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19.04.2017

07:02 Uhr

Francois Fillon

Das bizarre Ende einer Wahlkampagne

VonThomas Hanke

Die Wahlkampagne des Präsidentschaftskandidaten Fillon endet auf Sparflamme. Der frühere Favorit konnte bis zuletzt die eigenen konservativen Anhänger nicht begeistern – vor allem wegen der zahlreichen Skandale.

Dem konservativen Präsidentschaftskandidaten ist es bis zuletzt nicht gelungen, seine eigene Partei vollständig hinter sich zu scharen. AFP

Francois Fillon

Dem konservativen Präsidentschaftskandidaten ist es bis zuletzt nicht gelungen, seine eigene Partei vollständig hinter sich zu scharen.

LilleBizarres Ende einer Kampagne, die von Affären und Skandalen um Scheinbeschäftigung, geschenkten Anzügen und Unwahrheiten durchsetzt war: Am Dienstag hat Francois Fillon sein letztes großes Meeting vor dem ersten Wahlgang am Sonntag im nordfranzösischen Lille abgehalten. In einer nur rund zur Hälfte gefüllten Halle trat der Konservative vor ungefähr 3000 Anhängern auf, viele von ihnen Rentner, die er bereits bei der Vorwahl der konservativen Republikaner für sich eingenommen hatte.

„Wir haben die Unterstützung des Volkes, wir werden diese Wahl gewinnen“, rief er in die Halle. Seine Gegner würden Frankreich „in die Stagnation oder in den Bankrott“ führen, sie wollten nicht von der „Mauer der Schulden“ reden, der Frankreich sich nähere. „Deutschland hat 3,5 Prozent Arbeitslosigkeit, wir zehn Prozent, das ist die Realität“, wies er auch auf die sozialen Probleme des Landes hin und fügte einen weitere Warnung hinzu: „Trotz der Last unserer hohen Ausgaben ist unsere Sozialversicherung bedroht und funktioniert der soziale Aufstieg nicht mehr.“

Wichtige Kandidaten der französischen Präsidentenwahl

Marine Le Pen

Die Rechtspopulistin von der Front National (FN) vertritt radikale Positionen im Hinblick auf Europa und Ausländer. In Umfragen für die erste Wahlrunde im April liegt die 48-Jährige seit Wochen vorne, zuletzt kam sie auf Werte zwischen 26 und 28 Prozent.

François Fillon

Der Spitzenkandidat der bürgerlichen Rechten galt lange als Favorit der Wahl. Doch wegen der Affäre um den Parlamentsjob seiner Frau verlor der 62-Jährige Sympathiepunkte. Nach aktuellen Umfragen liegt er bei etwa 20 Prozent - und muss damit um den Einzug in die entscheidende Stichwahl zittern. Die französische Justiz prüft Vorwürfe, wonach Fillons Frau nur zum Schein als seine parlamentarische Mitarbeiterin angestellt war. Fillon wies die Vorwürfe mehrfach zurück.

Emmanuel Macron

Der Politjungstar positioniert sich weder links noch rechts. Über Wochen war der unabhängige Bewerber, früher Wirtschaftsminister unter Präsident François Hollande, im Aufwind. Doch umstrittene Äußerungen über Frankreichs Kolonialvergangenheit brachten den 39-Jährigen zuletzt in Bedrängnis. In Umfragen liefert er sich derzeit ein enges Rennen mit Fillon um den Einzug in die Stichwahl. Konservative werfen Macron vor, das Programm für den glücklosen Sozialisten Hollande gemacht zu haben. Hollande tritt nicht mehr an.

Benoît Hamon

Der 49 Jahre alte Ex-Bildungsminister setzte sich in einer Vorwahl als Spitzenkandidaten der angeschlagenen Sozialisten durch. Er will mit der Hollande-Ära brechen und einen neuen Kurs einschlagen, bei dem grüne Themen eine wichtige Rolle spielen. Er gilt zurzeit als „vierter Mann“ bei der Wahl.

