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19.09.2019

04:02

Von links: Norbert Walter-Borjans, Saskia Esken, Boris Pistorius, Petra Köpping, Olaf Scholz und Klara Geywitz. dpa

SPD-Regionalkonferenz

Von links: Norbert Walter-Borjans, Saskia Esken, Boris Pistorius, Petra Köpping, Olaf Scholz und Klara Geywitz.

Zwischenbilanz

Diese SPD-Kandidaten haben die besten Chancen auf den Parteivorsitz

Von: Martin Greive, Christian Rothenberg

Die 14 Kandidaten touren durch Deutschland. Wer hat die besten Chancen auf den SPD-Vorsitz? Wer überrascht positiv? Eine Zwischenbilanz.

Berlin 4350 Kilometer haben die Kandidaten zurückgelegt, 245 Fragen beantwortet, 7500 Mitglieder die Veranstaltungen vor Ort besucht, 226.000 im Stream Online zugeschaut. SPD-Interimschef Thorsten Schäfer-Gümbel ist mächtig stolz auf die erste Hälfte der SPD-Regionalkonferenzen. Auch, aber nicht nur wegen dieser Zahlen. „Der Umgang der Kandidaten untereinander ist beispielhaft, das wünsche ich mir für die Zukunft der SPD.“

Tatsächlich lief die erste Hälfte der Vorstellungsrunde im Rennen um den SPD-Vorsitz besser als erwartet. Daneben gibt es eine Reihe weiterer Erkenntnisse: Einige Kandidaten, die zunächst viel Häme bekamen, überraschten positiv. Andere, die hoch gehandelt wurden, blieben überraschend blass. Das Handelsblatt zieht eine Zwischenbilanz: Welche Strategie verfolgen die verbliebenen sieben Kandidatenteams? Wie schlagen sie sich auf den Veranstaltungen? Und wer könnte am Ende vorne liegen und die SPD künftig führen?

Das Format

Dass die SPD ihre Kandidaten auf eine Tour mit 23 Regionalkonferenzen schickt, haben selbst viele in der Parteispitze für glatten Wahnsinn gehalten. Die Veranstaltungen nutzten sich ab, die Kandidaten würden sich auf offener Bühne zerfleischen, so die Befürchtung. Doch es läuft besser. Wie zuvor bei den anderen elf Konferenzen platzt auch in Berlin der Saal aus allen Nähten.

Die Nachfrage ist so groß, dass parallel in der Stadt 14 Übertragungen stattfinden. Die Mitglieder sind konzentriert bei der Sache, stellen gute Fragen. Der Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer findet zwar, dass ein Drittel der Konferenzen gereicht hätte, sagt aber: „Dass Interesse und Motivation so groß sind, ist natürlich sehr positiv und wichtig für die SPD.“

Auch wenn es viel um Vergangenheitsbewältigung geht, gehen die Kandidaten anständig miteinander um. Das führt dazu, dass es kaum echte Diskussionen gibt. Da die Basis ohnehin keine Lust auf neuen Streit hat, ist sie damit zufrieden. „Es macht wieder richtig Spaß, in der SPD zu sein“, sagt ein Genosse in Berlin. Ein Problem bringt das Verfahren allerdings mit sich: Viele sympathisieren mit einzelnen Kandidaten und fremdeln gleichzeitig mit dem jeweiligen Partner. Sie würden sich das Vorsitzenden-Paar gern selbst zusammenwählen.


Die Typologie der Kandidaten

Drei Bewerber sind aus dem Rennen ausgestiegen, Einzelkandidat Karl-Heinz Brunner sowie das Bürgermeisterteam Alexander Ahrens und Simone Lange, die ihre Unterstützung für Borjans/Esken erklärt haben. Die Strategie der verbliebenen sieben Paare ist inzwischen klar zu erkennen.

dpa

Nina Scheer und Karl Lauterbach

Die Bundestagsabgeordneten Karl Lauterbach und Nina Scheer sind das „No-GroKo-Team“. Gewerkschaftsökonom Dierk Hirschel und die Parteilinke Hilde Mattheis stehen für die alte „Lafontaine-SPD“. Der frühere NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans und die Bundestagsabgeordnete Saskia Esken sind das Team „Verteilungsgerechtigkeit“. Europa-Staatssekretär Michael Roth und die NRW-Landtagsabgeordnete Christina Kampmann sind das „Visionäreteam“, das die Vereinigten Staaten von Europa ausrufen und die SPD zum Vorkämpfer gegen Rechts machen will.

