-Jährigen dort ist im besten Fall hilflos: Auf dem erst Mitte Juni eröffneten Tiktok-Account ist der wegen Korruption verurteilte Arbeiterführer zu sehen, wie er Hündchen streichelt. Auf Instagram wirken die Storys fast einschläfernd – als würde das politische Manifest der Arbeiterpartei filmisch abgehandelt.

Dennoch ist Bolsonaros Dominanz in den sozialen Medien nicht mehr gesichert. Dort findet gerade ein rasanter Stimmungsumschwung statt. So hielten sich bisher die meisten einflussreichen Influencer in Brasilien mit politischen Positionierungen zurück. Sie fürchten, dass sie ihre Follower und damit auch Werbepartner verlieren könnten.

Lula gewinnt an Aufmerksamkeit

Doch das ändert sich gerade. Die Anhänger der rund 500.000 Influencer mit mehr als 10.000 Followern in Brasilien verlangen zunehmend, dass sich die Social-Media-Größen klar positionieren.

So wie Anitta, einer der populärsten Showstars Lateinamerikas, das gerade gemacht hat. Ihr folgen 83 Millionen Menschen auf Instagram und Tiktok – so viele, wie Deutschland Einwohner hat. Die Künstlerin hat vor sechs Wochen ihre Anhänger dazu aufgefordert, Lula zu wählen. Der rechtspopulistische Gegenkandidat Bolsonaro dürfe wegen seiner Hasstiraden gegen Minderheiten, Justiz und Kultur nicht noch einmal regieren.

Allein wegen dieses Posts von Anitta konnte Lula in den sozialen Netzwerken kurzzeitig in puncto Aufmerksamkeit mit Bolsonaro gleichziehen. Da verwundert Bolsonaros Anspannung kaum.

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