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14.06.2022

16:36

Allianz für Transformation

Netzwerke, politischer Wille und viel Geld: So sollen deutsche Unternehmen den Wandel schaffen

Von: Frank Specht

Durch Klimawende und Digitalisierung sind Millionen Jobs gefährdet. Nun arbeiten Politik, Sozialpartner und Wissenschaftler daran, den Wandel zu gestalten. Die Frage ist nur, wie?

Auch auf der weltgrößten Industrieschau war die Frage, wie Unternehmen den Wandel in die digitale Zukunft gestalten können, ein großes Thema. dpa

Hannover Messe 2022

Auch auf der weltgrößten Industrieschau war die Frage, wie Unternehmen den Wandel in die digitale Zukunft gestalten können, ein großes Thema.

Berlin Als das Pharmaunternehmen Roche 2020 am oberbayerischen Standort Penzberg eine neue Produktionsstraße aufbaute, geriet ganz in der Nähe ein anderes, branchenfremdes Unternehmen in eine Schieflage. Kurzerhand wurden Schlosserinnen, Metallbauer oder Mechatroniker zwölf Monate lang mit dem nötigen Pharma-Know-how ausgestattet, um dann bei Roche als Chemikantin oder Chemielaborant anzufangen.

Projekte wie diese dürften Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) gefallen. Die großen Veränderungen, vor denen die deutsche Wirtschaft stehe, ließen sich nur schultern, „wenn wir uns unterhaken“, sagte Scholz am Dienstag zum Auftakt der neuen Allianz für Transformation. Dabei meinte er Unternehmen und Gewerkschaften, die in Deutschland auf eine lange Geschichte der Zusammenarbeit zurückblicken können.

Ziel müsse sein, dass die deutsche Wirtschaft global wettbewerbsfähig bleibe, klimaneutral wirtschafte und bei der Digitalisierung vorn mit dabei sei. Der Umbruch trifft die Energieversorger und die großen industriellen Energieverbraucher genauso wie die Autobauer, die Chemiebranche oder Dienstleistungsberufe, in denen Algorithmen Jobs verdrängen. Viele Beschäftigte fragten sich deshalb, ob die Transformation für sie gut ausgehe, sagte Scholz.

Es sei die gemeinsame Aufgabe von Politik, Sozialpartnern, Umweltverbänden und Wissenschaftlern, die sich künftig in der Allianz für Transformation mehrmals im Jahr austauschen wollen, „dass wir Vertrauen in den Wandel schaffen“, sagte die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Yasmin Fahimi.

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    Anschauungsmaterial, wie das gelingen kann, gibt es – nicht nur bei Roche. Der Pharmahersteller hat sich mit anderen namhaften Unternehmen, die in Deutschland mehr als 1,3 Millionen Menschen beschäftigen, zur Allianz der Chancen zusammengeschlossen. Mit dabei sind beispielsweise die Deutsche Bahn, die Zulieferer Bosch, Continental, Elring-Klinger und Kirchhoff, Siemens, Thyssenkrupp oder Microsoft und Infineon.

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    Hauptziel ist, Beschäftigte von Arbeit in Arbeit zu bringen – also Arbeitslosigkeit im Wandel zu verhindern – und dabei Handlungsempfehlungen und Praxistipps zu geben. So hat beispielsweise der Zulieferer Continental 2019 das eigene Institut für Technologie und Transformation gegründet, in dem Mitarbeiter bei vollem Gehalt und während der Arbeitszeit auf neue Aufgaben vorbereitet werden können – inner- und außerhalb des Konzerns. Bis Ende vergangenen Jahres wurden bereits 3500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer geschult, bis Ende dieses Jahres sollen es 8500 sein.

    Die Kunst der Transformation besteht darin, den Wandel möglichst regional zu managen. Denn nicht jeder, dessen Arbeitsplatz bedroht ist, will über Hunderte Kilometer dorthin ziehen, wo neue Jobs entstehen.

    Timothy Fitschen ist bei der Arbeitsagentur in Brühl Bereichsleiter für das Rheinische Revier, das sich auf den Abschied von der Braunkohle vorbereitet. Die Agentur hat schon frühzeitig, als die Kohlekommission noch tagte, den Kontakt zu RWE und seinen Zulieferern gesucht, um neue Perspektiven für die „Kumpel“ zu erschließen.
    Denn während RWE und seine Zulieferer perspektivisch Jobs abbauen, gebe es im Chemiegürtel rund um Köln viele Unternehmen, die händeringend Mitarbeitende suchten, sagt Fitschen. Das Problem: Sie wissen oft nichts voneinander.

