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14.06.2022

16:54

Auslandsinvestitionen

Energiesicherheit und Konjunkturprogramme: Warum deutsche Firmen lieber in den USA investieren

Von: Katharina Kort

Angesichts schlechter Aussichten in Europa konzentrieren sich Konzerne wie Siemens, BASF, Evonik oder VW stärker auf den US-Markt. Dort locken großzügige Staatshilfen.

In den kommenden Monaten will VW mit der lokalen Fertigung seines Elektro-SUV ID.4 in Chattanooga starten. dpa

VW in den USA

In den kommenden Monaten will VW mit der lokalen Fertigung seines Elektro-SUV ID.4 in Chattanooga starten.

New York Erst vor zwei Wochen hat Bonnie Tully, die US-Präsidentin des Essener Spezialchemie-Konzerns Evonik, ihre nächste Investition verkündet: Für insgesamt 220 Millionen Dollar wird Evonik im Bundesstaat Indiana zusammen mit der US-Regierung eine neue Produktionsstätte für Lipide für mRNA-Therapien bauen. Die Lipide von Evonik sind schon heute ein wichtiger Bestandteil der Covid-Impfstoffe von Biontech/Pfizer.

Mit 3,5 Milliarden Euro ist Tully für fast ein Viertel des gesamten Konzernumsatzes von Evonik verantwortlich. Und das US-Geschäft wird auch trotz der düsteren Aussichten auf dem Weltmarkt weiter wachsen. „Wie erwarten weiteres Wachstum, weil wir uns auf innovative Lösungen in Wachstumsbranchen wie Gesundheit oder Tiernahrung konzentrieren“, erklärt die US-Chefin. Gerade in der Gesundheitsbranche sei Amerika „ein entscheidender Markt, weil die meisten Pharma-Innovatoren in der Region sind“.

Tully steht mit ihrem Optimismus nicht allein da. Viele deutsche Unternehmen sehen in den USA noch einen Lichtblick in einem insgesamt düsteren konjunkturellen Umfeld. Zwar hat der CEO der Großbank JP Morgan Jamie Dimon erst vor Kurzem vor einem möglichen „ökonomischen Hurrikan“ gewarnt, der auch die USA treffen könnte. Und auch der Präsident von Goldman Sachs, John Waldron, prophezeit „schwierigere wirtschaftlichen Zeiten“. Aber insgesamt erscheint die Lage in den USA vielen deutschen Managern doch noch deutlich besser als anderswo.

Auch in der jüngsten Umfrage der deutschen Außenhandelskammern in aller Welt schnitt Nordamerika mit Abstand am besten ab. 36 Prozent der Unternehmen rechneten im April damit, dass dieses Jahr besser laufen wird als das letzte, und nur 22 Prozent erwarten eine Verschlechterung.

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    Die Inflation liegt zwar in den USA derzeit mit 8,6 Prozent so hoch wie seit vier Jahrzehnten nicht mehr. Damit drohen Zinserhöhungen, die die Konjunktur bremsen könnten. Aber bisher liegt die Arbeitslosigkeit mit 3,6 Prozent extrem niedrig, die Nachfrage der Verbraucher ist immer noch stark. Außerdem fließt durch das billionenschwere Infrastrukturpaket, das die Regierung im vergangenen Jahr beschlossen hat, über die kommenden Jahre Geld in die Wirtschaft. Auch die Bemühungen, die Produktion wegen problematischer Lieferketten stärker in die USA zu verlagern, dürften dem US-Markt helfen.

    Die Ökonomen der Deutschen Bank sehen die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den USA in den kommenden zwölf Monaten bei weniger als fünf Prozent, im Jahr danach bei weniger als 20 Prozent.

    VW investiert weiter

    „Ich habe bisher von keinem unserer Mitglieder gehört, dass sie ihre Investitionen hier zurückschrauben“, sagt auch Dietmar Rieg, Geschäftsführer der deutsch-amerikanischen Handelskammer (GACC) in New York. Es komme aber stark auf die Branchen an, in denen die Unternehmen unterwegs seien. Bei Windkraft und alternativen Energien etwa gebe es enormes Interesse in den USA.

    „Wir wären naiv zu sagen, dass es derzeit keine Probleme gibt“, meint der CEO von Volkswagen of America, Scott Keogh. „Aber wir werden weiter investieren“, sagt Keogh. Schließlich hätten sich die jüngsten Investitionen gerechnet.

    VW hat in den vergangenen zehn Jahren 3,5 Milliarden Dollar in seinen Standort Chattanooga in Tennessee investiert und ist heute nach vielen Jahren wieder profitabel. In den kommenden Monaten will VW mit der lokalen Fertigung seines Elektro-SUV ID.4 in Chattanooga starten.

