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11.10.2018

16:31 Uhr

Bundespräsident in Athen

Schatten der Vergangenheit holen Steinmeier auf seiner Griechenland-Reise ein

VonGerd Höhler

Der Bundespräsident will bei seinem Staatsbesuch in Griechenland nach vorn blicken. Aber die Geschichte holt den deutschen Gast immer wieder ein.

Bei seinem Griechenland-Besuch sprach der Bundespräsident mit dem griechischen Präsidenten nur am Rande über Griechenlands Reparationsforderungen. Reuters

Frank-Walter Steinmeier und Prokopis Pavlopoulos (v.l.)

Bei seinem Griechenland-Besuch sprach der Bundespräsident mit dem griechischen Präsidenten nur am Rande über Griechenlands Reparationsforderungen.

AthenZwei Besuche eines Bundespräsidenten in weniger als zwei Jahren: Das hat es in den Annalen der deutsch-griechischen Beziehungen bisher nicht gegeben. Jetzt ist es so weit: Nachdem Frank-Walter Steinmeier schon Anfang April 2017 – nur drei Wochen nach seinem Amtsantritt – zum Antrittsbesuch nach Athen reiste, begrüßte der griechische Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos seinen „lieben Freund Frank-Walter“ bereits zum zweiten Mal in Athen.

Als Außenminister hatte Steinmeier zuvor drei Mal Griechenland besucht. Man merkt: Das Land und seine Menschen liegen ihm am Herzen.

Wenn Staatsbesuche „Ausdruck der Qualität der bilateralen Beziehungen“ sind, wie es auf der Internetseite des Bundespräsidialamtes heißt, sind die deutsch-griechischen Beziehungen entweder besonders gut – oder besonders verbesserungsbedürftig.

Steinmeier spielte darauf an, als er bei seinem gemeinsamen Auftritt mit Pavlopoulos vor den Medien sagte, die häufigen Treffen seien „Ausdruck der engen Beziehungen“, aber auch ein Hinweis darauf, dass es „Potenzial für Verbesserungen“ gebe – eine Anspielung auf das, was Steinmeier „keine einfachen Jahre“ nennt. Die Schuldenkrise hat einen Keil zwischen beide Völker getrieben.

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Der Euro sollte nicht nur die Ökonomien, sondern auch die Völker der Währungsunion einen. Aber Deutsche und Griechen hat er entzweit. „Betrüger in der Euro-Zone“ titelte im Februar 2010 das Magazin „Fokus“ und bildete auf dem Titel die Liebesgöttin Aphrodite mit Stinkefinger ab.

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Eine große deutsche Boulevardzeitung empfahl, statt nach Hilfskrediten zu rufen, sollten die Griechen doch lieber „ihre Inseln verkaufen, und die Akropolis gleich mit“. Griechische Medien schossen zurück – vor allem gegen Kanzlerin Angela Merkel, die man in Griechenland als treibende Kraft hinter dem „Spar-Diktat“ sah, das dem Land die längste und tiefste Rezession der Nachkriegsgeschichte bescherte.

Zeitungen bildeten Merkel mit Hitlerbärtchen und SS-Uniform ab. Ein Karikaturist zeichnete Merkel als Zirkusdompteuse, die mit knallender Peitsche griechische Rentner zum Sprung durch einen brennenden Reifen antreibt.

Premier Tsipras sprach beim Treffen mit Steinmeier von der „Notwendigkeit, die acht Jahre der Krise mit ihren Stereotypen, die das Verhältnis zwischen Griechenland und Deutschland vergiftet haben, hinter uns zu lassen“.

Steinmeier sagte anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Athen: „Wir sind viele Schritte aufeinander zugegangen, und ich habe das Gefühl, wir können uns wieder freundlich und offen in die Augen sehen.“

Tatsächlich: Von ihrem Tiefpunkt haben sich die Beziehungen erholt. Aber sie bleiben gespannt. Denn da ist noch eine andere, übermächtige Vergangenheit.

Über jedem Griechenland-Besuch eines deutschen Bundespräsidenten liegt der dunkle Schatten der Geschichte. Auch wenn es ein strahlender Spätsommertag ist wie dieser. Bei Sonnenaufgang brachen Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender vom Hotel Grande Bretagne am Athener Syntagmaplatz auf.

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Ihr Ziel war die Arbeitervorstadt Chaidari im Nordwesten Athens. Hier begann, noch vor der offiziellen Begrüßung mit militärischen Ehren, der Besuch des Bundespräsidenten in Griechenland. Die Fahrt nach Chaidari führte Steinmeier 74 Jahre zurück in die Vergangenheit. „Block 15“ heißt das weißgestrichene Gebäude. Es gehört zu einem Kasernenkomplex, der 1943 von den deutschen Besatzern als Haftlager eingerichtet wurde.

Über 20 solcher Gefängnisse gab es im besetzten Griechenland. Chaidari war das berüchtigtste. Nahrungsentzug, Zwangsarbeit, Folterungen, willkürliche Exekutionen – die Griechen sprachen damals von Chaidari als dem „Herz der Hölle“. Zwischen dem Herbst 1943 und der Auflösung des Lagers im September 1944 wurden hier etwa 25.000 Menschen inhaftiert.