    „In anderen Regionen haben Firmen schon selbst Netzwerke gebildet, um einen Austausch zum gegenseitigen Nutzen zu organisieren. Hier versuchen wir, solche Netzwerke zu etablieren“, sagt der Bereichsleiter. Das bedeute auch, erst einmal Vertrauen aufzubauen. Denn nicht jedes Unternehmen spreche gern über den künftigen Personalbedarf oder eventuelle Abbaupläne.

    Geht es nach dem Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Detlef Scheele, dann sollen Arbeitsagenturen künftig viel stärker eine Moderatorenfunktion übernehmen wie in Brühl. Außerdem kann die BA bei der Qualifizierung von Beschäftigten unterstützen, um Arbeitslosigkeit gar nicht erst entstehen zu lassen. Knapp 900 Millionen Euro hat sie dafür in ihrem Haushalt eingeplant.

    Problematisch ist der Fall, wenn ein Beschäftigter, dessen Job wegzufallen droht, einen neuen Arbeitgeber gefunden hat, für die künftige Tätigkeit aber erst noch qualifiziert werden muss. Beim alten Arbeitgeber soll er möglichst bis zum letzten Tag arbeiten, beim neuen möglichst von Tag eins an voll einsatzfähig sein, sagt Fitschen. RWE habe deshalb per Tarifvertrag zugesagt, dass Beschäftigte für eine Qualifizierung freigestellt werden, bevor sie das Unternehmen verlassen. „Das hilft sehr.“

    Einen möglichst reibungslosen Übergang aus alter in neue Beschäftigung sollen auch die regionalen Transformationsnetzwerke in der Fahrzeugindustrie leisten. Bis zu 200 Millionen Euro aus dem Zukunftsfonds Automobilindustrie hat die alte Bundesregierung dafür bereitgestellt. Ziel ist, Arbeitgeber, Gewerkschaften, Wissenschaft und lokale Behörden zu vernetzen, um neue Geschäfts- und Beschäftigungsperspektiven für das Zeitalter nach dem Verbrennungsmotor zu entwickeln.

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    Wie wichtig das ist, zeigt sich beispielsweise im Saarland, wo sich auf Initiative der IG Metall auch das Projekt „Tra-Saar“ erfolgreich um Fördermittel beworben hat. Von den rund 90.000 Industriearbeitsplätzen in dem kleinen Bundesland hängen rund 42.000 direkt oder indirekt an der Automobilbranche. Von diesen werden im Zeitalter der Elektromobilität nicht mehr alle gebraucht.

    Martin Schlechter, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Saarländischen Unternehmensverbände und des Verbands der Metall- und Elektroindustrie des Saarlandes, ist allerdings skeptisch, dass es gelingen wird, den Wandel gewissermaßen „von oben“ zu steuern: „Transformation findet in erster Linie zunächst auf Unternehmensebene statt“, sagt er.

    „Unternehmer sind gefragt, neue Geschäftsmodelle für klimafreundliche Technologie und Produkte zu entwickeln.“ Auch Weiterbildung dürfe kein Selbstzweck sein, sondern ergebe nur Sinn, wenn es im Rahmen ihrer neu erworbenen Kompetenzen dann auch Einsatzmöglichkeiten gebe.

    Die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) träumt schon davon, ihr Bundesland zum führenden Wasserstoffstandort zu machen und den Beschäftigten so eine neue Perspektive zu geben. Dafür müsse dann die Politik auch die richtigen Rahmenbedingungen setzen, etwa durch verkürzte Genehmigungsprozesse und weniger Bürokratie, betont Schlechter.

    Das sieht der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm, ähnlich: Die Transformation etwa hin zur Klimaneutralität sei „im wahrsten Sinne des Wortes alternativlos“, sagte er am Dienstag bei der Auftaktveranstaltung der neuen Allianz. Auch der Weg für den Wandel sei hinlänglich beschrieben, betonte der BDI-Chef: „Was uns fehlt, ist Tempo.“

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