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06.11.2021

13:00

Internate

Trotz Missbrauchsskandalen: Immer mehr Eltern schicken Kinder auf Konfessionsschulen

Der Ruf kirchlicher Internate ist beschädigt – doch die Nachfrage nach privater Schulbildung steigt. Wie sich Konfessionsschulen positionieren, um ihre Zukunft zu sichern.

Die Anmeldezahlen für Internate steigen. Imago/Westend61

Schule Schloss Salem

Die Anmeldezahlen für Internate steigen.

Köln Von außen wirkt das oberbayerische Kloster Ettal wie ein barocker Fels in historischer Brandung. Feierlich geweiht im Jahr 1370, gründeten Benediktinermönche hier im frühen 18. Jahrhundert eine „Ritterakademie“ für die Söhne adeliger Familien. 1900 wurde daraus ein katholisches Jungengymnasium mit angeschlossenem Internat – eine jener kirchlichen Bildungseinrichtungen, in denen in den vergangenen Jahren Fälle von sexuellem Missbrauch aufgedeckt wurden.

Der 2010 ans Licht gekommene Skandal hat den Ruf der Schule im Landkreis Garmisch-Partenkirchen nachhaltig beschädigt. 2024 ist daher Schluss mit dem Internatsbetrieb: Es gibt schlicht zu wenige Anmeldungen. Dass die Mönche sich um Aufarbeitung bemühten und vor fünf Jahren sogar mit einer ehernen Tradition brachen und Mädchen zuließen, reichte nicht, um das verlorene Vertrauen wiederherzustellen. Immerhin bleibt der normale Gymnasialbetrieb erhalten.

Vor allem katholische Internate haben ein Imageproblem, seit der Missbrauch von Kindern in kirchlichen Einrichtungen zum öffentlichen Thema wurde. Doch der Blick auf extreme Einzelfälle wie Ettal täuscht: Die Nachfrage nach privater Schulbildung steigt seit Jahren, und auch an Konfessionsschulen ist sie ungebrochen.

Ein großer Teil der Privatschulen in Deutschland befindet sich in kirchlicher Trägerschaft. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise sind es laut Schulministerium rund 53 Prozent. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts besucht inzwischen jeder elfte Schüler eine Privatschule, vor zehn Jahren war es noch jeder 13. Besonders hoch ist der Anteil in Ostdeutschland: Hier wird jeder achte Schüler an allgemeinbildenden oder beruflichen Schulen an einer privaten Einrichtung unterrichtet.

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    Mehr Anfragen als Plätze

    Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Viele Eltern beklagen die zum Teil mangelhafte Ausstattung sowie den Unterrichtsausfall an öffentlichen Schulen und suchen nach Alternativen. Zudem punkten viele Privatschulen mit kleineren Klassen und einer besseren individuellen Betreuung.

    Bei Internaten kommen Pluspunkte in Sachen Sozialkompetenz hinzu: Die Schüler lernen, sich in eine Gruppe zu integrieren, sie leben, essen und spielen zusammen. Und nicht zuletzt entlasten Internate auch die Eltern, insbesondere wenn beide Elternteile berufstätig stark eingespannt sind.

    Kirchlich betriebene Privatschulen und Internate bekommen oft noch ein weiteres Argument genannt: Immer mehr Eltern legten Wert darauf, dass ihre Kinder christliche Werte vermittelt bekommen, sagt Peter Nothaft, Direktor des Katholischen Schulwerks Bayern. Die Nachfrage nach Plätzen an katholischen Schulen sei trotz der Skandale „sehr stabil“. „Einige Schulen können gar nicht alle Schüler aufnehmen, die sich anmelden möchten.“

    Ähnlich sieht es an evangelischen Schulen aus, berichtet Martin Fricke, Synodalassessor beim Evangelischen Kirchenkreis Düsseldorf (siehe Interview rechts).