Parteivize Ralf Stegner und Grundwertekommissionschefin Gesine Schwan inszenieren sich als „linke Intellektuelle“, die der SPD wieder geistige Kraft und Haltung geben wollen. Die Landesminister Boris Pistorius und Petra Köpping geben sich als „Team Basis“, das sich in der Kommunal- und Landespolitik bewiesen hat. Vizekanzler Olaf Scholz und Partnerin Klara Geywitz treten als Team „Pragmatische Vernunft“ und Verteidiger der Großen Koalition an.

Die Performance

Als größte Gewinner gelten bislang Esken und Walter-Borjans, was vor allem am früheren NRW-Finanzminister liegt. Walter-Borjans versteht es, Dinge auf den Punkt zu bringen. „Wir sind mit dem SPD-Bus falsch abgebogen und in der neoliberalen Pampa gelandet. Da brauchen wir uns nicht zu wundern, dass der Bus so wenig Fahrgäste hat“, ruft er am Dienstag in den Saal.

Regionalkonferenzen

Rennen um SPD-Vorsitz: Esken und Walter-Borjans im Video-Interview

Regionalkonferenzen: Rennen um SPD-Vorsitz:  Esken und Walter-Borjans im Video-Interview

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Für viele in der SPD steht „Nowabo“ für Standhaftigkeit. Er hat den Spitznamen „Robin Hood“, weil er als Minister Steuersündern erfolgreich den Kampf ansagte. Eskens Vorstellung wirkt bisweilen fahrig, aber die beiden bekommen viele Solidaritätsbekundungen. Auch der Juso-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert unterstützt ihre Kandidatur, was Politikwissenschaftler Niedermayer wiederum kritisiert: „Eigentlich wollte man diesmal keine Beeinflussung der Basis und kein Auskungeln in Hinterzimmern“, sagt er. „Kühnert hält immer die Basisdemokratie hoch, aber wenn es seinen Machtinteressen dient, interessiert es ihn nicht.“

Punkten konnten auch Roth und Kampmann, die sich mit ihren blauen Europapullis schon visuell abheben und mit Kampfansagen an die AfD und dem Thema Europa die meisten Emotionen wecken. Überraschend gut ankommen Stegner und Schwan, die sich nach ihrer Kandidatur viel Häme anhören mussten. Stegner weiß, wie man vor Parteimitgliedern reden muss. Und auch bei Schwan hören die Genossen genau hin, wenn sie von „geistiger Erneuerung“ spricht.

dpa

Christina Kampmann und Michael Roth

Das Favoritenpaar Scholz/Geywitz füllt seine Rolle erwartungsgemäß aus. Beide gelten nicht als große Redner. Doch der oft hölzern wirkende Scholz schlägt sich passabel. Als er in Berlin sagt, „wir dürfen nie, nie, nie wieder kommunale Wohnungsbestände privatisieren“, bekommt er lauten Applaus. Der Vizekanzler hat sich entschieden, den Mitgliedern das zu sagen, was sie hören wollen.

So ist er jetzt für eine Vermögensteuer und die Veröffentlichung von Konzernsteuerdaten. Fragen, warum er an der „schwarzen Null“ festhält, blockt er ab, indem er nicht darauf eingeht und stattdessen die „Rekordinvestitionen“ herausstreicht.

Während sich Scholz im Rennen um den SPD-Vorsitz von vielen Zwängen befreit hat, ist das Boris Pistorius noch nicht gelungen. Niedersachsens kantiger Innenminister galt als Mitfavorit und hat einen großen Landesverband hinter sich. Doch bislang blieb er überraschend blass. Er kann Loyalitäten nicht abstreifen, lobt etwa VW dafür, den Wasserstoff als Antrieb entdeckt zu haben. Pistorius‘ Nachteil ist auch, dass sein Lieblingsthema innere Sicherheit bislang kaum eine Rolle spielt. Punkten kann das Team eher durch Köpping. Sachsens Integrationsministerin fordert immer wieder, dass die Probleme in Ostdeutschland in der SPD eine größere Rolle spielen müssten.

