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23.09.2021

05:29

China

Europäische Unternehmen in China warnen vor einer zunehmenden Abschottung der Volksrepublik

Von: Dana Heide

Firmen zeigen sich besorgt über Pekings Streben nach mehr Entkopplung von der Weltwirtschaft. Besonders die neuen Datenvorschriften bereiten den Unternehmen Kopfzerbrechen.

China schottet sich immer mehr vom Ausland ab. dpa

Wirtschaft in China

China schottet sich immer mehr vom Ausland ab.

Peking Europäische Firmen in China warnen vor einer zunehmenden Abschottung der Volksrepublik von der Weltwirtschaft. „Es gibt besorgniserregende Anzeichen, dass sich China wieder nach innen richtet“, warnte Jörg Wuttke, Präsident der EU-Kammer in Peking. Die Kammer hat am Donnerstag ein 417 Seiten langes Positionspapier veröffentlicht, in dem sie unter anderem vor den Folgen einer Entkopplung für Chinas Wirtschaft und ausländische Unternehmen in der Volksrepublik warnt.

„Chinas Plan, seine Eigenversorgung zu erhöhen, wird weiter zu Reibungen mit anderen großen Volkswirtschaften führen“, heißt es darin. Indem China die Rolle schmälere, die europäische Unternehmen in der chinesischen Wirtschaft spielten, würden sich Chinas Innovationsbemühungen verlangsamen.

Ausländische Firmen spielten als Arbeitgeber, Investoren und Innovationstreiber eine große Rolle in China, so Kammer-Präsident Wuttke. „Unsere Sorge ist: Wo ist unser Platz? Werden wir ausgeschlossen werden?“

In den vergangenen Monaten hatte Peking eine ganze Reihe von Weichen gestellt, die das Land unabhängiger von der Welt machen sollen. So setzt China auf das Konzept der „Dual Circulation“, das sich auch durch den im März verabschiedeten Fünfjahresplan zieht, der bis 2025 gilt.

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    Importe, insbesondere in der Hochtechnologie, sollen durch heimisch produzierte Alternativen substituiert werden. Dort, wo es keine chinesischen Unternehmen gibt, so der Plan, können die Produkte auch von ausländischen Unternehmen kommen, die in der Volksrepublik produzieren – aber nur so lange, bis China eigene Hersteller hat.

    Business-Class, Economy oder Frachtraum?

    Dabei sind ausländische Unternehmen unterschiedlich stark betroffen, je nachdem, in welcher Branche sie arbeiten. In dem Positionspapier der EU-Kammer werden sie drei Kategorien zugeordnet: Business-Class, Economy und Frachtraum. Zur Business-Class gehören demnach Unternehmen in solchen Bereichen, in denen China ausländische Technologie oder Know-how benötigt, um seine Wertschöpfungsketten zu verbessern. Dazu zählten etwa Chemie- und Finanzdienstleistungen.

    Unter die Economy-Class fielen die meisten Business-to-Consumer-Unternehmen, heißt es in dem Papier. Diese Unternehmen seien zumindest jetzt noch willkommen, allerdings seien sie der Gefahr von Boykotts ausgesetzt, wie der deutsche Sportartikelhersteller Adidas kürzlich erfahren musste. Unternehmen in Branchen, in denen China Autarkie anstrebt oder will, dass seine nationalen Champions weltweit dominieren, werden im Frachtraum sitzen müssen, wenn sie überhaupt reingelassen werden.

    Die EU-Kammer betonte die Bedeutung des chinesischen Marktes für die europäischen Unternehmen. In diesem Jahr seien die Geschäfte ausländischer Firmen in der Volksrepublik „unglaublich gut“ gelaufen, so Wuttke. China werde auch in den nächsten Jahren noch stark wachsen, und unter den europäischen Unternehmen sei klar, dass man auf dem chinesischen Markt sein müsse. Bei einer Umfrage der EU-Handelskammer in Peking, die im Juni veröffentlicht worden war, hatten 59 Prozent der befragten Firmen angegeben, dass sie über eine Ausweitung ihrer Geschäfte in China nachdenken. Lediglich neun Prozent wollten ihre Investitionen in China streichen oder in andere Märkte investieren.

    Zweifel an Chinas künftigem Wachstumskurs

    Doch es gibt auch Zweifel am künftigen Wachstumskurs. Beobachter sehen, dass die Staatsführung derzeit das Streben nach mehr Kontrolle über das Wachstum der Wirtschaft stellt. In den vergangenen Monaten hatte Peking die Freiheiten der Privatwirtschaft stark beschränkt, nicht nur im Tech-Sektor, sondern auch in anderen Bereichen wie etwa der Bildungsbranche. Peking habe auch nach Wegen gesucht, um ausländische Unternehmen vom Markt auszuschließen, wie etwa bei Medizingeräten, heißt es von der EU-Kammer.

    Kopfzerbrechen bereiten den Unternehmen auch die umfassenden Reisebeschränkungen für Einreisen in die Volksrepublik, die seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie gelten. China verfolgt bei der Bekämpfung der Pandemie eine Null-Fall-Strategie. Lokalen Ausbrüchen wird mit drakonischen Maßnahmen wie wochenlangen Ausgangssperren für ganze Stadtteile begegnet.

    Zwar können ausländische Wirtschaftsvertreter mit gültiger Aufenthaltsgenehmigung nach China einreisen. Sie müssen sich allerdings bei Ankunft einer zwei- bis dreiwöchigen Quarantäne in einem Hotelzimmer unterziehen, das sie während der Zeit nicht verlassen dürfen. Die strengen Einreisebedingungen haben zur Folge, dass viele dem Land komplett den Rücken kehren. Die Zahl der Expats nimmt immer weiter ab.

    Europäische Unternehmen berichten zudem, so heißt es in dem Positionspapier der EU-Kammer, dass die Herausforderungen im Zusammenhang mit Chinas erweiterter Definition von „nationaler Sicherheit“ und seinem Ziel, einen höheren Grad an Autarkie zu erreichen, „erheblich zugenommen“ haben.

    „Wir sind hier keine Gäste, wir sind ein integraler Bestandteil der chinesischen Wirtschaft“, so Wuttke. „Deshalb haben wir jedes Recht, unsere Bedenken zu äußern, wenn wir glauben, dass wir Probleme haben, hier im Spiel zu bleiben.“

    Die EU-Kammer warnte vor den Folgen der Abschottung. Weniger Diversifikation werde am Ende zu höheren Kosten und suboptimalen Lösungen führen. Auch das Streben Chinas, Marktführer in Hochtechnologien zu werden, sei gefährdet. Der Austausch von Experten werde beeinträchtigt. Insbesondere die neuen Datenschutzbestimmungen würden zudem dazu führen, dass ausländische Unternehmen weniger Grundlagenforschung in China betreiben werden.

    Auch die zunehmenden globalen politischen Spannungen besorgen die Unternehmen. Die USA haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Sanktionen erlassen, die es Firmen untersagen, mit bestimmten chinesischen Unternehmen Geschäfte zu machen. China wiederum hatte im Juni ein neues Anti-Sanktions-Gesetz verabschiedet. Die neuen Regeln wurden so interpretiert, dass sie es China ermöglichen, Unternehmen in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt zu bestrafen, wenn diese sich an Sanktionen aus dem Ausland halten. Dieses Spannungsfeld könne ein Grund für ausländische Firmen sein, China zu verlassen und nicht mehr in die Volksrepublik zu investieren, warnte Wuttke.

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