    Siemens profitiert vom Infrastrukturpaket

    Das boomende Geschäft der E-Autos stimmt auch die Siemens-US-Chefin Barbara Humpton optimistisch. Das liegt auch an den enormen staatlichen Hilfen in dem Segment. „Wir befinden uns an einem historischen Moment in Amerika, in dem ein von beiden Parteien beschlossenes Infrastrukturpaket mit Mitteln von mehr als einer Billion Dollar implementiert wird“, sagt sie.

    „Deshalb bauen wir unsere Kapazitäten auf, um mit Partnern auf lokaler und nationaler Ebene überall in den USA zusammenzuarbeiten, um die Bahnstrecken, die Elektrifizierung des Transportsystems zu verbessern, das Stromnetz zu verstärken und die Produktionsstätten zu stärken“, erklärt die Siemens-Chefin.

    Allein bei den E-Autos sehe das Infrastrukturpaket fünf Milliarden vor, um das Ladenetz auszubauen, erklärt Humpton. Schon heute habe Siemens 75.000 Ladestationen in 50 Staaten errichtet. „Wir haben zugesagt, in den nächsten vier Jahren eine Million Ladestationen zu bauen“, sagt die Siemens-US-Chefin.

    „Momente der Disruption schaffen die größten Chancen, die Zukunft zu gestalten. Ich glaube fest daran, dass das für den US-Markt zutrifft“, sagt Humpton. Im verarbeitenden Gewerbe etwa drängten Demokraten und Republikaner gleichermaßen darauf, die Produktion stärker in den USA anzusiedeln. Investition wie die in Halbleiter würden der Industrie vor Ort helfen „und sogar noch größeres Wachstum in den USA ermöglichen“, ist die Siemens-Chefin überzeugt.

    BASF-Chef lobt die Energiesicherheit

    BASF-US-CEO Michael Heinz weist daraufhin, dass angesichts der aktuellen Energiekrise in Europa die USA einen deutlichen Vorteil hätten, „wenn es um die lokale Verfügbarkeit von Rohstoffen und Ressourcen geht“. Das gilt vor allem im Energiebereich. Dort haben die vergangenen Regierungen dafür gesorgt, dass die USA – auch dank der umstrittenen Frackingtechnologie – vom Energieimporteur zum -exporteur geworden sind.

    „Dieser Wettbewerbsvorteil wird verstärkt durch einen großen politischen Ehrgeiz, die Fertigung zurück in den heimischen Markt zu holen, sowie durch die Förderung von erneuerbaren Energien und Maßnahmen zur Dekarbonisierung“, erklärt Heinz. All diese Initiativen förderten das Wachstum in den USA, auch wenn es mit Blick auf die großen Risiken der Zinssteigerung und Inflation den USA aber keineswegs besser ginge als anderen Regionen.

    „Die USA bleiben für BASF ein attraktiver Markt, und wir investieren weiterhin in unser Geschäft in der Region“, stellt Heinz klar. „Insgesamt fließen 15 Prozent unserer globalen Investitionsausgaben – rund 25,6 Milliarden Euro von 2022 bis 2026 – nach Nordamerika.“

    „Immobilienmarkt ist in USA gesünder als in Deutschland“ 

    Auch für deutsche Immobilieninvestoren ist der US-Markt in diesen Zeiten attraktiver als der heimische Markt. „Wenn man es mit dem düsteren Szenario in Europa vergleicht, sieht die Lage in den USA deutlich besser aus“, sagt etwa Olaf Kunkat, Vorstandsvorsitzender des Immobilienentwicklers und Investors Newport, der in Deutschland und den USA investiert.

    „Wir konzentrieren unsere Investitionen derzeit fast komplett auf die USA“, erklärt er und nennt als einen Grund für seinen Optimismus die höhere Energiesicherheit in den USA. Aber auch die Erfahrung nach vergangenen Krisen stimmt Kunkat optimistisch: „Die US-Wirtschaft erholt sich in der Regel deutlich schneller. Der Markt hat eine enorme Anpassungskraft. Und das liegt auch daran, dass es weniger Regulierung gibt.“  

    Ob die deutschen Unternehmen mit ihrem Optimismus richtig liegen, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Auch der JP-Morgan-Chef Dimon wollte sich bei seiner Warnung noch nicht wirklich festlegen: „Wir wissen einfach nicht, ob es ein kleiner Sturm wird oder ein Hurrikan Sandy oder Andrew!“, stellte er klar. „Aber wir müssen uns wappnen.“

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