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12.09.2019

16:30

Auslandsinvestitionen

USA wollen Russland sanktionieren – und sind doch größter Investor

Von: Mathias Brüggmann

Die USA bedrohen Länder, die mit Russland Geschäfte machen, mit hohen Strafen. Dabei pumpen sie selbst mehr Geld ins Land als bislang angenommen.

Russland findet problemlos Finanzinvestoren. action press

Skyline von Moskau

Russland findet problemlos Finanzinvestoren.

Moskau Manchmal verbergen sich hinter kleinen Statistiken große Geschichten. In diesem Fall ist es sogar eine politisch äußerst relevante Geschichte. Nichts lässt US-Präsident Donald Trump unversucht, Staaten abzustrafen, die eine Politik betreiben, die amerikanischen Interessen widersprecht – das betrifft vor allem den Iran im Atomstreit, das betrifft China in Handelsfragen – und das betrifft Russland, jenen größten Flächenstaat, zu dem der US-Präsident ein besonders zwiespältiges Verhältnis pflegt.

Die US-Sanktionspolitik gegenüber Moskau jährt sich jetzt zum fünften Mal – und auch jetzt noch achtet Washington penibel darauf, dass das Sanktionsregime vor allem auch von Drittstaaten, etwa in Europa, eingehalten wird – sonst drohen auch diesen Strafen, wie etwa im Streit über die Ostseepipeline North Stream 2.

Umso verwunderlicher ist es, dass amerikanische Unternehmen selbst mit Abstand die größten Investoren in Russland sind. Nach der offiziellen Statistik der russischen Zentralbank sind diese zwar nur mit 3,1 Milliarden Dollar investiert. Tatsächlich ist der Wert aber 12,6-mal so groß: 39,1 Milliarden Dollar. Das belegen aktuelle Zahlen der UN-Handelsorganisation Unctad. Das Engagement deutscher Firmen etwa, die traditionell ein enges Verhältnis zu Russland pflegen, beträgt demnach nur 33,2 Milliarden Dollar.

Und das sind nur die ausländischen Direktinvestitionen (FDI) ohne die zusätzlich an den russischen Finanzmärkten investierten Milliarden. Angesichts dieser Zahlen stellt sich nicht nur die Frage, ob die Amerikaner ihr eigenes Sanktionsregime wirklich ernst nehmen. Diese Zahlen haben nach Ansicht der Uno-Experten auch „potenziell weitreichende Folgen für die Politik“. Denn solche Daten finden Berücksichtigung bei der künftigen Gestaltung von Sanktionen.

Es sei ein großer Unterschied, ob die USA nur 3,1 Milliarden oder ein Vielfaches investiert hätten, und das erklärt auch, warum die Trump-Regierung sich in vielen Bereichen bei Russland-Sanktionen zurückgehalten habe, meint auch Iwan Tkatschow von der Moskauer Wirtschaftsnachrichtenagentur Rosbusinessconsulting (RBC). Im Kreml sei damals sehr ernsthaft diskutiert worden, im Falle harter US-Strafmaßnahmen Sanktionen gegen in Russland tätige ausländische Firmen zu verhängen.

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„Die offizielle Statistik hat die amerikanischen Russland-Investitionen immer unterschätzt“, meinen auch die Experten der US-Unternehmensberatung EY. Die deutlich höheren FDI aus Amerika und mindestens 15 Milliarden Dollar US-Investments in russische Staatsanleihen hätten das US-Finanzministerium im Januar 2018 erneut vor einer deutlichen Verschärfung der Russland-Sanktionen abgehalten.

Die Behörde von US-Finanzminister Steven Mnuchin hielt damals den US-Kongress von einer Aufnahme russischer Staatsanleihen auf die Sanktionsliste ab.

Sanktionen wirken nicht

Zuletzt wurden auch die für Russland extrem wichtigen, in Rubel laufenden Obligationen der Russischen Föderation, die derzeit mit Kupons von fast sieben Prozent ausgegeben werden, von verschärften US-Sanktionen ausgenommen. Gut ein Drittel dieser OFZ (Treasury Bonds) genannten Kurzläufer halten ausländische Investoren – zumeist US-Pensionsfonds und Versicherungen.

Da die US-Regierung russische Euro-Staatsanleihen auf die Sanktionsliste gesetzt hat und amerikanische Investoren diese nun nicht mehr kaufen dürfen, rechnen Experten damit, dass das russische Finanzministerium nun verstärkt OFZ-Hochzins-Kurzläufer ausgeben werde. Im laufenden Jahr will Russland solche Papiere im Umfang von umgerechnet 34,8 Milliarden Dollar emittieren.

1998 musste Russland Staatsbankrott melden, weil es OFZ-Papiere im Volumen von 40 Milliarden Dollar nicht mehr bedienen konnte. Heute ist die Situation völlig anders: Die 2014 wegen der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim und Moskaus Militärintervention in der Ostukraine von der EU und den USA verhängten Sanktionen zeigen kaum noch Wirkung, so Gunter Deuber, Analyst bei der österreichischen Raiffeisen Bank International: Wer auf die Lage der russischen Banken, der Finanzmärkte insgesamt oder den Kurs der Landeswährung Rubel schaue, gewinne den Eindruck, als seien „die westlichen Sanktionen nicht weiter in Kraft“.