Jean-Luc Mélenchon

Mit 65 Jahren ist der Linkenführer der älteste unter den wichtigen Kandidaten. Der von der kommunistischen Partei (PCF) unterstützte Anwärter könnte laut Umfragen bei der ersten Runde etwas mehr zehn Prozent der Stimmen erhalten. Mélenchon gilt als brillanter Redner und ist ein harter Kritiker der deutschen Sparpolitik.

Fillons Tragik ist, dass er ein in vielerlei Hinsicht realistisches Programm hat, selber aber nicht dazu in der Lage war, sich der Realität seines Skandals um die Scheinbeschäftigung seiner Familie zu stellen. Hätte er sich entschuldigt und sofort die fragwürdigen Bezüge an das Parlament zurückgegeben, stünde er heute völlig anders da, läge vermutlich sogar an der Spitze des Pelotons. Doch sein oft würdeloses Taktieren ist eben auch eine Aussage über die Eigenschaften dieses Politikers.

Am Mittag besuchte Fillon die Reste des früheren Flüchtlingslagers in Calais. Der Kandidat vor den halb zerfallenen Hallen, in denen bis zum vergangenen November Frauen und Kinder untergebracht waren, und vor den riesigen Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg: Das ergab eindrucksvolle Bilder, die allerdings alles andere als Optimismus ausstrahlen.

Fillon hatte den Ort wohl vor allem gewählt, um mit einer harten Botschaft gegen Flüchtlinge noch einmal am rechten Rand zu fischen. „Ich werde unnachgiebig gegen illegale Zuwanderung vorgehen“, versprach er vor einer Handvoll Journalisten. Schon zwei Tage vorher war er ein gutes Stück nach rechts gerückt und sagte der erzkatholischen Bewegung „Sens Commun“ zu, sie werde in seiner Regierungsmannschaft berücksichtigt werden.

Sens Commun ist 2013 aus der von der katholischen Kirche geführten Kampagne gegen die gleichgeschlechtliche Ehe entstanden. Die Bewegung vertritt ein konservatives Frauenbild, ist gegen Abtreibung und hält staatliche Schulen für Anstalten, in denen Gehirnwäsche betrieben wird. Für das laizistische Frankreich ist es ein Novum, dass ein Kandidat eine religiös ausgerichtete Gruppe mit politischen Ehren bedenkt. Fillons Schwenk geht darauf zurück, dass er Sens Commun viel zu verdanken hat: Als viele republikanische Politiker ihn wegen seiner Skandale verließen, mobilisierte die Gruppe ihre Anhänger für ihn und seine Meetings.

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Kommentare (2)

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Herr Marc Hofmann

19.04.2017, 08:50 Uhr

Interessant wird es sein, wie sich die Wähler von Fillon im zweiten Wahlgang verhalten werden...wählen diese Macron oder eher Le Pen oder bleiben Sie der Wahl fern...Le Pen hat sich für die Grenzsicherung ausgesprochen, für Austritt aus der EU und den Euro....die Themen Sicherheit, Schutz, Selbstbestimmung, Stolz, Soziale Absicherung werden für die meisten Franzosen sehr wichtig sein und hier hat Le Pen ihre Vorstellung den Französischen Volk präsentiert...EU und Euro sind es, die hier im Wege stehen und Le Pen will die EU und den EURO abräumen...Macron hingegen will am Euro und der EU festhalten....so oder so...Le Pen hat schon gewonnen auch wenn diese nicht Präsidentin werden sollte...der EURO und die EU sind aus sich heraus schon zum eigenen Totengräber geworden...Le Pen will ein schnelles Ende mit Schrecken hingegen der Macron nur noch das Ende des EURO und der EU hinauszögern kann und damit den Schrecken (hohe Arbeitslosigkeit, Wirtschaftsstagnation, Soziale-Kulturelle Spannungen) für die Franzosen weiter in die Länge zieht...

Herr Gerd Hohn

19.04.2017, 10:55 Uhr

Grande Nation, grande gueule. Der Welsch, der Welsch. Leider ist im September 1914 an der Marne einiges schiefgelaufen. Die Folgeschäden äußern sich heute in Form der EU.

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