Tausende Gefangene, vor allem griechische Juden aus Athen sowie von den Inseln Korfu, Rhodos und Kos, wurden über das Durchgangslager Chaidari in die Vernichtungslager nach Deutschland und Polen deportiert.

Vergangenheit ist immer gegenwärtig

Steinmeier und seine Ehefrau Elke Büdenbender besuchten Chaidari allein. Das Ehepaar legte an der Gedenktafel ein Blumengebinde nieder. Journalisten waren, bis auf einen offiziellen Fotografen und ein Kamerateam des griechischen Staatsfernsehens, nicht zugelassen. Es gab keine Reden, keine Pressestatements. Das nahm diesem Besuch Publizität – und gab ihm Bedeutung.

Die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg liegt schon ein Dreivierteljahrhundert zurück. Aber diese Vergangenheit ist immer gegenwärtig, wenn ein deutscher Staatsgast nach Griechenland kommt. Seit Jahrzehnten streiten beide Länder um Reparationen für die Zerstörungen der Kriegsjahre und die Gräueltaten der Besatzer.

Erst kürzlich hatten Regierungschef Alexis Tsipras und Parlamentspräsident Nikos Voutsis das Thema öffentlich und mit Nachdruck zur Sprache gebracht. Bei seinem gemeinsamen Auftritt mit Steinmeier redet Pavlopoulos am Donnerstag lang und über viele Themen, lobt die „ausgezeichneten bilateralen Beziehungen“.

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Aber die heikle Reparationsfrage spricht er mit keiner Silbe an. In seiner Tischrede beim abendlichen Staatsbankett erwähnt Pavlopoulos das Thema laut Redemanuskript zwar, aber eher beiläufig. 

Auch Premier Tsipras übte beim folgenden Treffen mit Steinmeier Zurückhaltung. Er sprach von einem „Neubeginn in den griechisch-deutschen Beziehungen“ und streifte die Reparationsfrage nur mit dem Hinweis, man dürfe „Differenzen aus der länger zurückliegenden Vergangenheit nicht vergessen oder unter den Teppich kehren“ sondern müsse sie „auf der Basis des Völkerrechts lösen“. Das klang fast versöhnlich.

Der Bundespräsident erinnerte an die „unvorstellbaren Grausamkeiten“, die im Gefangenenlager Chaidari und andernorts in Griechenland „im Namen meines Landes, Deutschlands begangen worden sind.“ Er verneige sich vor den Opfern, sagte Steinmeier, „aber vor allem bitten wir um Verzeihung hier in Griechenland für das, was geschehen ist.“

Vom Tisch ist das Thema der Reparationen damit nicht. Im November kommt es auf die Tagesordnung des griechischen Parlaments. Die Abgeordneten sollen beraten, wie man die Forderungen von Deutschland eintreiben kann. Es geht um gewaltige Summen.

Forderungen von angeblich 376 Milliarden Euro

Wurden bisher Beträge von 260 bis 300 Milliarden Euro genannt, beziffert ein noch geheimer Ausschussbericht die Forderungen angeblich auf 376 Milliarden. Damit könnte Griechenland seine gesamten Staatsschulden auf einen Schlag bezahlen und hätte sogar noch rund 30 Milliarden übrig.

Was zur Reparationsfrage offiziell zu sagen ist, hat Steinmeier bereits bei seinem ersten Staatsbesuch in Griechenland im Frühjahr 2017 erklärt, nämlich dass „für Deutschland das Thema völkerrechtlich abgeschlossen ist“. Steinmeier sagte damals allerdings auch: „Die Geschichte ist niemals abgeschlossen.“

Am Freitag fährt der Bundespräsident mit seinem Gastgeber Pavlopoulos in dessen Heimatstadt Kalamata an der Südwestspitze des Peloponnes. Dort besichtigt er die Ausgrabungen von Messini. Sie gelten als eine der schönsten archäologischen Stätten Griechenlands. Aber auch bei dem Ausflug in die Antike holt den Bundespräsidenten eine andere Geschichte ein.

Steinmeiers Besuch in Kalamata fällt auf ein beziehungsreiches Datum: Am 12. Oktober 1944 verließen die Truppen der Wehrmacht Athen. Der Tag markiert damit das Ende der deutschen Besatzung Griechenlands.

Kommentare (1)

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Herr Hans Henseler

11.10.2018, 18:25 Uhr

Das Thema Reparationen ist voelkerrechtlich abgeschlossen, und wir sollten uns auf keine
Diskussion einlassen. Sonst muessten wohl irgendwann die Griechen Reparationen fuer die
Zerstoerung von Troia leisten. In der Finanzkrise hat Deutschland GR sehr geholfen - die
Forderungen, die nicht von Deutschland sondern von den internationalen Gremien gestellt
wurden, sind bis heute nicht voll erfuellt, aber die Forderungen, die durchgesetzt werden
konnten, haben den Griechen geholfen wieder einigermassen wettbewerbsfaehig zu werden
und ohne auslaendischen Druck waere dies nicht moeglich gewesen. Die Griechen haben
Grund uns dankbar zu sein.

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