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26.07.2019

14:25

Boris Johnson bekämpfte den Brexit-Deal, den seine Vorgängerin Theresa May in Brüssel ausgehandelt hat. dpa

Boris Johnson

Boris Johnson bekämpfte den Brexit-Deal, den seine Vorgängerin Theresa May in Brüssel ausgehandelt hat.

Brexit

Verhandlungsexperte warnt: Diesen Fehler darf die EU mit Boris Johnson nicht machen

Von: Christian Rothenberg

Der britische Premierminister ist neu im Amt, die EU-Kommissionschefin ebenfalls: Ein Experte analysiert die Auswirkungen auf die Brexit-Verhandlungen.

Düsseldorf Der Verhandlungsexperte Thorsten Hofmann rechnet nicht damit, dass die Brexit-Verhandlungen für die EU mit dem neuen Premierminister schwieriger werden als bisher. „Mit Boris Johnson gibt es einen neuen Premierminister, aber das ändert ja nichts an der Haltung der EU“, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Nur weil ein Verhandlungspartner gewechselt habe, müsse deshalb nicht der ausgehandelte Brexit-Deal wieder aufgeschnürt werden. „Die EU hat Nachverhandlungen ausgeschlossen, darauf muss sie nun beharren.“

Er rät der EU, sich von den Provokationen und Drohungen des neuen britischen Regierungschefs nicht beeindrucken zu lassen. „Um Umgang mit einer Person wie Johnson ist Unnachgiebigkeit besonders wichtig“, sagte Hofmann. „Wenn er Schwäche wittert, wird er nachsetzen und dieses Muster immer wieder anwenden.“ Johnson provoziere die EU bewusst, um zu testen, was die EU bereit sei zu tun, um einen harten Brexit zu vermeiden.

Hofmann hält es für einen Fehler, dass die neue EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen eine erneute Verschiebung des Austrittsdatum in Aussicht gestellt hat. „Das ist insofern problematisch, weil sich die EU schon auf ein Ultimatum geeinigt hatte, auf den 31. Oktober.“ Von der Leyen müsse vorsichtig sein, welche Signale sie sende.

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Mit Premierminister Boris Johnson und EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen wurden zwei Schlüsselpositionen neu besetzt. Werden die Brexit-Verhandlungen jetzt einfacher oder schwieriger?

Hofmann hat Psychologie, Kriminologie und Wirtschaftswissenschaften studiert und ist ausgebildeter Verhandlungscoach. Er berät Unternehmen, Verbände und Politiker. Früher verhandelte Hofmann beim Bundeskriminalamt und Interpol mit Geiselnehmern und Erpressern. Im vergangenen Jahr hat er das Buch „Das FBI-Prinzip: Verhandlungstaktiken für Gewinner“ veröffentlicht. Advice Partners GmbH

Thorsten Hofmann

Hofmann hat Psychologie, Kriminologie und Wirtschaftswissenschaften studiert und ist ausgebildeter Verhandlungscoach. Er berät Unternehmen, Verbände und Politiker. Früher verhandelte Hofmann beim Bundeskriminalamt und Interpol mit Geiselnehmern und Erpressern. Im vergangenen Jahr hat er das Buch „Das FBI-Prinzip: Verhandlungstaktiken für Gewinner“ veröffentlicht.

Thorsten Hofmann: Es wird wahrscheinlich gar nicht viel ändern. Mit Boris Johnson gibt es einen neuen Premierminister, aber das ändert ja nichts an der Haltung der EU. Die Frage ist, ob die Verhandlungen überhaupt nochmal in Gang kommen. Johnson ist in sein Amt gekommen, weil er alle Lösungsvorschläge seiner Vorgängerin Theresa May abgelehnt und dafür Mehrheiten organisiert hat. Er sagt: Wir können die EU auch ohne Austrittsabkommen verlassen.

Boris Johnson steht für einen konfrontativeren Kurs als May und hält den No-Deal-Brexit als Drohszenario im Spiel. Kann Provokation eine erfolgreiche Verhandlungstaktik sein?
Provokation kann insofern eine erfolgreiche Taktik sein, wenn man damit versucht, die Abhängigkeit der Gegenseite zu testen. Die Situation ist ja so: Zwei Parteien haben an einem Gegenstand unterschiedliche Interessen und wissen, dass sie das Ziel nur gemeinsam erreichen. Daraus ergibt sich eine gegenseitige Abhängigkeit. Johnson versucht, von der EU eine Reaktion zu provozieren, um zu sehen, was die EU bereit ist zu tun, um einen harten Brexit zu vermeiden.

Johnson wird etwas Vorzeigbares mit nach Hause bringen müssen. Er hat aber womöglich schon viel Vertrauen verspielt, bevor er zum ersten Mal nach Brüssel gefahren ist. Auf die Bereitschaft, ihm etwas zu geben, dürfte sich das nicht positiv auswirken.
Johnsons Vorgehen hat extremste Risiken, das passt aber zu seinem Wesen. Von der psychologischen Seite ist er eine interessante Person. Er hat einen großen Selbstbezug, alles dreht sich um ihn, deshalb kann man bei ihm eindeutig von Narzissmus sprechen. Ich würde bezweifeln, dass es ihm um die Interessen seines Landes geht. Sein ganzes Leben war danach ausgerichtet, in dieses Amt zu kommen. Durch sein Verhalten hat er die Beziehungen zur EU bereits nachhaltig verschlechtert. Das macht es schwierig, wieder in die Verhandlung hineinzukommen. Johnsons Problem ist: Er hat zu Hause so viel versprochen, dass er etwas liefern muss. Es ist jedoch nicht das Problem der EU, dass das Ergebnis der Verhandlungen in Großbritannien nicht akzeptiert wird.

Was würden Sie als Verhandlungsexperte der EU und der neuen Kommissionschefin Ursula von der Leyen raten, wie sie mit so einem Mann verhandeln sollte?
Von der Leyen muss vorsichtig sein, welche Signale sie sendet. Sie hat gesagt, dass sie bereit wäre, das Austrittsdatum noch einmal zu verschieben. Das ist insofern problematisch, weil sich die EU schon auf ein Ultimatum geeinigt hatte, auf den 31. Oktober. Außerdem sollte von der Leyen die Hauptebene der Verhandlungen dort belassen, wo sie bisher waren – nämlich bei EU-Chefunterhändler Michel Barnier. Er hat von allen Regierungschefs ein klares Verhandlungsmandat bekommen, dass nicht aufgeweicht werden sollte. Ansonsten würde Johnson die Erosion in der Machtkonstellation der EU ausnutzen. Ebenfalls fatal wäre es, Johnsons Provokationen und Drohungen nachzugeben.

Was würde dann passieren?
Wenn Johnson Schwäche wittert, wird er nachsetzen und dieses Muster immer wieder anwenden. Im Umgang mit einer Person wie Johnson ist Unnachgiebigkeit besonders wichtig. Nur weil ein Verhandlungspartner gewechselt hat, heißt das nicht, dass man den abgeschlossenen Vertrag wieder aufschnüren muss. Die EU hat Nachverhandlungen ausgeschlossen, darauf muss sie nun beharren. Ansonsten würde man Boris Johnson unnötig den Rücken stärken.

Mehr: Boris Johnson will den EU-Austrittsvertrag neu verhandeln. Doch die anderen EU-Staaten machen bisher keine Anstalten, sich zu bewegen.

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