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09.11.2021

17:45

COP26 in Glasgow

Kohleausstieg, Finanzhilfen, Wälder – Das wurde auf der Weltklimakonferenz bisher erreicht

Von: Silke Kersting, Klaus Stratmann, Carsten Volkery

Aktivisten beklagen das Schneckentempo der Staaten beim Klimaschutz. Doch in einigen Bereichen hat die COP in Glasgow die Erwartungen übertroffen.

Die Staaten haben sich unter anderem auf zusätzliche Finanzhilfen, die Reduktion des Methan-Ausstoßes und das Ende der Waldrodung verständigt. dpa

UN-Klimakonferenz COP26 in Glasgow

Die Staaten haben sich unter anderem auf zusätzliche Finanzhilfen, die Reduktion des Methan-Ausstoßes und das Ende der Waldrodung verständigt.

Berlin, London Der britische Premierminister Boris Johnson liebt einfache Slogans. Auch für die Weltklimakonferenz in Glasgow hat sich der Gastgeber ein griffiges Motto ausgedacht: „Coal, Cars, Cash and Trees“. Auf diesen vier Feldern – Kohleausstieg, E-Mobilität, Finanzhilfen und Wälder – will er vorzeigbare Erfolge erzielen.

Doch wie konkret fallen die Fortschritte bisher aus? In der zweiten Woche der COP26 laufen die Verhandlungen noch auf Hochtouren. Drei Tage vor dem Ende lässt sich allerdings bereits eine Zwischenbilanz ziehen.

1. Finanzhilfen

Die Industrienationen hatten sich auf der Weltklimakonferenz in Kopenhagen 2009 dazu verpflichtet, bis zum Jahr 2020 die Klimahilfen an ärmere Länder auf 100 Milliarden Dollar aufzustocken. Dieses Ziel wurde bis Glasgow verfehlt – und soll stattdessen nun bis 2023 erreicht werden. Immerhin gab es einige neue Zusagen, unter anderem von Großbritannien, Dänemark und Japan. Deutschland zählt bereits zu den größten Zahlern.

Eine Gruppe afrikanischer Länder, unterstützt von großen Schwellenländern wie China und Indien, hat jedoch bereits ein neues Ziel im Visier: Bis 2030 müssten die Klimahilfen auf 1,3 Billionen Dollar jährlich steigen, forderten sie in Glasgow. Eine verlässliche Finanzierung sei die Grundvoraussetzung dafür, dass ärmere Länder ihre Wirtschaft umbauen könnten.

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    Auf eine solche Summe wollen sich die Industrienationen jedoch nicht festlegen. Dabei hält auch der Weltklimarat IPCC jährliche Ausgaben in Billionenhöhe für unerlässlich, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit zu begrenzen.

    Neben den Staaten setzt ebenso der private Sektor verstärkt auf die Verbindung von Finanzen und Klimaschutz: In Glasgow versprachen 450 der größten Banken, Vermögensverwalter und Versicherer, ihr Kapital von 130 Billionen Dollar zunehmend klimaneutral einzusetzen. Klimaschützer bemängeln allerdings, dass die Umschichtung viel zu langsam passiert und es keine klare Definition von nachhaltigen Investments gibt.

    2. Kohleausstieg

    40 weitere Staaten – darunter Polen, die Ukraine, Indonesien, Vietnam und Südkorea – schlossen sich in Glasgow dem sogenannten „Coal-to-Clean-Statement“ an. Damit wollen nun 190 Länder langfristig auf die Kohleverstromung verzichten. Das klingt so, als sei das Ende der Kohle beschlossene Sache, doch Fragezeichen bleiben. 

    Man sehe die Notwendigkeit, „dringend die Verbreitung sauberer Energie zu forcieren“, heißt es in der Erklärung der 40 Staaten. Dazu gehört, nicht mehr in neue Kohlekraftwerke zu investieren und alte Kraftwerke schrittweise stillzulegen. In den 2030er-Jahren wollen demnach die Industriestaaten aus der Kohle aussteigen, in den 2040er-Jahren auch die Entwicklungsländer, die allerdings zugleich zusätzliche Hilfen beim Umstieg auf saubere Energien einfordern.

    Großer Schönheitsfehler der Erklärung: Länder wie China, Indien und die USA haben sie nicht unterzeichnet. Doch gerade diese Staaten stehen für einen erheblichen Teil der CO2-Emissionen von Kohlekraftwerken, insbesondere China baut im eigenen Land eine Reihe neuer Kohlekraftwerke. Und Polen stellte umgehend klar, man werde erst Ende der 2040er-Jahre aus der Kohle aussteigen.

    Dennoch werten Experten die Fortschritte beim Kohleausstieg als Erfolg. „Natürlich erwarten wir mehr von China“, sagt Nick Mabey, Chef des Thinktanks E3G. Aber immerhin sei nun die Finanzierung von Kohlekraftwerken außerhalb Chinas komplett gestoppt. „Das ist ein riesiger Erfolg.“

    Vergangenen Donnerstag hatten 25 Länder und mehrere Banken erklärt, die Finanzierung fossiler Brennstoffe im Ausland bis Ende 2022 beenden und stattdessen in grüne Energien investieren zu wollen. Deutschland war dieser Allianz zunächst nicht beigetreten. Am Dienstag schloss sich die Bundesregierung der Initiative an.

    Angekündigt in Glasgow wurde auch ein Pakt zwischen Deutschland, Großbritannien, den USA, Frankreich und der EU mit Südafrika, um das Land bei der Energiewende zu unterstützen. Derzeit gewinnt Südafrika noch fast 90 Prozent seines Stroms aus der Verbrennung von Kohle – dabei ist Kohle der klimaschädlichste aller Energieträger. Bei den Ländern, die Kohle verstromen, liegt Südafrika weltweit auf Platz 6. Es gibt dort noch etwa 90.000 Minenarbeiter.