Erstmals konnte Russland am 1. August vermelden, dass es netto keine Schulden mehr habe. Die Verbindlichkeiten der Föderation, von Staatsgebieten und Städten machten mit 16,2 Billionen Rubeln (umgerechnet 250 Milliarden Dollar) fast 15 Prozent der Wirtschaftsleistung (BIP) aus. Aber Währungs- und Goldreserven, Rücklagen im Nationalen Reservefonds, Haushaltsüberschüsse und andere Rücklagen machen nach Berechnungen der Zentralbank 16,2 Prozent des BIP (etwa 270 Milliarden Dollar) aus. Russland, dessen Wirtschaft im ersten Halbjahr nur noch um 0,7 Prozent gewachsen ist, ist damit eines der wenigen Staaten ohne Netto-Staatsverschuldung.

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Russische Staatsanleihen notierten auf Vor-Sanktions-Level, der Aktienkurs der staatlich dominierten Sberbank, des größten Geldhauses in Osteuropa, sogar höher. In den letzten Jahren hätte Russland für zehn bis 25 Milliarden Dollar Staatsanleihen ausgegeben – vor allem an ausländische Käufer. Zwar habe dieser Wert vor 2014 bei 30 bis 50 Milliarden Dollar gelegen, doch könnten sich russische Unternehmen und Banken, so die Russland-Analysten von Raiffeisen, ausreichend im Westen finanzieren. 

Auslandsinvestoren unbeeindruckt

Ein Blick auf die Realwirtschaft zeigt, dass die FDI nach Russland weiter steigen. Die US-Sanktionen hätten deutsche, in Russland engagierte Firmen nach Berechnungen der deutsch-russischen Auslandshandelskammer (AHK) in Moskau zwar mehrere Milliarden Dollar gekostet. Doch 2018 investierten deutsche Firmen mit 3,2 Milliarden Euro dort die höchste Summe seit einem Jahrzehnt. Auch der deutsch-russische Handel war voriges Jahr um 8,4 Prozent auf 61,9 Milliarden Euro gestiegen.

Wie komplex und teilweise irreführend die Investitionsstatistiken sind, zeigt auch ein Blick auf Deutschland. Während die Unctad das Volumen deutscher Russlandinvestitionen mit 33,2 Milliarden Dollar angibt (bis Ende 2017), weist die Bundesbank für diesen Zeitpunkt 21,3 Milliarden Euro (25,6 Milliarden Dollar) und die russische Zentralbank sogar nur 18,1 Milliarden Dollar aus. Nach Berechnungen von Unctad-Ökonom Bruno Casella überschätze die offizielle russische Statistik Investoren aus Offshore-Zonen und sehe nicht die wahre Herkunft der Investoren.

So weist die Statistik von Russlands Notenbank aus, dass 68 Prozent der insgesamt 407 Milliarden Dollar FDI innerhalb von drei Jahrzehnten aus Offshore-Paradiesen wie Zypern, den Virgin Islands, Bermuda und Bahamas stammten – mit allein 124,6 Milliarden Dollar ist demnach Zypern der größte Russland-Investor. Doch diese Zahlen berücksichtigten laut Casella nicht, dass hinter diesen angeblichen Investoren Firmen aus anderen Staaten oder sogar aus Russland selbst (28,6 Milliarden Dollar) stünden. Auch kämen Reinvestitionen von Gewinnen ausländischer Firmen im Land in offiziellen Statistiken nicht vor, aber im neuen Unctad-Prinzip „ultimate investing country“.

Russische Unternehmer nutzen Offshore-Zonen, um über Investitionen von dort Vorteile als Auslandsinvestoren zu bekommen und mehr Rechtssicherheit vor Übernahmen durch russische Kriminelle oder staatliche Akteure. So haben Russen laut der Notenbank 172 Milliarden Dollar allein in Zypern investiert.

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Neben Zypern und anderen sind nach den neuen Berechnungen auch die Investitionen aus der Schweiz oder den Niederlanden – laut der russischen Zentralbank der zweitgrößte Auslandsinvestor in Russland – deutlich überhöht: Statt 40,6 Milliarden Dollar hätten reale holländische Firmen nur 28,7 Milliarden Dollar dort investiert.

Die dieses Jahr eröffnete Fabrik des amerikanischen Technologiekonzerns Honeywell zählt auch nicht als amerikanische Russland-Investition in der offiziellen Zentralbank-Statistik, da sie über eine russische juristische Person der Singapur-Tochter des US-Konzerns finanziert wurde.

Die Unctad-Zahlen belegen, dass aber nicht nur Russen und Amerikaner gern Offshore-Paradiese als Umweg für ihre Investitionen nutzen, sondern auch deutsche und chinesische Firmen. China habe anstatt der offiziell 3,6 Milliarden tatsächlich 36 Milliarden Dollar in Russland investiert, hat Oleg Remyga, Leiter der China-Abteilung der Business-School in der russischen Technologiestadt Skolkowo, errechnet. Chinesische Investoren nutzten dabei genauso gern wie westliche Wettbewerber Umwege für ihre Investments über Zypern und die Jungferninseln.

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