    Das Gymnasium und Internat Abtei Schäftlarn südlich von München jedenfalls hat keine Nachwuchssorgen. 50 der 576 Schülerinnen und Schüler sind im Vollinternat, sie leben und lernen in dem barocken Klostergebäude. Direktor Wolfgang Sagmeister verzeichnet seit 15 Jahren steigende Anmeldungszahlen. Für die Jungen und Mädchen sei das von Benediktinern geführte Internate „mehr als nur Schule“, betont er. „Das ist ihr Zuhause.“

    Und Bildung sei für sie mehr als nur Ausbildung. Insbesondere im Internat gehe es um die „Schule des Lebens“, ganz nach den Idealen von Ordensgründer Benedikt von Nursia. „Eine christlich geprägte Schule tut sich leichter, im Kollegium ein einheitliches Erziehungsziel zu finden“, vermutet Sagmeister.

    Sein Gymnasium pflegt zudem Kooperationen mit Schulen in Senegal oder in Indien. „So sorgen wir dafür, dass unsere Schüler Kontakt zu Schülern aus anderen Ländern bekommen. Mit Spendenläufen lernen sie außerdem, wie man für andere Verantwortung übernimmt.“

    Guter Ruf trotz der Skandale

    Die Missbrauchsdiskussion in der katholischen Kirche wirke abgesehen von den betroffenen Einrichtungen jedenfalls kaum nach, erklärt Schulwerksdirektor Nothaft. „Meist wurden diese schrecklichen Taten nicht in den Schulen, sondern den angrenzenden Internaten begangen.“ Und diese hätten eine „sehr ausgiebige Aufarbeitungsarbeit geleistet“. Die kirchlichen Privatschulen insgesamt genössen weiterhin einen sehr guten Ruf.

    Allein in Bayern besuchen rund 80.000 Kinder und Jugendliche eine katholische Bildungseinrichtung, das sind fast fünf Prozent aller Schülerinnen und Schüler. Wie andere Privatschulen bekommen auch Konfessionsschulen finanzielle Zuschüsse von den Landesregierungen. In Bayern decken diese – je nach Schulart – rund 80 bis 85 Prozent der Kosten ab, schätzt Nothaft.

    Den Rest müssen die kirchlichen Träger selbst finanzieren – und die Eltern über das Schulgeld, das an katholischen Gymnasien und Realschulen in Bayern bei durchschnittlich etwa 40 bis 50 Euro im Monat liegt. Ein Internatsplatz mit Kost und Logis ist natürlich erheblich teurer, im Kloster Ettal etwa schlägt er mit 1250 Euro pro Monat zu Buche.

    Doch mit dem Rückgang der Religiosität in der Gesellschaft schrumpft auch die finanzielle Basis der kirchlichen Schulen, was viele vor erhebliche Probleme stellt. Weil immer mehr Menschen aus der Kirche austreten und daher das Kirchensteueraufkommen sinkt, stehen für die Finanzierung der christlichen Bildungseinrichtungen immer weniger Mittel zur Verfügung.

    „Generell hat die evangelische Kirche nicht mehr so viel Geld wie früher“, sagt Synodalassessor Fricke, der selbst evangelischer Pfarrer am Düsseldorfer Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium ist. „Auch die Schulen verfügen dadurch über weniger Budget.“ Vor allem in den östlichen Ländern finanzieren sich kirchliche Schulen daher immer öfter über Stiftungen.

    „Kirchliche Schulen blühen“

    Ein weiteres Problem ist der bundesweite Lehrermangel, den auch Privatschulen zunehmend zu spüren bekommen. „Schüler haben wir genug“, sagt der Schäftlarner Schuldirektor Sagmeister. „Nur Lehrer könnten wir ein paar mehr gebrauchen.“

    Um das Modell Konfessionsschule, insbesondere mit Internatsbetrieb, zukunftsfest zu machen, sollten die Einrichtungen sich auf ihre Stärken besinnen, rät Schulwerksdirektor Nothaft. „Die Schulen müssen ihr Profil genau definieren.“ Anschließend sei es auch eine Frage von „Kommunikation und Markenbildung“, ob potenzielle Kunden die spezifischen Stärken dieses Profils erkennen.

    „Da sind christliche Werte und religiöse Bezüge gut und ehrlich kommunizierbar“, sagt Nothaft. „Und die kommen auch an – egal, ob die Eltern selbst besonders religiös sind oder nicht.“ Die Kirche gehe durch eine schwierige Zeit, sagt er, und das sei teilweise hausgemacht. „Aber die kirchlichen Schulen, die blühen.“

    Von

    Lilian Fiala / David Selbach

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