    Südafrika bezieht rund 90 Prozent seines Stroms aus Kohle. Bloomberg

    Kohleverstromung in Südafrika

    Südafrika bezieht rund 90 Prozent seines Stroms aus Kohle.

    Die Partnerschaft unterstützt die Dekarbonisierung der südafrikanischen Stromproduktion und den Einstieg in erneuerbare Energien. Die Hoffnung: dass ein erfolgreicher Kohleausstieg in Südafrika zu einer Blaupause für andere Regionen wird. Ohne einen weltweiten Kohleausstieg lässt sich das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad im vorindustriellen Vergleich zu begrenzen, nicht erfüllen.

    Insgesamt sind in den kommenden fünf Jahren 8,5 Milliarden US-Dollar an Unterstützung vorgesehen, ein Großteil davon als Kredite. Auch private Mittel und Mittel der Weltbank wollen die Partner mobilisieren, um den Einsatz neuer sauberer Technologien, einschließlich grünem Wasserstoff, in Südafrika zu fördern. Deutschland steuert 700 Millionen Euro bei, 670 davon das Bundesentwicklungsministerium.

    Umwelt- und Entwicklungsorganisationen lobten das Abkommen. „Solch transformative Paris-Partnerschaften beschleunigen den globalen Abgesang der Kohle. Deutschland sollte die Initiative zeitnah auf weitere kohleabhängige Schwellenländer wie Indien und Indonesien ausweiten“, forderte Christoph Bals, politischer Geschäftsführer von Germanwatch.

    3. Wälder

    Wälder nehmen ein Drittel der jährlich vom Menschen ausgestoßenen CO2-Emissionen auf. Doch sie schrumpfen bedenklich: Jede Minute geht eine Fläche von etwa 27 Fußballfeldern verloren.

    Mehr als hundert Staaten bekannten sich in Glasgow dazu, die Entwaldung bis zum Jahr 2030 beenden zu wollen – eine Ankündigung, die zwar im Grundsatz richtig ist, aber nach Ansicht von Umweltexperten viel zu spät die Reißleine zieht. Kritik gab es vor allem daran, dass in den nächsten neun Jahren Rodungen noch möglich sind. Zudem, so heißt es, habe sich eine ähnliche Erklärung aus dem Jahr 2014 als vollkommen wirkungslos erwiesen.

    Die beteiligten Länder verfügen über 85 Prozent der weltweiten Waldfläche, also etwa 34 Millionen Quadratkilometer. Auch Kanada, Russland, Brasilien, Indonesien sowie China gehören dazu.

    4. E-Mobilität

    Johnsons viertes COP-Ziel, der Verkehr, steht erst am Mittwoch auf der Tagesordnung in Glasgow. Laut „Financial Times“ ist eine Erklärung geplant, Neuwagen mit Verbrennungsmotor ab 2040 zu verbieten – und schon 2035 in den Hauptmärkten.

    Laut „FT“ wollen Autobauer wie VW und BMW sich nicht darauf einlassen. Auch die Regierungen der größten Automärkte USA, China und Deutschland wollen demnach nicht unterschreiben.

    Einzelne Regierungen haben das Verbot längst beschlossen: Die britische Regierung gibt hier den Takt vor mit dem Verbot des Verbrennungsmotors ab 2030. Noch strikter ist Norwegen, wo der Motor bereits ab 2025 nicht mehr verkauft werden darf. Die EU-Kommission hat 2035 vorgeschlagen, aber einzelne Länder wollen den Zeitpunkt noch hinauszögern.

    5. Methan

    Neben den eigentlichen COP-Verhandlungen gab es in Glasgow auch eine Reihe von Neben-Deals. Eine der wichtigsten Vereinbarungen betrifft die Reduktion von Methan-Emissionen. Hundert Länder haben sich auf Initiative der EU und der USA verständigt, bis 2030 mindestens 30 Prozent weniger fossiles Methan in die Atmosphäre zu blasen.

    Allerdings haben laut Klimaschützern noch nicht alle der hundert Länder, die zusammen für 30 Prozent der weltweiten Methanemissionen stehen, das Abkommen auch tatsächlich unterschrieben. Als fossiles Methan bezeichnet man Methan, das bei der Förderung von Erdgas und Erdöl frei wird oder aufgrund von Undichtigkeiten im Erdgas-Pipelinesystem entweicht.

    Die USA und die EU feiern die Verständigung als Meilenstein. Tatsächlich ist der klimaschädigende Effekt von Methan um den Faktor 28 höher als der von Kohlendioxid. Nach Angaben der EU-Kommission geht rund die Hälfte der bisherigen globalen Erwärmung auf den Methanausstoß zurück. Und: Der Ausstoß steigt immer weiter an. Im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten haben sich die Methanwerte in der Atmosphäre verdreifacht.

    Die bisherigen Ankündigungen der COP26 übersteigen die teils niedrigen Erwartungen an das Treffen. Allerdings betonen die Umweltorganisationen in Glasgow, dass es auf die Umsetzung ankomme. „Es gibt jede Menge Ankündigungen“, sagt Viviane Raddatz, Chefin des deutschen WWF. „Aber noch ist nicht klar, was vor 2030 umgesetzt wird.“

    Klimaschützer fordern, dass die Umsetzung der Ziele jährlich überprüft wird. Über einen Kontrollmechanismus wird noch debattiert. Strittig ist auch noch, ob es eine politische Erklärung gibt, in der sich alle Staaten dazu verpflichten, ihre Klimamaßnahmen zu beschleunigen.

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