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19.09.2022

16:23

Gaspreis-Krise

Lidl sorgt mit billigem Urlaubsangebot für Verwirrung in der Türkei

Von: Ozan Demircan

Viele Deutsche fürchten hohe Energiepreise im Winter. Der Discounter bietet einen Ausweg an die türkische Riviera – und entfacht dort eine Neiddebatte.

Allein in Alanya sind rund zehn Prozent der rund 300.000 Einwohner Ausländer mit Aufenthaltserlaubnis. Rund die Hälfte davon kommt aus Deutschland. dpa

Türkische Riviera

Allein in Alanya sind rund zehn Prozent der rund 300.000 Einwohner Ausländer mit Aufenthaltserlaubnis. Rund die Hälfte davon kommt aus Deutschland.

Istanbul 599 Euro für 22 Tage an der türkischen Riviera, fünf Sterne, alles inklusive. Mit diesem Reiseschnäppchen für Januar 2023 wirbt der Discounter Lidl in seinem Prospekt. Selbst der Zugtransfer zum Flughafen und eine Wäschereinigung sind im Preis enthalten. Dazu als Extra noch eine Rückenmassage sowie eine Gesichtsbehandlung. Reiseanbieter BigXtra Touristik, für den Lidl die Urlaubsreise vertreibt, schnürt derzeit Pakete dieser Art.

Was angesichts der steigenden Energiepreise in Deutschland die Idee beflügeln mag, die Wintermonate in einem milderen Klima (Durchschnittswert: 23 Grad) zu verbringen, löst in der Türkei wiederum Empörung aus. Im von hoher Inflation und wirtschaftlichen Problemen geplagten Land liegt der Kampfpreis für die Lidl-Reise niedriger als so manche Monatsmiete – die jedoch ohne All-inclusive-Luxus.

Die Gaspreis-Rally teilt die Türkei mit dem Rest Europas allerdings nicht. Die Regierung von Recep Tayyip Erdogan zahlt wie von Russland gefordert in Rubel, da sie sich den westlichen Sanktionen gegen das russische Finanzsystem nicht angeschlossen hat. Und erhält anders als Deutschland die vereinbarten Liefermengen. „Im Gegensatz zu Europa wird die Türkei diesen Winter keine Probleme haben“, so Erdogan. Verbraucherschützer rechnen derweil damit, dass die Gaspreise in Deutschland im Winter um das Drei- bis Vierfache ansteigen können.

Flucht vor hohen Gaspreisen? Lidl sorgt mit billigem Urlaubsangebot für Irritation in der Türkei

Und daher sind türkische Hoteliers in der Lage, günstige Angebote für ausländische Touristen zu schnüren. Doch das sorgt in dem Land, in dem sich die Preise für Türkinnen und Türken binnen weniger Monate vervielfacht haben, für Unverständnis und Neid. Die offizielle Inflation liegt derzeit bei 80 Prozent, doch viele Produkte und Lebensmittel haben sich deutlich stärker verteuert.

„Meine schöne Heimat ist zum Billigheimer für Europäer geworden“, schreibt eine türkische Twitter-Nutzerin. Ein anderer Twitter-Nutzer veröffentlichte eine schriftliche Unterhaltung mit einem Freund, in der ein Foto des Lidl-Angebots zu sehen ist. Die Reaktion des Gesprächspartners: „Das ist günstiger als meine Monatsmiete.“ Ein weiterer Nutzer verglich den Preis für deutsche Urlauber mit dem, den Inländer auf einer türkischen Buchungsplattform für dasselbe Hotel im gleichen Zeitraum bezahlen müssten: Es ist das Zweieinhalbfache. „Wir können niemals dort übernachten“, so das erboste Fazit.

Mit der Energiepreispauschale in den Türkei-Urlaub?

Selbst die jüngsten Maßnahmen der Bundesregierung, um die hohen Energiekosten für Bürgerinnen und Bürger abzufedern, sorgen in der Türkei für Streit. So erhalten Rentnerinnen und Rentner zum 1. Dezember eine Energiepreispauschale in Höhe von 300 Euro. „Deutsche Rentner können dann für 299 Euro drei Wochen in unserem Land Urlaub machen und vor den hohen Heizkosten fliehen“, resümiert ein anderer Nutzer auf Twitter.

Dass die 300 Euro in Deutschland versteuert werden müssen, scheint er nicht zu wissen. Auch dass während eines Auslandsaufenthalts Mieten und Nebenkostenabschläge weiterlaufen und sich Geringverdiener diese Doppelbelastung kaum leisten können, wird in der Neiddebatte ausgeblendet. „Werden die Deutschen ihren Winter in der Türkei verbringen“, fragt rhetorisch eine türkische Onlinezeitung. Der Tenor des Artikels ist eindeutig: Den Deutschen geht es gut genug, und nun wollen sie in der Türkei auch noch Geld sparen.

Deniz Ugur, Chef des Schweizer Anbieters für Türkeireisen Bentour, erkennt eine erhöhte Sensibilität in der türkischen Bevölkerung ob der hohen Preise im Land. Gleichzeitig vermutet er einen Trend hinter dem Lidl-Angebot. Wer statt 200 nun bis zu 1000 Euro für seine Gasrechnung bezahlen müsse, der schaue sich nach Alternativen um.

Energiepreise: Lidl präsentiert Urlaubsangebote für kalte Monate

Er rechnet damit, dass allein in diesem Winter bis zu eine Million Deutsche in die Türkei kommen könnten, rund doppelt so viele wie sonst. Er fordert türkische Hoteliers auf, ihre Schließungspläne für den Winter zu überdenken – Neiddebatte hin oder her. Denn auch das ist eine Tatsache: Mit ausgebuchten Hotels lässt sich Geld verdienen und die Tourismuswirtschaft ankurbeln – mit leeren nicht.

Lidl hat derweil tatsächlich für die restlichen kalten Monate Urlaubsoptionen. Im Dezember 2022 und Februar 2023 liegt der Preis für dasselbe Fünfsternehotel bei 649 Euro für drei Wochen, im November und März bei 699 Euro, im April bei 899 Euro und im Mai bei 999 Euro pro Person.

Erstpublikation: 13.09.22, 14:36 Uhr.

Kommentare (3)

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12.09.2022, 14:18 Uhr

Eine Neiddebatte würde ich es nicht nennen. Der Kauf ist ja nicht nur Deutschen vorenthalten, sondern kann -da online- von jedem auf der Welt gekauft werden. Davon abgesehen: Auf nach Türkiye! Zumindest wird man dort eher nicht frieren oder hungern müssen. Im Vergleich zum nördlichen Teil €uropas.

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