dpa

Boris Pistorius und Petra Köpping

Sympathien verspielt haben Lauterbach und Scheer. Viele sind der Ansicht, Lauterbach übertreibe es mit seiner Kritik an der eigenen Partei und dränge bei den Auftritten Partnerin Scheer in den Hintergrund. Das Team versucht, vor allem mit der Forderung nach dem Austritt aus der Großen Koalition zu punkten. Viele Genossen sind davon genervt, allerdings finden die beiden unter GroKo-Gegnern auch viel Beifall. Für einen noch stärkeren Linkskurs stehen Mattheis und Hirschel. Die beiden legen zwar solide Auftritte hin, gerade von der skeptisch beäugten Mattheis sind einige Genossen positiv überrascht. Groß punkten konnte das Außenseiterteam auf den Veranstaltungen dennoch nicht.

Die Chancen

Nach der Lautstärke des Beifalls zu urteilen ist das Rennen offen, es kristallisieren sich keine klaren Favoriten heraus. Kein Team dürfte im Mitgliederentscheid über 50 Prozent erhalten, womit eine Stichwahl nötig wäre. Gesetzt sind dafür laut vielen Genossen Scholz/Geywitz. Der linke Anstrich von Scholz plus die Tatsache, dass sein Gesicht das einzige ist, das allen Mitgliedern bekannt ist, sollte für den Einzug in die Stichwahl reichen.

Als wahrscheinlichste Gegner gelten parteiintern Walter-Borjans/Esken. Viele in der SPD fragen sich aber, ob sie ihr Themenspektrum über die Verteilungsgerechtigkeit hinaus erweitern können. Chancen werden auch Roth/Kampmann und Pistorius/Köpping zugesprochen, sofern diese sich noch steigern. Als aussichtslos gelten Mattheis/Hierschel, auch Schwan/Stegner und Scheer/Lauterbach dürften es schwer haben.

dpa

Klara Geywitz und Olaf Scholz

Da sich vor allem die linken Kandidatenpaare im ersten Wahlgang gegenseitig Stimmen abnehmen, wird viel davon abhängen, ob einige Teams vorzeitig zurückziehen. „Ich hoffe da auf die Einsicht und die Realitätsbetrachtung“, sagt einer, der im linken Parteiflügel gut vernetzt ist. Fraglich ist, welches Duo dem Druck nachgibt und zugunsten eines anderen verzichtet.

Wie die Stichwahl ausgeht, wird auch von einer zweiten Frage abhängen: Wie groß ist das Verlangen, Scholz zu verhindern? Bislang spielt das Thema Große Koalition nur eine untergeordnete Rolle. Allerdings hat Scholz als Verkörperung des Parteiestablishments viele Gegner, was man nicht nur daran merkt, dass er die härtesten Fragen bekommt.

Als der Vizekanzler in Berlin erzählt, es sei für ihn „ein Stich ins Herz gewesen, als ein Wähler mir sagte, er glaube uns nicht mehr, dass wir auch tun, was wir sagen“, ruft ein Mitglied: „Ekelhaft, ekelhaft. Genau wegen so was stehen wir bei zwölf Prozent. Genau du könntest doch das ändern, doch du änderst gar nichts!“ Ein SPD-Bundestagsabgeordneter sagt: „Scholz als Parteichef würde uns nicht guttun. Bei jeder anderen Konstellation wäre es einfacher, Kritiker einzubinden und alte Wunden zu heilen.“

In Berlin waren Scholz und die anderen 13 Kandidaten schon nah dran am Parteivorsitz. Von der Bühne bis zum Büro des Parteivorsitzenden ist es nur eine Fahrstuhlfahrt hinauf in den fünften Stock – und doch ist der Weg noch weit. Elf weitere Regionalkonferenzen warten noch auf die Kandidaten. Generalsekretär Lars Klingbeil erinnerte die Mitglieder am Dienstag an ihre Verantwortung. „Irgendeiner von denen hier auf der Bühne wird gewinnen.“

Kommentare (1)

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Herr Hans Henseler

19.09.2019, 12:41 Uhr

Falls die SPD nach links rueckt, verlaesst sie das buergerliche Lager und wird zur
Linkspartei No. 2. Wieviel ist da zu holen?

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