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22.08.2022

16:20

Asien

Singapur erlaubt Sex zwischen Männern – was das mit dem globalen Fachkräftewettbewerb zu tun hat

Von: Mathias Peer

Der südostasiatische Stadtstaat präsentiert sich gerne als fortschrittlich, pflegt aber ein Sexualrecht aus der Kolonialzeit. Das soll sich jetzt ändern.

Singapur dpa

Singapur gilt das Stadt der Zukunft

Der Stadtstaat gilt als sehr fortschrittlich – bei der Gesetzgebung herrschen jedoch teilweise antiquierte Zustände.

Bangkok Singapur gibt sich gerne als Vorzeigeland, das seiner Zeit voraus ist: Paketlieferung per Roboter, Hühnchenfleisch aus dem Bioreaktor und Flugtaxis zwischen den Wolkenkratzern – technologisch gibt es kaum eine fortschrittlichere Metropole. Doch gesellschaftspolitisch hängt das südostasiatische Finanzzentrum noch tief im vorigen Jahrhundert fest: Paragraf 377A des Strafgesetzbuches – eingeführt von den britischen Kolonialherrschern in den 1930er-Jahren – verbietet Sex zwischen Männern. Die Strafe: bis zu zwei Jahre Gefängnis.

Jahrzehntelang weigerte sich die Regierungspartei PAP, die seit der Staatsgründung ununterbrochen an der Macht ist, die diskriminierende Vorschrift abzuschaffen – unter Verweis auf tief sitzende konservative Ansichten in der Bevölkerung. Doch nun wagt Premierminister Lee Hsien Loong die Zeitenwende: Er kündigte am Sonntag in einer TV-Ansprache das Aus für das Homosexualitätsverbot an.

Lee reagiert damit auch auf Druck aus der Wirtschaft. Ausländische Unternehmen sehen das Anti-Schwulen-Gesetz schon seit Langem kritisch. Nun glaubt offenbar auch die Regierung, dass Paragraf 377A nicht länger zu dem Stadtstaat passt, der sich einem zunehmend harten Wettbewerb um internationales Top-Personal ausgesetzt sieht.

Premier Lee begründete den Politikwechsel mit einer seiner Ansicht nach neuen gesellschaftlichen Stimmung. „Die Einstellungen haben sich deutlich geändert“, sagte er. Die meisten Singapurer würden inzwischen eine Abschaffung des Straftatbestands akzeptieren.

„Aus staatlicher Sicht wirft privates, einvernehmliches Sexualverhalten zwischen Erwachsenen keine Probleme mit Recht und Ordnung auf“, sagte der 70-jährige Regierungschef. Es gebe daher keine Rechtfertigung dafür, „Menschen dafür strafrechtlich zu verfolgen oder daraus ein Verbrechen zu machen“.

Aktivisten und Wirtschaftsvertreter begrüßten die Ankündigung. „Für Unternehmen ist dies äußerst positiv, da 377A eines der antiquierten Gesetze war, das Fachkräfte abgeschreckt hat und Singapur hinter der Zeit erscheinen ließ“, sagte Darius Cheung, der Gründer und Chef des Immobilienportals 99.co, das zu den bekanntesten Start-ups der Metropole zählt.

Apple, Google und Co. gerieten mit der Regierung aneinander

Verstöße gegen das Gesetz, das sich gezielt gegen männliche Homosexuelle richtet, wurden zwar seit 2007 nicht mehr verfolgt – betroffene Singapurer fühlten sich dadurch dennoch ausgegrenzt. Homosexuelle Expats zweifeln vor ihrer Entsendung in die Stadt, in der viele westliche Konzerne ihre Asien-Zentralen angesiedelt haben, häufig, ob sie dort überhaupt willkommen sind. Auf Auslandskarrieren spezialisierte Publikationen warnen im Fall Singapurs: „Offensichtliche Zuneigungsbekundungen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren in der Öffentlichkeit stoßen wahrscheinlich auf Feindseligkeit.“

Konzerne wie Apple, Google, Twitter und Goldman Sachs setzten sich in der Vergangenheit indirekt für eine Änderung im Umgang mit Homosexuellen in Singapur ein, indem sie die jährliche LGBT-Kundgebung Pink Dot finanziell unterstützten. 2016 machte die Regierung aber klar, dass sie ein solches Sponsoring nicht hinnehmen will: Man lehne jeglichen ausländischen Einfluss auf inländische Debatten ab, hieß es damals.

Lee Hsien Loong, Premierminister von Singapur Reuters

Lee Hsien Loong

Der Premierminister will das Homosexualitätsverbot abschaffen.

Eine ähnliche Reaktion löste im August die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, bei einem Singapur-Besuch aus. Sie forderte Wirtschaftsvertreter in Singapur auf, die LGBTQ-Community zu unterstützen, „da immer mehr amerikanische Unternehmen Niederlassungen in Singapur gründen“.

Das Innenministerium antwortete mit einer Warnung: Man wolle ausländische Unternehmen daran erinnern, „dass es ihnen zwar freisteht, die Vielfalt in ihren Unternehmen zu fördern, sie jedoch vorsichtig sein sollten, wenn sie sich für Themen einsetzen, die sozial spaltend sein könnten“.

Auch Premier Lee gibt sich bemüht, Schwulengegnern und religiösen Gruppen keine Angriffsfläche zu bieten. Er kündigte an, im Gegenzug zur Abschaffung des Paragrafen 377A in der Verfassung festzuschreiben, dass Ehen nur zwischen einer Frau und einem Mann geschlossen werden können – die Einführung einer Homo-Ehe würde damit vorerst unmöglich.

Singapur steht in Konkurrenz mit Deutschland

Internationale Firmen stehen bei Entsendungen nach Singapur damit weiter vor Problemen: Gleichgeschlechtliche Ehepartner von Mitarbeitern dürften wie bisher große Mühe bei der Visumsvergabe haben, um gemeinsam mit der entsendeten Person nach Singapur zu ziehen. Im Gegensatz dazu erlaubt Hongkong, Singapurs wichtigster Konkurrent im asiatischen Standortwettbewerb, Expats seit 2018, gleichgeschlechtliche Ehepartner mit ins Land zu nehmen.

Dabei ist sich Singapurs Regierung im Klaren darüber, dass sie sich anstrengen muss, um im Wettbewerb um hoch qualifizierte Fach- und Führungskräfte attraktiv zu bleiben. „Wir müssen uns darauf konzentrieren, Spitzenkräfte anzuziehen und zu halten, so wie wir uns darauf konzentrieren, Investitionen anzuziehen und zu halten“, sagte Lee in seiner Rede am Wochenende.

Er verwies dabei unter anderem auf die Konkurrenz aus Deutschland: Dort erlaube man qualifizierten ausländischen Fachkräften inzwischen bereits die Einreise, bevor sie einen Arbeitsplatz gefunden haben, sagte Lee erstaunt. „In diesem globalen Wettbewerb um Talente kann es sich Singapur nicht leisten, abgehängt oder zurückgelassen zu werden.“

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