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24.01.2022

11:23

Energieversorgung

Jährliche Mehrkosten von 1654 Euro für Strom – Gestiegene Energiepreise alarmieren Verbraucherschützer

Von: Dietmar Neuerer

Eine Untersuchung der Verbraucherschützer zeigt: Die Turbulenzen auf dem Strommarkt kommen viele Kunden teuer zu stehen. Nun soll die Bundesregierung eingreifen.

Viele Billiganbieter sind in Turbulenzen geraten und haben Tausende Verträge gekündigt. dpa

Drehstromzähler

Viele Billiganbieter sind in Turbulenzen geraten und haben Tausende Verträge gekündigt.

Berlin Weil einige Energiebilliganbieter wegen gestiegener Preise nicht mehr liefern, stehen manche Verbraucher vor hohen Belastungen. Das Problem: Durch die kurzfristige Kündigung ihrer Lieferverträge finden sich die betroffenen Strom- und Gaskunden oftmals in der teureren Grundversorgung wieder.

Das zeigt eine Untersuchung des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV). Danach müssen Verbraucherinnen und Verbraucher mit Neukundentarifen aktuell jährliche Mehrkosten zwischen 889 und 1654 Euro im Vergleich zu Bestandskunden schultern. Damit zahlen Neukunden mit einem durchschnittlichen Stromverbrauch von 3500 Kilowattstunden (kWh) bei zwei Energieversorgern (Frankfurt/Main, Leipzig) sogar mehr als das Doppelte wie Bestandskunden.

Es geht aber auch anders. In zwei Städten (Bremen, Stuttgart) hätten die Stromgrundversorger die Preise leicht gesenkt, heißt es in der Untersuchung. In sieben Städten (Berlin, Hamburg, München, Düsseldorf, Essen, Hannover, Nürnberg) seien sie nahezu stabil geblieben. Untersucht wurden die Grundversorgungstarife der 14 bevölkerungsreichsten Städte Deutschlands vom 12. bis 17. Januar 2022.

„Der Verdacht liegt nahe, dass einige Anbieter ihre Kosten einseitig auf Neukundinnen und Neukunden abwälzen wollen. Die überhöhten Tarife sind für uns nicht nachvollziehbar“, sagte Thomas Engelke, Leiter des Teams Energie und Bauen beim VZBV.

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    Im Gasbereich zeigt sich ein ähnliches Bild. Bei der Hälfte (Berlin, Köln, Frankfurt/Main, Leipzig, Dortmund, Essen, Dresden) der 14 untersuchten Städte haben die Gasgrundversorger einen separaten Tarif für Neukunden eingeführt. Hier ergeben sich laut VZBV für einen Durchschnittshaushalt (20.000 kWh) für Neukunden Mehrkosten von 1118 bis 3802 Euro im Jahr.

    Bundesregierung erwägt neue Regeln für den Strommarkt

    Engelke hält es für nicht hinnehmbar, dass sich zahlreiche Strom- und Gasanbieter trotz vertraglicher Vereinbarungen aus dem Markt zurückgezogen und die Versorgung ihrer Kunden einseitig eingestellt haben. Dieses „Zweiklassensystem“ sei falsch, weil es den Wettbewerb untergrabe.

    Aus Engelkes Sicht haben einige Billiganbieter von Strom und Gas „offensichtlich auf ein kurzsichtiges Geschäftsmodell gesetzt“ und seien damit ihrer Verantwortung gegenüber ihren Kunden nicht gerecht geworden. „Das war aber auch möglich, weil die Transparenzpflichten und die Regulierung nicht ausreichend waren“, sagte der VZBV-Experte.

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    Die Verbraucherschützer sehen die Politik nun in der Pflicht, den Verbraucherschutz auf dem Energiemarkt krisensicherer zu machen. Die Verbraucher dürften nicht die Zeche für diese „unseriösen Geschäftsmodelle und schlechte Marktregulierung“ zahlen.

    Bundesverbraucherschutzministerin Steffi Lemke (Grüne) kündigte die Prüfung neuer Regeln für den Strommarkt an. „Die Bundesregierung beobachtet das Verhalten der Marktakteure sehr genau und prüft mögliche regulatorische Schritte“, sagte Lemke.

    Bundesweit sieben Abmahnungen gegen Energieanbieter

    „Aktuell haben wir es mit Preisaufschlägen zu tun, die den Strompreis auf bis zu 90 Cent pro Kilowattstunde hochtreiben“, so die Ministerin. Das sei in keiner Weise durch Marktgeschehen zu rechtfertigen. Zuvor hatte bereits Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) eine Überprüfung des liberalisierten Gas- und Strommarkts angekündigt.

    Der VZBV warnte indes davor, Tariferhöhungen durch eine Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes zu legalisieren. Preise in der Grundversorgung dürften nicht unreguliert in die Höhe schnellen. „Sollte sich die Bundesregierung doch dazu entscheiden, müssten Schutzmechanismen wie Befristung, Preisdeckelung und eine Begründungspflicht gegenüber den Aufsichtsbehörden eingeführt werden, um Willkür und Wildwuchs auszuschließen“, erklärte Engelke.

    Nach Auskunft der Verbraucherzentralen gibt es bundesweit inzwischen sieben Abmahnungen und eine Androhung wegen der Einstellung von Stromlieferungen, der Kündigung von Verträgen oder wegen extremer Preiserhöhungen – davon allein fünf in Nordrhein-Westfalen. Weitere Abmahnungen seien in Planung, hieß es.

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    In der Bundesregierung und den Koalitionsfraktionen wird derweil erwogen, bestimmte Entlastungen für Stromkunden vielleicht auch früher zu gewähren. Das sagte SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich in Berlin. Als Beispiele nannte er die EEG-Umlage und zielgerichtete Hilfen. Eigentlich wollten SPD, Grüne und FDP die Finanzierung der EEG-Umlage erst zum 1. Januar 2023 reformieren.

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