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11.11.2019

17:21

World Nuclear Waste Report

Die Endlagerung von Atommüll ist weltweit weiterhin ungelöst

Von: Silke Kersting

70 Jahre nach Start der Atomenergie gibt es kein Endlager für hochradioaktiven Müll. Experten warnen, dass die Steuerzahler erhebliche Kosten tragen müssen.

Atomfonds: Negativzinsen kosten 70 Millionen Euro dpa

Atommüll

Zur Finanzierung der Zwischen- und Endlagerung wurde der Atomfonds eingerichtet.

Berlin Die Endlagerung von hochradioaktivem Atommüll stellt Regierungen weltweit vor große, bisher nicht gemeisterte Herausforderungen und birgt unkalkulierbare technische, logistische und finanzielle Risiken. Das zeigt der erste „World Nuclear Waste Report“ (WNWR), der heute in Berlin präsentiert wurde.

Der Bericht wurde von einem Dutzend internationaler Wissenschaftler verfasst und nimmt vor allen Europa in den Blick. „Weltweit wächst die Menge an Atommüll. Doch auch 70 Jahre nach Beginn des Atomzeitalters hat kein Land der Welt eine wirkliche Lösung für die strahlenden Hinterlassenschaften und weiteren Risiken der Atomkraft gefunden“, sagte Rebecca Harms, frühere Europaabgeordnete der Grünen und Initiatorin des Reports. Bisher hat kein Land der Welt ein Endlager für hochradioaktive Abfälle aus Atomkraftwerken in Betrieb genommen.

Hochradioaktiver Abfall sind beispielsweise abgebrannte Brennstäbe. Davon werden nach Berechnungen des WNWR alleine in Europa mehr als 60.000 Tonnen weiterhin nur in Zwischenlagern gelagert. Frankreich weist mit 25 Prozent die meisten abgebrannten Brennstäbe auf, gefolgt von Deutschland mit 15 Prozent und dem Vereinigten Königreich mit 14 Prozent. Lediglich für Russland und die Slowakei fehlen die Informationen, da die Datenlage nicht ausreichend sei, melden die Autoren.

In Deutschland wird bereits seit mehreren Jahrzehnten mehr oder minder halbherzig nach einem geeigneten Standort gesucht. Ein Endlager für hochradioaktive Abfälle ist bis heute nicht gefunden, die Brennstäbe lagern in den so genannten Castor-Behältern in Zwischenlagern in unmittelbarer Nähe zu den Atomkraftwerken.

Alle Regionen kommen als Endlager in Frage

Nachdem der Bundestag vor acht Jahren den Ausstieg aus der Nutzung von Atomenergie beschlossen hatte, wurde ein neuer Suchanlauf gestartet. Bis 2031 soll ein geeigneter Ort gefunden sein, doch dieser Plan gilt als extrem ehrgeizig. Grundsätzlich kommen alle Regionen in Deutschland für ein solches Endlager in Frage.

Ausgangspunkt ist die 'weiße Landkarte', die eine unvoreingenommene Suche garantieren soll. Keine Region, kein Standort ist tabu, bevor nicht intensive geologische Prüfungen vorgenommen wurden, die eine mögliche Lagerung tief im Boden erlauben.

Als nächster Meilenstein gilt die für das dritte Quartal 2020 geplante Veröffentlichung eines Zwischenberichts mit ersten Erkenntnissen zu möglichen Gebieten. Mitarbeiter des Bundesamts für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) waren in den vergangenen Monaten durch alle Landeshauptstädte getourt, um mit der Bevölkerung über den strahlenden Müll zu diskutieren. „Das Bewusstsein, dass die hochgefährlichen Hinterlassenschaften der Atomenergienutzung dauerhaft sicher endgelagert werden müssen“, sei in den Debatten deutlich geworden, bilanzierte BfE-Präsident Wolfram König vergangene Woche.

„Immer größere Mengen an hochradioaktivem Müll müssen für längere Zeiten zwischengelagert werden“, kritisiert der Schweizer Geologe und Sozialwissenschaftler Marcos Buser, Mitglied des internationalen Autorenteams. „Das Problem ist, dass diese Zwischenlager auch unter Sicherheitsaspekten nicht für eine derart langfristige Nutzung konzipiert wurden.“

Der Schweizer Atomexperte warnt davor, dass die Zwischenlager zudem bereits heute an die Grenzen ihrer Kapazitäten stoßen. So sei beispielsweise das Lager für abgebrannte Brennstäbe in Finnland bereits zu 93 Prozent ausgelastet. „Die Schließung und der folgende Rückbau vieler Atomkraftwerke wird die Mengen an Atommüll nochmals drastisch erhöhen“, warnt Buser.

Enorme Kosten der Zwischen- und Endlagerung

Neben den Sicherheitsaspekten sind laut Report die enormen Kosten der Zwischen- und Endlagerung ein weiteres Risiko. „Nationale Regierungen und Betreiber unterschätzen die Kosten für die Stilllegung sowie Lagerung und Entsorgung von Atommüll oft erheblich“, sagte Ben Wealer, ebenfalls Autor der Studie und Wirtschaftsingenieur an der Technischen Universität Berlin.

In vielen Ländern klaffe eine große Lücke zwischen den zu bewältigenden Kosten und den Finanzmitteln, die dafür eingeplant sind. Verstärkt würde das Problem dadurch, dass mit der Endlagerung auch unkalkulierbare Risiken verbunden sind, die zu enormen Kostensteigerungen führen können, wie es derzeit die deutsche Bundesregierung mit dem Endlager Asse erlebt.

In der niedersächsischen Schachtanlage Asse wurde zwischen 1909 und 1964 Salz abgebaut. Mitte der 60er-Jahre erwarb die Bundesrepublik Deutschland das stillgelegte Bergwerk. Zunächst als Forschungsstätte ausgegeben, diente es in den 1970er-Jahren faktisch als Endlager, um hier den Großteil der schwach- und mittelradioaktiven Abfälle der Bundesrepublik einzulagern.

Rückholung aus Asse

Täglich sickern Tausende Liter Wasser in den Salzstock, die abgepumpt werden müssen. 2013 hatte der Bundestag das Gesetz zur Beschleunigung der Rückholung der Abfälle aus Asse II beschlossen, doch es ist unklar, ob das am Ende klappen wird – und zu welchen Kosten.

Die Autoren des neuen Reports kritisieren, dass Regierungen oftmals das gesetzlich verankerte Verursacherprinzip in der Praxis nicht konsequent anwenden. „Kein einziges Land in Europa hat bislang ausreichend vorgesorgt, um die Kosten der Endlagerung des Atommülls zu finanzieren. Es droht, dass die reellen, massiven Kosten letztendlich von den Steuerzahlern getragen werden“, warnt Wealer denn auch.

Der Bericht zeige, dass die Ewigkeitslasten der Atomkraft nur unter erheblichen Anstrengungen zu bewältigen sein werden, sagt Rebecca Harms. „Ich gehe davon aus, dass es noch mehrere Generationen dauern wird, bis ein erstes Endlager in Betrieb genommen werden kann, das nach bestem Wissen und Gewissen gesucht und genehmigt wurde“, so die frühere Europaabgeordnete aus dem Wendland. Darum habe sie diesen Report initiiert.

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